Ukrainischer Film „Diary of a Bride of Christ“: Jesus anstatt Justin Bieber

Text: Sophia Coper

Die Frisur ist gesteckt, der Schleier sitzt. Langsam schreitet das junge Mädchen im weißen Kleid zum Altar, die Gäste recken die Hälse. „Klassische Hochzeit eben“, möchte man denken, aber irgendwas stimmt nicht. Warum gibt es nicht nur eine, sondern mehrere Bräute? Warum wartet da niemand vorn zum Vermählen? Und was hat es eigentlich mit diesen vielen herumschwirrenden Nonnen auf sich?

Hineingeboren in eine ukrainische Priesterfamilie, wuchs die Filmemacherin Marta Smerechynska eng verbandelt mit den Gebräuchen der griechisch-katholischen Kirche auf. Dennoch reagierte sie zunächst mit Unverständnis, als sich ihre Schwester bereits im Teenageralter zu einem Leben im Kloster entschloss. Einige Zeit später aber klopft Marta mit ihrer Kamera im Gepäck an die Pforte des Gotteshauses. Herausgekommen ist dabei ihr Debütfilm „Diary of a Bride of Christ“, der — wer hätte das gedacht? — von Leben nur so sprudelt. Über Monate begleitete sie den Alltag der Nonnen, der trotz Kreuzketten und Jesusbild eher an eine Klassenfahrt als an antiquierte Traditionen erinnert. Ob beim eifrigen Spendensammeln auf dem Markt oder dem gemeinsamen Abendessen: die jungen Frauen kichern und schwatzen und werden doch ernsthaft, wenn es um ihren klösterlichen Werdegang geht.

Der Grund für Smerchynskas regelmäßige Besuche ist das Verstehenwollen. Warum entscheiden sich 17-Jährige, frisch der Schule entwachsen, freiwillig für ein Leben voller Verzicht und Regeln? So bittet sie ihre und weitere Schwestern direkt vor die Kamera: das verschämte Lachen und Achselzucken können nicht darüber hinwegtäuschen, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihren geistlichen Weg bestreiten.

Smerechynskas Aufnahmen wirken durch ihre Authentizität: als Zuschauer:in wird man nicht nur zum Teil des lebendigen Miteinanders, sondern auch zur Beobachter:in ruhiger Momente. Untermalt wird das Geschehen von — bei der Thematik naheliegender — Kirchenmusik, die nie zu schwer zu werden droht, sondern durch Leichtigkeit besticht.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass vielleicht nicht immer jede Frage einer Antwort bedarf. Marta Smerechynskas Film ist eine Liebeserklärung an ihre Schwester, die eindringlich zeigt, dass Unverständnis und Akzeptanz sich nicht ausschließen müssen.


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Sequenzen des Films © Diary of a Bride of Christ by Marta Smerechynska



Diese Film­kri­tik ist im Work­shop „Young Film Critics“ des Ukrai­nian Film­fes­ti­val Berlin ent­stan­den, gefördert mit Mitteln für Filmfestivalförderung de⁺ des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland.
Das dritte ukrai­ni­sche Film­fes­ti­val findet vom 26. – 30. Oktober in Berlin statt.

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