Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling

Im zweiten Roman Nino Haratischwilis erzählt sie die Geschichte zweier Menschen, deren Schicksale seit früher Kindheit miteinander verknüpft sind. Deren Liebe nicht sein darf, aber doch lebensnotwendig erscheint.

Die Beziehung von Stella und Ivo wirkt zerstörerisch, doch zugleich sinnstiftend. Wie so häufig in Haratischwilis Romanen geht es um die verschiedenen Facetten der Liebe, auch um jene Liebe, die kaum als solche erkannt wird. Denn ist es wirklich Liebe, die die beiden so scheinbar unwiderruflich miteinander verknüpft? Oder Leidenschaft? Sie erscheint den Leser*innen als ein schmerzhaftes und doch (oder gerade deswegen?) sehnsüchtiges Verlangen nach Verschmelzung, das doch immer wieder Abstoßung und Trennung braucht, um das eigene Selbst zu spüren.

Teil von dir zu sein heißt nicht, du zu sein. Teil von mir zu sein macht dich noch lange nicht zum ich.

Der Roman handelt jedoch auch von der Suche nach der eigenen Identität, nach Antworten, mit denen das stete Verirren in die Vergangenheit zur Ruhe kommt, um endlich die Gegenwart zu erreichen. Er handelt von der Macht der Entscheidung; Entscheidungen, die innerhalb von Sekunden getroffen werden, die Geschehnisse ins Rollen bringen und denen man doch nicht die gesamte Last des Schicksals und der Schuld aufbürden kann.

Die Erzählung zeigt, dass das Leben viele Abzweigungen nehmen kann, dass Schicksale sich ähneln, ob im Norden Deutschlands der Gegenwart oder in der zu Beginn der 1990er Jahre noch neuen georgischen dritten Republik, die gerade erst aus den Wirren der zerfallenen Sowjetunion entstand. Ein Georgien, das sich eine neue unabhängige Identität erarbeitete und sich doch gleich wieder in die Sezessionskriege um Südossetien und Abchasien verstrickte – letzterer Konflikt spielt im zweiten Abschnitt des Romans eine wichtige Rolle.

von dort aus hatte man einen grandiosen blick auf tiflis. auf die verschollene stadt, deren existenz man nur wahrnahm, wenn man sich ihr näherte, weil sie auf der weltkarte vergessen worden schien. Denn sie schluckte orient und okzident, ohne sich zu vergiften.

Durch Zeitsprünge gelingt es Haratischwili eine intensive Spannung aufzubauen, die die Leser*innen lange über die Geschehnisse in Stellas und Ivos Vergangenheit im Dunkeln lässt. Das alles wird durch einen meisterhaften Umgang mit der Sprache gekrönt, der das Lesen zum wahren Vergnügen macht.


Nino Haratischwili

Mein sanfter Zwilling

2011 Ullstein-Verlag


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Buchcover und Seite © Ullstein-Verlag

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