Spurensuche im postsowjetischen Raum: Victoria Lomasko

Marginalisierten und Unterdrückten in Russland eine Stimme und ein Gesicht geben – das war das Motto von Victoria Lomaskos erstem Buch „Die Unsichtbaren und die Zornigen“. Die Moskauer Künstlerin, die seit März 2022 im Exil lebt, zeigte in dieser dokumentarischen Graphic Novel eindrücklich den Alltag von Gefangenen, Sexarbeiter*innen, Arbeitsmigrant*innen und politisch Verfolgten. In ihrem neuen Buch erweitert sie ihren Blick über die Grenzen Russlands hinaus und erkundet den sogenannten postsowjetischen Raum. „Die letzte sowjetische Künstlerin“ heißt die Sammlung von Reportagen aus Text und Bild.

Lomasko ist mit Kinderbüchern aufgewachsen, die mit romantisierten Bildern märchenhafter Landschaften und fröhlicher Menschen in bunter Tracht von der Völkerfreundschaft zwischen den sowjetischen Teilrepubliken erzählten. Was ist übrig geblieben von diesem Narrativ? Welche Spuren hat der sowjetische Imperialismus in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hinterlassen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, reiste Lomasko nach Armenien, Georgien, Kirgistan, Belarus und in die russischen Teilrepubliken Dagestan und Inguschetien.

Mit ihren eindringlichen Zeichnungen in Schwarz-Weiß und teilweise mit Filzstift coloriert fängt Lomasko Gesichter, Szenen und Orte gekonnt ein und schafft starke Momentaufnahmen. Die begleitenden Texte beschreiben persönliche Begegnungen und Eindrücke und ordnen diese in den politischen und historischen Kontext ein. Spuren des sowjetischen Erbes entdeckt Lomasko auf ihren Reisen ganz unterschiedliche. In Georgien erzählen ihr manche begeistert, wie sie die Unabhängigkeit erkämpft haben, andere sind voller Nostalgie und verehren noch immer Stalin, den wohl berühmtesten Georgier. Ein älterer Mann hat in seinem Hinterhof ein privates Freilichtmuseum zu Ehren des Diktators eingerichtet. In Armeniens Hauptstadt Jerewan, wo der öffentliche Raum zunehmend privatisiert wird und historische Stadtviertel neuen Bauprojekten weichen müssen, findet Lomasko in einem Hinterhof den abgeschlagenen Kopf eines gestürzten Lenin-Denkmals. Ganz verschwunden ist das Sowjetische auch hier nicht.

Doch Lomaskos Reportagen drehen sich mitnichten nur um die Geister der Vergangenheit. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Lage von Frauen und queeren Menschen. Vielerorts bestimmt Traditionalismus das Leben: In den Bergdörfern von Dagestan wird Genitalverstümmelung bei Mädchen praktiziert und eine der Frauen, denen Lomasko begegnet, ist mit 32 Großmutter geworden. „Mädchen werden so früh wie möglich verheiratet, bevor sie eine eigene Meinung entwickeln können“, sagt Uma, eine der Interviewten.

Aber es werden auch empowernde Momente geschildert: Treffen von feministischen Aktivist*innen, der Kampf für mehr Rechte und ein geheimer LGBTQI*-Club in Kirgistans Hauptstadt Bischkek, der queeren Menschen einen geschützten Raum bietet. Und der ist bitter nötig, denn im Alltag gibt es wenig Sicherheit: „Wir sind ständig mit Erniedrigungen und Beleidigungen konfrontiert. Wir wissen nicht, wie wir weiterleben sollen. Wie soll man einen Partner finden? Wie sollen wir es unseren Eltern sagen? Oder wie verhindern wir, dass unsere Eltern es erfahren? Wie kommen wir gefahrlos aus dem Club wieder nach Hause?“ – das erzählen Clubbesucher*innen Lomasko, während sie sie zeichnet.

Während der Proteste in Belarus sind Frauen die treibende Kraft unter den Protestierenden, sie stellen sich trotzig den gepanzerten Polizeifahrzeugen entgegen, sie erzählen Geschichten von Mut und Solidarität, aber auch von Angst, Repressionen und Polizeigewalt. Lomasko ist fasziniert vom Geschehen, von der Möglichkeit, „die Erschütterung des postsowjetischen Raums einzufangen, die Transformation der postsowjetischen Gesellschaft in etwas Neues“, wie sie schreibt. In Minsk ist die Künstlerin nicht nur Beobachterin, sondern muss auch selbst politische Verfolgung fürchten. Verzweifelt versucht sie, ihre Zeichnungen zu scannen, ohne beobachtet und verraten zu werden, denn sie auf Papier über die Grenze zu bringen, wagt sie nicht. Diese Angst vor Verfolgung und Repression erinnert Lomasko daran, „was es bedeutet, ein Homo Sovieticus, ein Sowjetmensch zu sein. Jegliche Sowjetnostalgie verschwand in diesem Augenblick für immer“.

Das Buch endet mit Lomaskos Ankündigung, sich von der politischen Reportage abzuwenden, zu sehr erinnert sie das an die sowjetische Agitationskunst ihres Vaters. Sie will nicht die „letzte sowjetische Künstlerin“ sein, „für die politische Nachrichten wichtiger waren als die ersten blühenden Blumen im Garten“. Es bleibt zu hoffen, dass Lomasko es sich noch einmal überlegt – denn ihre Kunst hat mit Propaganda nichts zu tun und bietet wichtige Einblicke in das Leben derjenigen, die sonst unsichtbar bleiben würden.


Die letzte sowjetische Künstlerin

Victoria Lomasko

Übersetzt von Sandra Frimmel

Diaphanes 2023


Im Titelbild wird das Buchcover von „Die letzte sowjetische Künstlerin“ (Victoria Lomasko) © Diaphanes verwendet.

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