Ein Sommer im Pionierhalstuch: Ein Queerer Bestseller in Russland

Der Roman „Ein Sommer im Pionierhalstuch“ (ru.: Лето в пионерском галстуке) von Katerina Sil’vanova und Elena Malisova ist aktuell auf Platz 1 der Bestsellerliste in Russland. Über 200.000 verkaufte Exemplare seit der Veröffentlichung im Jahr 2021, die E-Book-Käufe nicht mitgezählt – nur hartes Papier zählt in Russland. Der Titel mag zu der Annahme verleihen, dass es eine weitere Veröffentlichung im Sinne der Kreml-Propaganda ist, in dem es um die Glorifizierung der sowjetischen Vergangenheit und die Notwendigkeit der Widerherstellung alter Grenzen und alter Werte geht. In Wirklichkeit haben aber die Autorinnen ein Werk geschaffen, mit dem sie genau das Gegenteil tun – sie leisten damit Widerstand gegen die staatlich geförderte LGBTIQ*-Hetze in Russland und sind damit äußerst erfolgreich.

Elena Malisova (links) und Katerina Sil’vanova

Spätestens seit 2014 gelten auf dem ganzen Gebiet Russlands Gesetze, die die sogenannte „Propaganda von Homosexualität“ strafbar machen. Um sich strafbar zu machen, reicht es, in der Öffentlichkeit und in Anwesenheit Minderjähriger zu sagen „Ich bin homosexuell und das ist gut so“. Das heißt, jede neutrale oder positive Kontextualisierung von Homosexualität oder anderen Formen der Sexualität, die von einer binär-heterosexuellen Weltvorstellung abweichen, kann bestraft werden – offiziell mit Geldstrafen oder Entlassungen (vor allem in Berufen, die mit Minderjährigen zu tun haben), inoffiziell mit Folter und Mord, wie es bereits im Fall von Tschetschenien mehrmals nachgewiesen wurde. Katerina Sil’vanova (geb. 1992 in Charkiv (Ukraine)) und Elena Malisova (geb. 1986 in Moskau) haben ihren Roman 2016-2017 geschrieben und 2021 veröffentlicht. Das Werk entstand so genau in der Zeit, als die Gesetze in Kraft getreten sind und immer mehr an pro-aktiver Umsetzung in konservativen Teilen der Gesellschaft gewannen. Nichtsdestotrotz, ist das Werk 2022 auf Platz 1 der Bestsellerliste in Russland. Dicht gefolgt von der im deutschen Exil lebenden Kreml-Kritikerin und Politologin Ekaterina Schulmann und ihrem Buch Praktische Politikwissenschaft: Eine Anleitung zum Kontakt mit der Realität und George Orwells 1984.

„Ein Sommer im Pionierhalstuch“ handelt von zwei jungen Männern – fast noch Jugendlichen –, die sich in einem Sommerlager für Pioniere – eine Art Arbeits- und Erholungscamps für die sozialistische Jugend in der UdSSR – kennenlernen. Zwischen ihnen entstehen Gefühle, bei denen der Grad zwischen Kameradschaft und Liebe sehr eng wird. Volodja akzeptiert nicht, dass er homosexuell ist. Seine innere Welt ist zwischen seinen echten Gefühlen und der angelernten Homophobie eingekeilt. Er ist auch ein paar Jahre älter als sein Freund Jura und möchte ihn nicht „in die Irre führen“. Die jungen Männer überlegen sich, eine geheime Zeitkapsel anzulegen und sie im Camp zu vergraben. Jura kehrt nach zwanzig Jahren in das Pionierlager seiner Jugend zurück. In den Ruinen der Vergangenheit hofft er, einen Weg in die Gegenwart und zu seiner verlorenen, aber nicht erloschenen Liebe, zu finden.

Die Geschichte beider Männer zeigt auch, dass es in der UdSSR nicht alles glatt, richtig und normiert war, wie es einige Zeitzeugen heute oder Plakate von damals zeigen wollen. Auf dem Weg in die „von Licht erfüllte Zukunft“ gab es auch Erfahrungen, Schmerzen und andere Gefühle, die in das System nicht gepasst haben. Dieser Weg an sich zeigte aber auch, dass das „Licht der Zukunft“ gar nicht so hell ist, wie es in den Worten der damaligen Propaganda und heutiger Erinnerungen klingen mag.

Wie die Verkaufsrekorde des Buches zeigen, sind Leser*innen in Russland an queeren Themen in Literatur interessiert. Die pro-kremlischen Intellektuellen finden dabei keine andere Argumentation als den Verleger Popcorn-Books als Porno Books zu lesen, wie der russische Schriftsteller Sachar Prilepin. Oder sie suchen in der Abkürzung des Buchtitels LVGP – nach einer „versteckten LGBT-Botschaft„, wie der Oscar-Preisträger, christlich-orthodox Konservativer und sowjetisch-russischer Regisseur Nikita Michalkov. Offensichtlich bringt der Erfolg des Buches die regierungsnahen Kulturschaffenden aus dem Gleichgewicht. Die beiden Autorinnen – Katerina Sil’vanova und Elena Malisova – arbeiten weiter und haben einen weiteren Roman 2022 herausgebracht: Worüber die Schwalbe schweigt (О чём молчит ласточка), auch wenn ihr Jugendbuch nun mit einem „18+“-Label gekennzeichnet ist.


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