Die sowjetische Moderne in Architektur: Die sieben Bauwerke

Die markanten Bauten des Sowjetischen Modernismus sind schwierig zu übersehen. In den letzten Jahren bekamen sie international immer mehr Aufmerksamkeit, der Hype um das Thema ist nicht zuletzt dem Buch des französischen Fotografen Frédéric Chaubin „CCCP. Cosmic Communist Constructions Photographed“ zu verdanken. Auf Instagram bekommen die Fotografien der ungewöhnlichen sowjetischen Architektur zwischen den 1960ern und den späten 1980ern/frühen 1990ern regelmäßig Likes und Shares im fünf- oder sechsstelligen Bereich. Architekturinteressierte pilgern in die post-sowjetischen Staaten, um noch erhaltene Denkmäler der vergangenen Zeit mit ihren Handys, Spiegelreflex- oder Analogkameras abzulichten. Nach dem Verlust einer Reihe an bedeutenden Bauten aus dieser Zeit wird es umso wichtiger das einzigartige Architekturerbe zu erforschen und zu erhalten. Was ist aber so besonders an der sowjetischen Moderne in Architektur? Was zeichnet sie aus? 

Copyright: Eigene Aufnahme. Buchcover © Frédéric Chaubin / Taschen

Die Architektur der sowjetischen Moderne umfasst die Zeitspanne von 1955 bis 1991 (vgl. das Forschungsprojekt und die Ausstellung „Sowjetische Moderne 1955–1991: Unknown Histories im Architekturzentrum Wien im Jahr 2012). Inspiriert durch die Visionen der sozialistischen Utopie, einer besonderen Vorstellung von der Stadt der Zukunft, entwarfen die sowjetischen Architekt*innen zahlreiche Bauprojekte, die „auf Augenhöhe mit der zeitgleich entstandenen Architektur des Westens gesehen werden“ (vgl. Steiner, Dietmar) müssen, sich aber auch durch ihre radikale neue Form von ihren westlichen Zeitgenossen unterschieden. Während sich die sowjetischen Baurojekte der 1920er Jahre infolge eines intensiven Austausches mit den internationalen Kolleg*innen (u.a. mit Bauhaus) entwickelten, änderte sich in den 1930er Jahren, unter Stalin, die Haltung zur Rolle der Architektur in der UdSSR mit dem zunehmenden politischen Druck und den Repressionen. Die Architekturexperimente wurden als „formalistisch“ und „bourgeois“ von der Partei verurteilt (vgl. Ronneberger, Klaus u. Schöllhammer, Georg).

Mit dem „Tauwetter“, nach 1955, wurden die modernistischen Prinzipien, die Ideen der Konstruktivsten, in der sowjetischen Architektur wieder aufgenommen, was zu mehr Variation in Architektur und zu originellen, individuellen Bauprojekten führte. Zwar mussten die lokalen Planungen in den sowjetischen Republiken von Moskau freigegeben werden, entwickelten die lokalen Eliten und Architekt*innen immer neue Strategien, um dieser Kontrolle zu entkommen (vgl. Steiner). Mit Bibliotheken, Forschungszentren, Sanatorien, Hotels, Zirkussen, Museen und Monumenten wird es für die Republiken der Sowjetunion möglich, ihre nationale Identität durch Architektur zu repräsentieren. Nach der Stalin-Zeit haben die sowjetischen Architekt*innen wieder mehr Kontakt zu ihren Kolleg*innen im Ausland. Durch diesen Austausch entwickeln sie eigene technische Lösungen (vgl. Ronneberger u. Schöllhammer). Solche Architekten wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe finden immer mehr Beachtung. Die neue sowjetische Ästhetik wird aber auch stark durch die Publikationen über Architektur aus den sozialistischen Ländern Zentraleuropas, wie Tschechoslowakei oder Polen, beeinflusst. 

Wie sah diese Architektur aus? osTraum stellt euch 7 markante Bauten vor, die während der Sowjetunion in Litauen, Belarus, Georgien, der Ukraine, Kasachstan und Moldau gebaut wurden.

7. „Žilvinas“ (Litauen, 1969)

„Žilvinas“ in der litauischen Palanga an der Ostseeküste ist ein Erholungszentrum, das 1969 entstand. Der Architekt Algimantas Lėckas entwarf diesen Bau zusammen mit dem Bauingenieur Kęstutis Augustinas, inspiriert durch die Bauhaus-Konzepte. Das Gasthaus gehörte zum Ministerrat der Litauischen SSR, heute ist es ein seltenes Beispiel des dezenten Brutalismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des sowjetischen Modernismus. Die Konstruktion ähnelt einem Baum und ist nahtlos in die grüne Landschaft integriert. Der Gebäudekomplex besteht aus einem Hauptgebäude mit 21 Apartments und einem Gewerbebau, das früher eine Kantine, eine Sauna, ein Schwimmbad, einen Billardraum und weitere Verwaltungsräume beherbergte. Seit 2013 gehört „Žilvinas“ zum Kulturerbe Litauens, das sorgfältig renovierte Gebäude ist heute ein Hotel. 

Copyright: Maria Gerasimova © osTraum

6. Das Schauspielhaus von Grodno (Belarus, 1984) 

Das Schauspielhaus von Grodno ist ein wahres Kennzeichen der Stadt, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem mittelalterlichen Burg aufweist. Das Theater liegt am Ufer des Flusses Neman und gehört zu den bekanntesten Beispielen des Sowjetischen Modernismus. Das Gebäude besteht aus zwei Sälen, einem großen mit ca. 700 und einem kleineren mit 216 Plätzen. Vor dem Eingang ins Schauspielhaus befindet sich die Skulptur von Pegasus (Bildhauer: Leonid Zilber). Neben den brutalistischen Zügen zeichnet sich die Architektur des Theaters durch Neofuturismus und strukturellen Expressionismus. Das Schauspielhaus wurde anstelle des nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Bernhardiner Klosters und der katholischen Kirche „Der Geburt der Jungfrau Maria“ nach dem Projekt des Moskauer Instituts „Giprotheater“ (Architekt: Gennadii Matschulski) gebaut. Dank seiner Lage am hohen Flussufer ist das Schauspielhaus von unterschiedlichen Standpunkten der Stadt gut sichtbar.

Copyright: Marco Fieber „Grodno“ via Flickr (Lizenz CC BY-NC-ND 2.0. Deed)

5. Das Hotel „Kasachstan“ (Kasachstan, 1977).

Das Hotel „Kasachstan“ in der Stadt Almaty wurde zwischen 1975 und 1977 gebaut (Architekten L. Ukobotow, J. Ratuschny, A. Dejew, N. Matwiez, A. Tatygulow, M. Abuldinowa, V. Krasnjanskij). Mit 26 Stockwerken und 102 m Höhe war es bis 2008 das höchste Gebäude der Stadt. Das Einzigartige an dem Hotel „Kasachstan“ ist nicht nur sein Architekturstil, sondern auch die Tatsache, dass das Hochhaus in dem erdbebengefährdeten Gebiet gebaut wurde. Die Basis des Hotels bildet eine monolithische Konstruktion aus Stahlbeton, oben wird der Wolkenkratzer von einer goldenen „Krone“ geschmückt. Nach der großen Renovierung in den 2010er Jahren erfüllt das Gebäude heute wieder seine Funktion als Hotel.

Copyright: DS28 „Hotel Kazakhstan (Almaty) 2022.03.24“ via Wikimedia Commons (Lizenz: CC BY-SA 4.0. Deed)

4. Der „Hochzeitspalast“ von Vilnius (Litauen, 1974).

Der „Hochzeitspalast“ in Vilnius fällt auf den ersten Blick durch die markante Treppe auf, die direkt in das zweite Obergeschoss führt. Das Gebäude wurde 1974 auf dem Gelände des ehemaligen evangelisch-lutherischen Friedhofs unter der Leitung des Architekten Gediminas Baravykas errichtet. Während der zweite Stock für die Hochzeitszeremonien vorgesehen ist, dienten die Räumlichkeiten im Erdgeschoss der Verwaltung und dem Standesamtarchiv. Die einzelnen vertikalen Elemente verleihen dem Hochzeitspalast das Volumen. Sein Äußeres ist zwar dezent, aber trotzdem feierlich. Im Inneren werden die Ehepaare in spe und ihre Gäste von dem zarten Dekor empfangen – die hellen Gipswände in Kombination mit Wandteppichen der Textilkünstlerin Zinaida Kalpokovaitė-Vogelienė, Möbeln des Architekten Eugenijus Gūz und Buntglasfenstern des Künstlers Konstantinas Šatrūnas. Nach seiner Errichtung wurde der Hochzeitspalast bis jetzt nicht rekonstruiert, die Trauungen finden nach wie vor im authentischen Ambiente statt.

Copyright: Maria Gerasimova © osTraum

3. „Romanita“ Kollektivwohnungsbau (Moldau, 1978)

Der Kollektivwohnungsbau „Romanita“ (aus dem Rumänischen: die Kamille) in Chisinau wurde Mitte der 1970er Jahre gebaut. Das Gebäude mit 22 Ebenen und kleinen Familienwohnungen sollte die Wohnungsnot der Hauptstadt Moldaus stillen. Die Bauzeitspanne umfasste beinahe 9 Jahre zwischen 1978 und 1986. Der Architekt O. Vronski erschuf „Romanita“ in Zusammenarbeit mit Ingenieuren O. Blogu, S. Crani, N. Rebenko und P. Feldman. Mit ca. 77 m Höhe war „Romanita“ mal das höchste Gebäude in Chisinau. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Familienwohnungen zum Privateigentum. Leider ist der heutige Zustand von „Romanita“ nicht besonders erfreulich. Neben dem Verfall wegen mangelnder Renovierungsarbeiten leidet die äußere Gestalt des Gebäudes unter der willkürlichen und illegalen Erweiterung von Balkonen und Terrassen durch die Bewohner*innen. 

Copyright: Jussi Toivanen „The collective housing tower „Romanita“ in Chisinau, Moldova“ via Flickr (Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0. Deed)

2. Das Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Straßenbau (Georgien, 1975).

Das Verwaltungsgebäude des Ministerium für Straßenbau in Tiflis wurde nach den Plänen der Architekten Giorgi Tschachawa und Surab Dschalagonia errichtet. Nach dem Umbau in den Jahren 2010-2011 funktioniert es heute als Hauptsitz des Bank of Georgia. Das ehemalige Verwaltungsgebäude des Ministeriums liegt außerhalb des Stadtzentrums, am Ufer des Flusses Kura. Laut dem Architekten beruht das Konzept auf dem Prinzip des Waldes, somit entsprächen die Gebäudekerne den Baumstämmen und die Riegel den Baumkronen. Durch dieses ungewöhnliche Konzept, das den Namen „Raumstadt“ trägt und vom Architekten patentiert wurde, soll die Landschaft unter dem Gebäude unberührt bleiben. Der Einsatz von Beton erlaubt einerseits das Verwaltungsgebäude des georgischen Ministeriums für Straßenbau dem Brutalismus zuzuordnen, andererseits erinnert es aber auch an die Projekte der russischen Konstruktivsten aus den 1920er Jahren. Das osTraum-Logo ist eine Hommage an das architektonische Kunstwerk.

Copyright: @marivs.bln (Instagram)

1. Das Kyjiwer Krematorium (Ukraine, 1975).

Das Kyjiwer Krematorium ist das einzige Krematorium in der ukrainischen Hauptstadt. Die Projektidee des „Parks des Erinnerns“ entstand bereits in den 1960er Jahren. Die Architekten Awraam Milezki, Ada Rybatschuk, Wladimir Mel’nitschenko erarbeiteten das Konzept, das aus zwei runden Verabschiedungssälen auf einem Podium bestand, unter dem sich das Krematorium befand. Die Konstruktion mit zwei „Muscheln“ aus weißem Beton vermittelt einen außerirdischen Eindruck und wurde von Architekt*innen selbst als „Tempel des Himmels“ bezeichnet (vgl. dazu auch den osTraum-Beitrag über den Brutalismus in Kyjiw). 

Neben dem Krematorium selbst war von Rybatschuk und Mel’nitschenko noch eine „Erinnerungsmauer“ – ein Basrelief zum Thema Tod und Leben – geplant, die allerdings nicht erhalten geblieben ist. Das Basrelief war beinahe fertig, als 1982 beschlossen wurde, es vollständig einzubetonieren. Die offizielle Begründung war – die Unvereinbarkeit der abgebildeten Ideen und Themen mit den Prinzipien des Sozialistischen Realismus.

Das Krematorium bleibt nach wie vor der einzige Ort in Kyjiw, wo Feuerbestattungen stattfinden. Sein Zustand ist allerdings sehr schlecht. Die Wände sind mit Schimmel bedeckt, keine bedeutenden Renovierungsarbeiten wurden seit den 1970er Jahren durchgeführt. Laut den Medienberichten wurde die Rekonstruktion des Gebäudes nach zahlreichen Beschwerden nun 2023 Jahr gestartet. Der Status des Architekturdenkmals sowie die Intensivierung des Betriebs durch die Ausweitung des russländischen Krieges gegen die Ukraine 2022 verhindern jedoch einen schnellen Fortschritt. 

Copyright: Katja Müller für osTraum

Quellen:

Chaubin, Frédéric: CCCP. Cosmic Communist Constructions Photographed. Taschen (2017).

Ronneberger, Klaus u. Schöllhammer, Georg: Monumentaler und minimaler Raum. Die sowjetische Moderne in Architektur und Städtebau. In: ARCH+ (Ausgabe 175).

Steiner, Dietmar: Sowjetmoderne anerkennen. In: Bauwelt (19, 2011). 

Titelbild: Das Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Straßenbau in Tiflis, Georgien. Copyright: @marivs.bln (Instagram)


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