Am 6. Januar, pünktlich zu Heiligabend der Serbisch-Orthodoxen Kirche, erschienen Weihnachtsgrüße des Chefredakteurs der serbischen Tageszeitung Danas (dt.: Heute), Dragoljub Petrović. Der Titel seines Beitrags: „Im Land der Christlichen Antichristen“. Petrović erzählte darin, wie sich seine religiöse Familie über die Jahrzehnte von der Kirche abgewandt hat und weist auf zahlreiche Missstände in der Kirche hin.
Ein Attentat im Namen der Religion?
Am 7. Januar, während das ganze Land in Frieden Weihnachten feierte, zusammen mit seinen russisch-orthodoxen Zugezogenen und dem Moskauer Patriarchat, muss die LGBTIQ*-Community kurz inne halten. Das Pride-Infozentrum erleidet genau an dem Tag einen Angriff, den 19. in seiner Geschichte, und den ersten, bei dem ein Sprengsatz zum Einsatz kam. Die Schaufenster des Zentrums wurden in die Luft gejagt. Der Angriff ereignete sich am helllichten Tag in einer viel befahrenen Straße mit zahlreichen Augenzeugen. Die Kirche äußerte sich nicht zu dem Vorfall. Das letzte größere Statement der Kirche gegenüber der LGBTIQ*-Community war 2022, als ein Pope sich zur EuroPride öffentlich mit den Worten äußerte:
„Ich besitze als Geistlicher keine Waffen, wenn ich welche hätte, würde ich Sie gegen die [LGBTIQ*-Community] verwenden.“
Der Glaube steht über dem Menschenleben
Am 12. Januar stirbt in Sremska Mitrovica ein neugeborenes Baby aufgrund eines christlich-konservativen Arztes, der sich weigerte einen Kaiserschnitt zu veranlassen, obwohl das restliche anwesende medizinische Personal ihn dazu aufgefordert hatte. Der Vorfall löst eine Protestwelle aus, ohne Äußerungen der Kirche, die mehrmals um eine Stellungnahme gebeten wurde. Aussagen, warum Abtreibungen als Mord gesehen werden, werden dagegen regelmäßig auf Infokanälen der Kirche veröffentlicht.
Im Vergleich zur russisch-orthodoxen Kirche, die größtenteils den Krieg gutheißt, äußert sich die serbisch-orthodoxe Kirche eher selten zum Angriffskrieg gegen die Ukraine. Einzelne serbische Popen predigen, dass Russland ein Recht habe sich zu verteidigen. Dass Russland der Angreifer dabei ist, bleibt unausgesprochen. Viele Popen predigen auch, dass alle orthodoxen Völker in Frieden leben müssen, einschliesslich der Ukrainer*innen. Etwas stärker ist die Radikalisierung im Kosovo als Folge der Ereignisse in Banjska am 24. September 2023 als mehrere pro-serbische Paramilitärs Schutz in einem Kloster aufsuchten und ihn fanden. Genau deswegen wird die Kirche von Petrović als antichristlich beschrieben.
Der Bund aus Kriegsverbrechern und der Kirche
Seit den Jugoslawienkriegen ist es oft vorgekommen, dass Kriegsverbrecher, Mörder und Kriminelle aller Arten in der Kirche Schutz aufsuchten und ihn auch bekamen. Laut Petrović muss man sich nur als Kriegsverbrecher und Mörder offenkundlich und oft bekreuzigen sowie kirchliche Feste offen in großer Manier bei sich Zuhause mit vielen Gästen feiern, um in den Augen der Kirche als guter Christ zu gelten. Da ist es auch keine Seltenheit, dass ein Pope auch mal eine neue Spielhalle segnet. Es ähnelt einer Epidemie, in der immer mehr Antichristen die Kirche aufsuchen, um der Öffentlichkeit und der Kirche zu zeigen, welch gute Menschen sie sind.
Gleichzeitig versucht die Kirche möglichst vielen Menschen in schwierigen Zeiten Halt zu geben. So spielte sie nach den Massakern am 3. und 4. Mai 2023 eine wichtige Rolle darin, den Familien der ermordeten Kinder Halt zu geben, bot Beratungsangebote und Seelsorge an, schuf ein Gemeinschaftsgefühl. Das Schwert ist, wie immer, zweischneidig. Viele Geistliche innerhalb kirchlicher Strukturen kritisieren, dass der Glaube zu einem oberflächlichen Trend geworden ist. Die Kirche kämpft mit dem Dilemma, dass sich viele Kriminelle, Kriegsverbrecher, Mörder und Vergewaltiger öffentlich auf den Glauben berufen und bei ihr nach Vergebung suchen. Da bei Reue das Vergeben von Sünden ein fester Bestandteil der Kirche ist, ergibt sich daraus ein Verhalten der Kirche, welches die Zivilgesellschaft kritisch betrachtet.
Ein Nachwort über Gewalt, Kirche und Familie
„Gott ist tot.“ sagte meine Freundin und drückte ihre Kippe aus. Es war ein heißer Februartag in Belgrad. Hallo, Klimakrise! Viele Cafés haben ihre Außenbereiche aufgemacht. „Wenn sich die Kirche für uns interessieren würde, dann würde sie auf die Missstände hinweisen. Klar, ich erwarte jetzt keine Regenbogenfahne vor Sv. Sava, aber man kann nicht schweigen, wenn ein Mann seine Frau erschießt und dann zur Pride wird an Familienwerte erinnert.“
Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen. Meine Mutter arbeitete in der Kirche. Jedes Mal berief sich mein Vater auf die Kirche und traditionelle Werte, um seine psychische Gewalt in der Familie zu rechtfertigen. Er ist auch mit vielen Popen befreundet. Die durfte ich im Laufe meines Lebens natürlich auch kennenlernen. Ich habe es nie verstanden, wie es bei uns Zuhause so viel Gewalt geben konnte, und die angeblich geistlichen Freunde meines Vaters ihn als den heiligsten aller Heiligen lobten. Je mehr ich mit anderen Menschen darüber gesprochen habe, desto öfter sah ich, dass Menschen es nicht hören wollten.
Die Serbisch-Orthodoxe Kirche hat es seit den Jugoslawienkriegen vermasselt, Haltung zu zeigen und einen moralischen Kompass einzurichten. Wer eine Spielhalle segnet, dessen Ziel es ist, die eigenen Kunden in Armut zu treiben, der hat keinen moralischen Kompass. Wie meine Freundin, erwarte ich die Kirche nicht bei der Pride. Wie ich aber auch dem serbischen Nachrichtenportal N1 sagen durfte: „Ich erwarte es von der Kirche, nicht mit Waffen bedroht zu werden.“. Vielmehr erwarte ich auch, dass Paramilitärs, die dabei sind, Polizisten umzubringen, keinen Schutz im Kloster finden. Dass man sich gegen jeden Mörder positioniert, der mit seinem Kreuz-Tattoo den Namen der Kirche missbraucht. Wenn man sich wirklich nicht auf diese Mindeststandards einigen kann: Dann ist es die Kirche der Antichristen.
Titelbild: Dom des Heiligen Sava in Belgrad. Copyright: Jorge Lascár „Church of Saint Sava“ via Flickr (Lizenz: CC BY 2.0. DEED)
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