Stahl & Beton: Die Architektur Kyivs, Pt. 1

Der „Park der Erinnerung“ ist ein Wahrzeichen Kyivs, das auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich erscheint, denn es ist ein Krematorium. Fertiggestellt 1981, windet es sich auf einem Hügel über der Stadt. Außen herum sind Gräber angelegt – die Solomianska-Friedhöfe. Doch die Atmosphäre ist nicht die eines Friedhofs. Die fantastische Aussicht auf die Stadt und das leuchtende Weiß des Gebäudes, dessen Schatten mit der weiterziehenden Sonne eine Art riesiges Schattenspiel erschaffen, strahlen eine angenehme Ruhe aus. Die Architekt*innen A. Miletsky, A.Rybachuk, V.Mlenichenko und A. Podgory übten sich mit dem „Park“ in einer neuen Art des „psychologischen Bauens“. Früher gehörte dazu auch eine lange Mauer mit Reliefs, die die Besucher*innen von ihrer Trauer ablenken sollte. Diese war ein zentrales Element des Komplexes, da sie die Trauernden mit verschiedenen Szenen vom Mythos des Prometheus bis hin zum zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau auf andere Gedanken bringen sollte. Sie wurde allerdings nur kurz nach ihrer Fertigstellung, zehn Jahre nach Beginn der Arbeiten, wieder überbetoniert.

Die U-Bahn-Station Arsenalna ist ein Highlight für viele Kyiv-Besucher*innen. Sie ist die tiefste der Welt, 105,5 m tief geht es mit Rolltreppen unter die Erde. Das ist wohl auch der Lage auf einem Hügel direkt neben dem Fluss Dnepr, der die Stadt in zwei Hälften teilt, geschuldet. Es dauert mehrere Minuten, bis man die beiden langen Rolltreppen passiert hat und auf dem Hügel steht. Die Straße ist von Verkäuferinnen gesäumt, die kleine Ikonen und religiöse Utensilien (das berühmte Kyiver Höhlenkloster befindet sich ganz in der Nähe), traditionelle ukrainische Blusen (Vyshyvanka), Souvenirs oder Früchte anbieten.

Von der tiefsten U-Bahn-Station der Welt ist das berühmte Hotel Salyut leicht zu erreichen. Das Bauwerk stammt von den Architekt*innen A. Miletsky, N. Slohotska and V. Shevchenko sowie den Ingenieur*innen Y. Shames, S. Sirota und E. Furmanov. Es war zunächst als ein modernes Hochhaus gedacht, doch aufgrund eines Konfliktes mit der damaligen Regierung, die Gebäude möglichst unter einer Höhe von fünf Stockwerken halten wollte, wurden die Pläne geändert und der Wolkenkratzer wurde quasi „in der Mitte durchgeschnitten“. Das Gebäude türmt sich aber auch in seiner endgültigen Form beeindruckend über der Kreuzung auf, an der es steht. In der Nutzung als Hotel jedoch ist es nicht besonders effektiv: es gibt nur eine kleine Anzahl von Zimmern und das Hotel kann nicht expandieren. Die architektonische Bekanntheit des Baus könnte einer der Gründe sein, warum das Hotel noch immer in Betrieb ist.

Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt ist Родина-мать (die Mutter-Heimat-Statue). Von hier aus kann frau*man gemeinsam mit der insgesamt 102 m hohen und 500 Tonnen schweren Statue über die Stadt und den Fluss blicken. Sie wurde zunächst vom ukrainischen Bildhauer J. Wutschetitsch entworfen, nach dessen Tod 1974 wurde das Projekt auf W. Borodaj übertragen. Dabei diente diesem die Künstlerin K. Kaltschenko als Vorbild. Die Metall-Riesin ist die elftgrößte Monumentalstatue der Welt und die zweitgrößte Mutter-Heimat-Statue. In der Sowjetunion symbolisierte sie vor allem die Stärke des Heimatlandes und wurde zum Gedenken an den Sieg der sowjetischen Streitkräfte im zweiten Weltkrieg errichtet. Heute ist sie ein kurioses Meisterwerk der Bildhauerei, das viele West- und Mitteleuropäer*innen staunen lässt. Unter der Statue befindet sich das Nationalmuseum für die Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg und rund herum der Park des Ruhms mit Panzern, Kanonen, Flugzeugen und filigranen Darstellungen sowjetischer Krieger und Bürger*innen. Am Eingang des Museums, am Fuß der Statue, sind Sterne mit den Namen der sogenannten „Heldenstädte“ eingelassen.

Für Liebhaber*innen modernistischer und brutalistischer Architektur hat Kyiv noch mehr zu bieten, beispielsweise das im Volksmund als „Tarelka“ —  „fliegende Untertasse“ — bezeichnete Ukrainische Institut für Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, das auch die technisch-wissenschaftliche Staatsbibliothek beherbergt bzw. beherbergte. Um das Gebäude nahe der Metrostation Lybidska ist eine Debatte entbrannt, seit der Investor des benachbarten Einkaufszentrums „Ocean Mall“, das gerade gebaut wird, Pläne kundtat, die Untertasse in den Eingang des Zentrums einzubinden. Eine Gruppe von Architekturliebhaber*innen und Architekt*innen von der Organisation „Save Kyiv Modernism“ entwickelte daraufhin Pläne für eine originalgetreue Renovierung, in die auch der Architekt F. Yuriev, der gemeinsam mit L. Novikov das Gebäude entwickelte, miteinbezogen wurde. Es bleibt abzuwarten, ob die „fliegende Untertasse“ in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben oder dem raschen Wandel des Stadtbildes zum Opfer fallen wird.


Alle Fotos © Katja Müller für osTraum


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