Das „Telefonbuch“ der polnischen alternativen Musikszene

Im Oktober letzten Jahres ist beim polnischen Indie-Verlag HA!ART ein wahres konzeptuelles Kunstwerk in Buchform erschienen, kreiert vom Philosophen-Historiker-Tandem Tomasz Sikora und Artur Sobiela. Es handelt sich um „Narodowy spis zespołów“, auf Deutsch in etwa „Nationale Bandliste“ – einen alphabetischen Katalog, wie es auf der Buchrückseite heißt, aller in Polen aktiver Alternative Bands der Jahre 1975-2022, womöglich gar vollständig. Man könnte direkt an ein Telefonbuch denken, allerdings fehlen die Telefonnummern…

Die sich bei den Lesenden vermutlich direkt einstellende Frage nach dem Sinn eines solchen Unterfangens nimmt der Text auf der Buchrückseite vorweg und gibt exakt vier, nicht mehr und nicht weniger, „Hauptziele“ an: 1) Der womöglich gar komplette Katalog besitze Wert an sich für Liebhaber der polnischen (alternativen) Musik sowie Forschende. 2) Der Katalog habe einen „gigantischen sprachlichen Wert“, er sei eine „onomastische Schatztruhe“ und Anzeiger gesellschaftlicher Entwicklungen und Trends. 3) Das Buch führe vor Augen, dass Bands in Polen ein Massenphänomen im demokartischen Sinne sind und waren, was durch die zahlreichen Musikprojekte aus peripheren und kleinen Orten deutlich werde. 4) Die volle Bandbreite an Bands „ohne Zensur und Selbstzensur“ werde erstmals vorgeführt, und das mit ihren „kuriosen, dunkeln und geradezu gefährlichen Seiten“ – denn auch satanistische und Nazi-Bandnamen seien enthalten. So erst könne man das Phänomen der polnischen alternativen Musikszene nüchtern betrachten, ohne es zu mythologisieren oder negative Aspekte einfach auszublenden.

Der gesamte Paratext des Buches sprüht vor Ironie: So gibt es am Ende der eigentlichen Liste noch einige Blank Pages, auf denen oben „Platz für deine Bands“ vermerkt ist. Auf dem vorderen Klappentext werden recht absurde Zitate aus Songtexten ohne ersichtlichen Zusammenhang angeführt. Auch der Titel des Buches ist ironisch: „narodowy“, also die nationale, oder gar treffender „Volks-„Bandliste klingt irgendwie offiziell und hat zweifellos einen konservativen Beigeschmack, was im Kontrast zum Inhalt der qua Definition inoffiziellen und (in großen Teilen gewiss) progressiven alternativen Musikkultur in Polen steht. Doch diese Ironie sollte nicht über die ersten Intentionen des „Telefonbuchs“ hinwegtäuschen.

Neben den alphabetisch geordneten Bandnamen ist jeweils der Ort, aus dem die Bandmitglieder stammen bzw. aktiv sind, vermerkt. Dies soll zeigen, so die Autoren im Vorwort, dass die polnische alternative Musikszene eben nicht aus den Zentren, den polnischen Großstädten, sondern vor allem aus der Peripherie erwachsen ist. Die repräsentierten Genres umfassen „Punk, New Wave, Reggae, Metal, Avantgarde, Industrial, Jazz usw.“, ausgeschlossen sind also beispielsweise HipHop und Techno.

Selbst ohne Polnischkenntnisse ist das Blättern in diesem Buch ein echter Genuss, denn die meisten Bandnamen sind ohnehin englischen Ursprungs. Meine persönlichen Favoriten: HAEMORRHAGIC DIARRHEA (Wrocław/Poznań) und FYSG (FUCK YOUR STUPID GOD) (Kraków) oder der Hybrid STAY POZITIW (ohne Ortsangabe). Die bunten Kassetten- und Vinyl-Cover, die als kleines Extra in dieses Buch aufgenommen worden sind, kann man sich ebenfalls ohne große Sprachkenntnisse zu Gemüte führen. Selbst deutsche Bandnamen sind vereinzelt zu finden, wie etwa POLNISCHE BANDITEN (Międzyrzec Podlaski), aber natürlich vor allem zahlreiche polnische Bandnamen. Um nur eine Handvoll Beispiele zu nennen: CZAS ANARCHII (Zbąszynek), „Zeit der Anarchie“, CZOSNEK (Nowy Targ/Bytom/Kraków), „Knoblauch“, oder PRZESTAŃ ŚMIERDZIEĆ (Ziębice), „Hör auf zu stinken“. Viele Bandnamen tauchen mehrfach auf, so gab/gibt es die Band FURIA gleich viermal: FURIA (Gniew), FURIA (Katowice), FURIA (Krapkowice Otmęt) und FURIA (Ćwiklice). Und wer noch nicht genug hat, sollte sich das Buch bestellen und selbst ein wenig darin blättern!

Ein großer Dank gilt Szymon Szwarc, dem Frontmann der ebenfalls im Buch aufgelisteten polnischen Band ROZWÓD (Toruń), zu Deutsch „Scheidung“, dafür, dass er mich auf dieses „Telefonbuch“ aufmerksam gemacht hat.


Artur Sobiela & Tomasz Sikora

Narodowy spis zespołów

2022 Wydawnictwo HA!ART


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Alle Fotos © Yelizaveta Landenberger für osTraum

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