Stell dir vor, du drückst auf Play und irgendwo in einem fensterlosen Büro in Moskau ploppt ein Datenpaket beim FSB auf. Während die EU 2026 auf der Seite der Ukraine steht, fließen die Rubel für westliche und vor allem US-amerikanische Superstars wie Eminem und Kendrick Lamar munter weiter – über eine Plattform, die tiefer im Kreml-Sumpf steckt als ihr europäisches Hochglanz-(Re-)Branding vermuten lässt.
osTraum hat die Spur von Yandex verfolgt: Ein Tech-Gigant, der sich einer juristischen Identitätsumwandlung unterzogen hat, um als „Nebius Group“ den Westen zu erobern, während er zu Hause den digitalen Gulag mit aufgebaut hat und nun einfach alles vergessen lassen möchte. Ob das so einfach geht?
Der Sound der Besatzung
Eigentlich sollte Spotify in Russland Geschichte sein. Nach der Vollinvasion 2022 und der rasanten Erosion jeglicher Freiheit packte der Streaming-Riese offiziell seine Koffer. Doch der Kreml füllt das Vakuum effizient. Seit Oktober 2025 ist Spotify endgültig blockiert. Wer in Russland Musik hören will, landet vor allem bei Yandex Music. Dort herrscht eine bizarre Koexistenz: Shaman, der nationalistische Posterboy des Kremls, und die Rock-Sängerin Tschitscherina, die in besetzten Gebieten spielt, thronen in den Charts. Die belarusisch-israelisch-russische Band BI-2, die fast an Russland ausgeliefert worden wäre, versuchte vergeblich, Tschitscherina zu untersagen, das gemeinsame Lied “Moj Rock’n’Roll” (Mein Rock’n’Roll) zu spielen:
So unerträglich ist das Feature nach fast 25 Jahren geworden, dass BI-2 eine neue Version mit der russischen oppositionellen Sängerin Monetochka aufgenommen haben:
Da wären auch ahnungslose(?) Weltstars: Eminem (6,6 Mio. Hörer), Kendrick Lamar (1,8 Mio.), Kanye West (2,7 Mio.) und viele weitere – sie sind alle da. Während westliche Labels offiziell Sanktionen umsetzen und Büros in Russland längst zu sind, generieren die Songs der internationalen Stars in Russland weiterhin Klicks und Kohle. Das Geld fließt über ein Unternehmen, das längst zum verlängerten Arm der russischen Sicherheitsapparate geworden ist: Yandex und dessen Streaming-Dienst Yandex.Music:



US-Rapper Eminem, Kanye West und Kendrick Lamar mit brandneuen Singles aus den Jahren 2025 und 2026 auf Yandex.Music. [Anm. d. Red.: Mit schwarzen Kreisen in der linken unteren Ecke wurde der Name unseres Informanten überdeckt.]
Vor Februar 2022 war die Welt für ukrainische Pop-Größen wie Alyona Alyona, Jerry Heil und Monatik noch eine andere. Yandex.Music war ein Standard-Tool für mehr Reichweite. Doch mit dem Angriff der russischen Truppen auf das gesamte Gebiet der Ukraine setzten diese Künstler*innen einen „fetten Punkt“ hinter ihre Präsenz auf russischen Plattformen. Ein kompletter Rückzug, so der Plan. Doch die Realität der Musikindustrie ist komplizierter. Ihre Stimmen spuken weiterhin durch die russischen Server, auch in neuen Liedern nach 2022 als Features auf Tracks internationaler Partner:



Accounts ukrainischer Musiker*innen Alyona Alyona, Jerry Heil und Monatik mit teilweise aktuellen Singles auf Yandex.Music. [Anm. d. Red.: Mit schwarzen Kreisen in der linken unteren Ecke wurde der Name unseres Informanten überdeckt.]
Besonders brisant ist der Fall der Kooperationen mit dem französischen DJ und Produzenten Vladimir Cauchemar. Cauchemar ist kein Unbekannter. Er stilisiert sich ganz bewusst als „ostslawisch“, trägt Totenkopfmasken und spielt mit der Ästhetik, die irgendwo zwischen russischem Underground, Pariser Clubszene und Gangsta Rap pendelt. Er produzierte für US-Rapper wie 6ix9ine und arbeitete mit dem estnischen Rapper Tommy Cash zusammen. Weil aber die Rechte an diesen gemeinsamen Tracks oft bei den internationalen Partnern oder Labels liegen, landen Kollaborationen von Alyona Alyona mit Cauchemar weiterhin ungehindert bei Yandex.Music:

Der französische Musiker, DJ und Producer Vladimir Cauchemar mit brandneuen Singles auf Yandex.Music. [Anm. d. Red.: Mit schwarzen Kreisen in der linken unteren Ecke wurde der Name unseres Informanten überdeckt.]
Während sich die ukrainischen Stars aktiv gegen den Krieg positionieren und die Nutzung der Plattform nach 2022 verweigern, verdienen russische IT-Giganten, und damit der Staatsapparat, weiterhin an ihrem Talent. Die Plattform nutzt diese „Grauzonen-Features“ und die Namen globaler Stars, um ihr internationales Flair zu wahren, während sie gleichzeitig Shaman-Propaganda in die Ohren der User pumpt. Es ist eine perfide Form der digitalen Enteignung. Man will nicht Teil dieses Systems sein, aber man wird durch die Hintertür zum Content-Lieferanten für einen Staat gemacht, der das eigene Land vernichten will. Yandex.Music gibt es übrigens im europäischen App Store, auch wenn User*innen für die aktive Nutzung eine Handynummer aus Russland oder einem anderen “freundlichen” Staat brauchen.
Ein System ohne „Stop“-Taste
Diese komplizierten Zusammenhänge der Tech- und Musikbranchen zeigen das eigentliche Yandex-Problem: Es ist ein Ökosystem, das sich nimmt, was es braucht. Ob es nun die Daten von Facebook-User*innen sind (wie im Deal von 2014) oder die Stimmen ukrainischer Rapper*innen, Yandex ignoriert den moralischen und juristischen Widerstand – eine Hintertür gibt es immer, solange der Content die Plattformen attraktiv hält. It’s just business. Nothing personal. Während westliche Investoren wie Microsoft und Nvidia Milliarden in das „neue Gesicht“ von Yandex – die Nebius Group – pumpen, bleibt die Frage: Wie viel (Herz-)Blut klebt eigentlich an den Renditen dieser „europäischen“ Tech-Zukunft?
Die Verwandlung 1: Von der Suchmaschine zum Spionagetool
Yandex begann 1997 als sympathisches Tech-Start-up aus dem wissenschaftlichen Sektor. Doch die Geschichte des „russischen Google“ ist eine Chronik der sukzessiven Unterwerfung. Nur ein paar wichtigster Stationen:
- 2009 Auf Geheiß von Medwedew kauft die staatliche Sberbank „Goldene Aktien“ von Yandex und damit Sonderrechte für den Kreml im Unternehmen, vor allem bei seiner Überwachung.
- 2014 Yandex kriegt via Facebook-Deal Userdaten aus allen GUS-Ländern und der Türkei. Im selben Jahr besetzt Russland die Krim; CEO Arkadi Wolosch verlässt das Land, aber nicht seinen Posten, sein Baby bleibt und erstellt „weiße Listen“ loyaler News-Seiten.
- 2017 Alexej Nawalny warnt davor, dass Yandex entweder kooperieren oder verstaatlicht werden würde. Im gleichen Jahr blockierten ukrainische Geheimdienste Yandex nach Razzien in Kyjiw und Odesa, da der Verdacht bestand, Moskau nutze die Daten für Angriffspläne. Moskau schließt daraufhin die Büros in der Ukraine.
- 2018 entfernt Mozilla Firefox aufgrund diverser IT-Gefahren Yandex aus seinen Standardeinstellungen.
- 2019 wurden im Unternehmen auf staatliche Initiative Umstrukturierungen vorgenommen, nach denen der Staat noch mehr Mitspracherecht bekam. Der FSB erhält direkten Zugriff auf die Datenverarbeitungstechnologien von Yandex.
- 2022 Nach der großflächigen Invasion in die Ukraine werden Suchergebnisse so manipuliert, dass Kriegsverbrechen für russische User*innen unsichtbar bleiben. Gleichzeitig pusht Yandex Phishing-Seiten, um potenzielle „Verräter“ (Freiwillige für die Ukraine) in die Falle zu locken. Über die Rolle von Yandex im Krieg gegen die Ukraine gibt es sogar eine eigene Wikipedia-Seite auf Russisch.
Die Verwandlung 2: Moskau wird Amsterdam
Der Clou kommt aber jetzt: Arkadi Wolosch, der Gründer, hat den ultimativen Exit-Trick vollzogen. Er ist kein Russe mehr, er ist Israeli, hat außerdem einen maltesischen Pass und ist damit auch EU-Bürger. Im August 2023 schimpfte er plötzlich über den „barbarischen“ Krieg, daraufhin wurden die EU-Sanktionen gegen ihn 2024 einfach eiskalt fallen gelassen. Sein neues Baby heißt Nebius Group N.V. – der Gründer sitzt in Amsterdam und behauptet, absolut nichts mehr mit Russland zu tun zu haben. Schauen wir genau hin, entsteht ein immer stärkeres Gefühl, dass vor uns Potemkinsche Dörfer aufgebaut wurden. Nebius hat rund 1.000 Mitarbeiter und die großen Teile der Technologien vom „alten“ Yandex übernommen. Während Wolosch im Westen den geläuterten Tech-Visionär gibt, wird in Russland über ihn neutral berichtet, der Erfolg seines „russländischen Projekts“ sogar gefeiert. Nvidia investiert 2 Milliarden, Microsoft satte 17 Milliarden Euro. In Finnland baut Nebius eine AI-Factory und die hauseigene Technologie Toloka AI wird bereits bei Amazon und Hugging Face eingesetzt. Der Westen kauft die KI-Expertise ein, die jahrelang mit Daten aus dem russischen Überwachungsstaat gefüttert wurde. „Kann jemand, der an dem digitalen Gulag so viel mitgebaut hat, sich so schnell und einfach davon distanzieren?“ – Mediazona (Nachrichtenportal, gegründet von Maria Aljochina und Nadja Tolokonnikova von Pussy Riot).
Der Geist in der Maschine
Während Wolosch im Westen als politisch rehabilitiert gilt, steht er auch bei russischen Portalen wie Dzen oder 4pda Nebius gar nicht schlecht da. Nebius wird weiterhin als ein „russländisches Projekt“ bezeichnet, das erfolgreicher als Yandex sei. Wolosch wurde in Russland weder zum „Auslandsagenten“ erklärt noch wegen „Diskreditierung der Armee“ angeklagt – ein Privileg, das kaum ein anderer Kriegskritiker genießt. Wie tief die Zusammenarbeit mit dem FSB wirklich geht, zeigt die Akte „Alisa“: 2025 forderte der Geheimdienst einen 24/7-Zugriff auf die Smart-Home- und Stimmerkennungssoftware. Die Strafe für die (angebliche?) Nicht-Erfüllung waren lächerliche 10.000 Rubel, also etwa 100 Euro. Ein Betrag, der eher nach einem PR-Ablenkungsmanöver aussieht als nach einer echten Sanktion.
Arkadi Wolosch hat das Unmögliche geschafft: Er hat freiwillig oder unfreiwillig jahrelang am digitalen Gulag in Russland mitgebaut, sich dann mit einem einzigen Wort („barbarisch“) und dem Rücktritt von russländischer Staatsbürgerschaft zugunsten von Israel und Malta reingewaschen und lässt sich jetzt von Nvidia und Microsoft mit Milliarden zuschütten. Während echte Kreml-Kritiker*innen im Knast landen, gefoltert und umgebracht werden, wird Nebius in Moskau als technologischer Vorposten gefeiert. Wolosch nennt die Invasion der Ukraine „barbarisch“. Ein Wort, das für jeden “normalen Russen” zehn Jahre Straflager wegen „Diskreditierung der Armee“ bedeuten könnte. Doch Wolosch ist nicht normal. Er ist der Architekt von Yandex. Und während er in Tel Aviv, Amsterdam, auf Malta und in Nordamerika den geläuterten Europäer spielt, zeichnen russische Medien ein völlig anderes Bild. Dort ist er kein Abtrünniger. Dort ist er ein Gründer und ein russländischer Projektleiter. Während Musiker*innen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen und und und als „ausländische Agenten“ gebrandmarkt werden, bleibt Wolosch juristisch unantastbar. Russische Portale wie Adpass und Dzen berichten fast schon stolz, dass der „Yandex-Gründer das größte Rechenzentrum Europas baut“. Die Plattform 4pda schreibt, dass Woloschs neue KI-Entwicklung „Toloka AI“ bereits tief in westliche Strukturen wie Amazon und Hugging Face eingedrungen ist.
Mit Nebius geschieht alles sehr schnell. Es erobert die EU. Dabei hat das niederländisch-spanisch-belgisches Forschendenteam um Tim Vlummens und Aniketh Girish gerade 2026 festgestellt, dass Codes von Yandex fragwürdige Tracking-Module enthalten, die jahrelang inaktiv und daher unbemerkt bleiben, dann aber aber den Rahmen des Erlaubten im individuellen Datenschutz verlassen und persönliche Daten sammeln können (zum Forschungsartikel auf GitHub).
Die Logik des Kremls: Kriegskritik ist nicht gleich Kremlkritik
Man muss den Code der russischen Macht verstehen: Wolosch kritisiert die „Barbarei“ des Krieges, aber er greift nicht Putinismus an. Das ist ein feiner, aber lebenswichtiger Unterschied, den auch Ultranationalisten nutzen. Wer die Führung des Krieges kritisiert, ist oft kein Oppositioneller, sondern ein Optimierer. Indem Wolosch seinen russischen Pass abgab und sich offiziell distanzierte, lieferte er dem Westen das moralische Alibi, das er brauchte, um die Milliarden fließen zu lassen. Der Coup: Die EU strich ihn 2024 von der Sanktionsliste. Damit war der Weg frei für den wohl größten Tech-Heist in der Geschichte Europas. Wenn russische Medien Nebius als „noch erfolgreicher als Yandex“ bezeichnen, stellt sich die Frage: Warum sollte ein Staat, der sonst jeden Funken Dissens erstickt, diesen Erfolg eines Abtrünigen anerkennen? Die Antwort ist simpel: Das Netzwerk um Yandex und Nebius ist Russlands Lebensversicherung im KI-Zeitalter. Während russische Hardware unter Sanktionen steht, sitzt die russische Software-Elite nun in Amsterdam, finanziert von US-Giganten, und baut die Infrastruktur der europäischen Zukunft. Wolosch ist dabei kein europäischer Unternehmer. Er ist der Prototyp des post-nationalen Oligarchen, der gelernt hat, dass Daten keine Moral haben und Milliardeninvestitionen kein Gedächtnis.
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