Ukrainian Film Festival Berlin: Butterfly Vision

Am Abend des 26. Oktobers wurde das mittlerweile dritte Ukrainian Film Festival Berlin (UFF) unter dem Motto „Defeating the Darkness“ mit dem Debut-Spielfilm Butterfly Vision des Kyjiwer Filmemachers Maksym Nakonechnyi eröffnet. Die Fertigstellung des Films erfolgte kurz vor Beginn der Ausweitung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres. Wie in vielen ukrainischen Filmen der letzten Zeit geht es um den Krieg und seine Folgen für die ukrainische Gesellschaft – hier noch um den seit 2014 anhaltenden Krieg im Donbas.

Die von Hauptdarstellerin Rita Burkovska erschreckend authentisch gespielte ukrainische Soldatin Lilia wird aus einer zweimonatigen Kriegsgefangenschaft in Luhansk entlassen. Zusammen mit anderen Kriegsgefangenen wird die Dronenpilotin mit dem Pseudonym Metelyk (dt. Schmetterling) bei ihrer Ankunft in Kyjiw als Heldin gefeiert – als einzige Frau erfährt sie dabei besondere Aufmerksamkeit. Doch es wird schnell klar, dass Gewalt und Trauma mit der Befreiung kein Ende nehmen. Dabei haben nicht nur die (sexuellen) Misshandlungen durch ihre Peiniger gravierende psychische und physische Konsequenzen für Lilia, sondern auch mangelndes Verständnis und Sensibilität in ihrem Umfeld. Lilia ist schwanger und wird mit Erwartungen seitens ihres Mannes und ihrer Freund*innen sowie medizinischen Prozeduren konfrontiert, die sie als übergriffig und retraumatisierend erlebt. Das Trauma, das Lilia immer wieder mit verschiedenen Intensitäten in ihrem Alltag aufsucht, wird dabei mit einem besonderen ästhetischen Effekt verbildlicht: Verfremdende „Butterfly-Flashback-Effekte“, die durch ein phantastisch verzerrtes Bild und eine entsprechende Sounduntermalung charakterisiert sind, unterbrechen die äußerst realistisch gestaltete Handlung immer wieder. Zudem tragen einige Dronenshots zu einer verfremdenden Wirkung bei. Diese Effekte sind sicherlich Geschmackssache, insgesamt kann der Film aber vor allem durch die große Betroffenheit bei den Zuschauenden auslösende schauspielerische Glanzleistung der Hauptdarstellerin überzeugen. Maksym Nakonechnyi wurde durch seine Kollegin Iryna Tsilyk bei der Ausarbeitung der weiblichen Perspektive unterstützt – sie ist auch Co-Autorin des Films. Die erste Filmhälfte riss mich als weibliche Zuschauerin emotional in einem Ausmaß mit, wie ich es bisher selten bei Spielfilmen erlebt habe. Umso enttäuschter war ich von der etwas zu glatt aneinandergereihten und vorhersehbaren Handlung gegen Filmende, die einen eher kitschigen Beigeschmack hinterließ und dafür sorgte, dass ich aus dem Filmgeschehen zurück in den Kinosaal katapultiert wurde.

Eröffnung des Festivals mit der Auflistung der Unterstützer*innen (inkl. osTraum) und Q&A-Runde mit Regisseur Maksym Nakonechnyi

An zahlreichen Stellen mutet Butterfly Vision prophetisch an: Kriegsgefangenschaft und sexualisierte Gewalt sind seit der Ausweitung des russischen Angriffskrieges nun in der gesamten Ukraine angekommen und betreffen potentiell, wie beim an den Film anschließenden Q&A anklang, jede*n im Land. Für die Präsentation seines Films reiste Maksym Nakonechnyi extra nach Berlin an. Der 24. Februar habe natürlich alles verändert und er habe oft darüber nachgedacht, ob man den Film überhaupt noch zeigen könne. Zum einen sei er für Ukrainer*innen sehr schwer zu ertragen, zum anderen behandele der Film Themen, die an Relevanz eingebüßt hätten. Damit meint Maksym Nakonechnyi vor allem das Problem rechter Soldat*innen bzw. Vigilante-Gruppierungen, das in seinem Film aufgegriffen wird. Was hier unbedingt gesagt werden muss: Rechte Gewalt in militärischen Milieus ist keineswegs, wie es die russische Propaganda immer wieder zu behaupten versucht, ein genuin ukrainisches Problem – man denke nur an die Skandale im Zusammenhang mit der Bundeswehr der letzten Jahre. Zudem: Rechte Gewalt in russland ist viel gravierender als in der Ukraine. Dass diese Gewalt in Nakonechnyis Film thematisiert wird, ist legitim und mutig, verweist auf die Bereitschaft der ukrainischen Öffentlichkeit, auch unangenehme Dinge zur Sprache zu bringen. Zugleich gibt es die Gefahr, dass gerade bei der Vorführung vor einem westeuropäischen Publikum russische Propagandist*innen und ihre Anhänger*innen ohne gutes Framing leichtes Spiel haben können. Fakt ist, dass nach dem Krieg die weitere Auseinandersetzung mit diesen und ähnlichen Fragen in der ukrainischen Gesellschaft erfolgen wird – doch jetzt gibt es ganz andere Dringlichkeiten, wie es auch Maksym Nakonechnyi beim Q&A in etwa formulierte.


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Titelbild © Butterfly Vision von Maksym Nakonechnyi & Iryna Tsilyk

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