Elektronische Pop-Prinzessin aus Belarus: Eine Begegnung mit Mustelide

Mustelide: hinter diesem Namen steckt die belarussische Sängerin, Produzentin und Sound Designerin Natallia Kunitskaya. Sie liebt Experimente und scheut sich nicht vor Herausforderungen. Ihr Sound liegt irgendwo in der Grauzone zwischen Pop und Avantgarde: eingängige Synthiepop-Melodien und eine gewisse nostalgische Vertrautheit auf der Oberfläche, dafür aber versteckte Botschaften, Doppeldeutigkeiten und jede Menge Überraschungen für die, die etwas genauer reinhören. Wer ist sie, wo kommt sie her, was macht sie aus? Eine Begegnung. 

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Mustelide: zwischen Pop und Avantgarde. © Mustelide

Wie kann popmusik AUS SCHROTT entstehen?

Mustelides aktuelles drittes Album “Ginseng Woman” ist letzten Frühling erschienen. Es ist eine faszinierende Platte, die sehr viel über Mustelide und ihre Herangehensweise verrät. Hier verabschiedet Natallia sich von ihren geliebten Synths – die eigentlich bisher so gut wie ein Benchmark ihrer Musik waren – und greift auf eine Sammlung von Sounds kaputter Orchesterinstrumenten zurück.

Ich hatte diese Idee, aus Müll, aus dem was man eigentlich für Schrott hält, etwas schönes zu schaffen. Popmusik, fast im klassischen Sinne des Wortes. Man hätte natürlich auch was richtig Avantgardes daraus machen können – dafür waren diese Sounds ja ursprünglich gedacht – aber ich hab mir so die Aufgabe etwas erschwert. Mit solchen Mitteln Popmusik zu kreieren.

Und so hat sie es geschafft, aus gruseligen Samples von defekten Trompeten, Geigen, Flöten, Saxophonen, Celli und Harfen harmonische und eindringliche Pop-Songs zu bekommen. 

Mustelide: Ginseng Woman

Thematisch geht es hier um starke Frauen, sakrale Kräfte, Freiheit und Kreativität. Der kreative Prozess dabei ist für Mustelide ein Weg, sich selbst herauszufordern:

Wenn ich Musik schreibe, versuche ich, mir dabei irgendwas auszudenken, was ich dann quasi bewältigen kann. Einerseits ist das meine Sprache, in der ich mit den Menschen, mit der Welt kommuniziere. Andererseits ist das ein Spiel mit mir selbst, ein Versuch, irgendwas zu erschaffen. 

Mustelides Tracks bestehen oft aus mehreren Schichten: Sie mögen vielleicht nach Pop klingen, aber es gibt immer Untertöne, versteckte Bedeutungen – sowohl in der Musik als auch in den Lyrics. Ob das dann alle Zuhörer*innen mitbekommen und schätzen? “Mir wurde schon öfters gesagt, dass es schwer sei, Parallele zu ziehen oder Vergleiche zu finden – und das ist dann auch für die Zuhörer*innen schwierig. Man muss wirklich aufmerksam und genau reinhören. Leute, die das zu schätzen wissen – das sind diejenige, die sich tief eingraben.”    

Von erster Symphonie zu einer Cabaret-Band

Natallias Liebe zur Musik fing in der ganz frühen Kindheit an.

Meine Eltern hatten einen Walkman mit Kopfhörern, daraus schallte Musik, und ich wurde als Kind immer so sehr von ihm angezogen. Damals war aber alles knapp, und meine Eltern wollten natürlich auch selbst Musik hören. Für mich war dieser Walkman immer wie eine verbotene Frucht, ich konnte kaum warten, da reinzuhören.

Gelauscht wurde so gut wie allem, was zu der Zeit zugänglich war: Britney Spears, Ricky Martin, russische Pop-Bands der Stunde. Mit sechs Jahren ging es dann in die Musikschule. Natascha lernte Klavier zu spielen und schrieb bereits mit sieben ihre erste Symphonie: “Zweihändig, mit Partitur und Titel und allem,” lacht sie.

Als Inspiration ihrer Jugend nennt sie unter anderem Linda: eine russische Sängerin, die in den 90ern und frühen 2000ern ein Idol von vielen Teens im postsowjetischen Raum war. Am Anfang ihrer Karriere arbeitete Linda mit Maxim Fadejew zusammen, einem der bekanntesten Musikproduzenten Russlands – das Projekt verbindete Popmusik mit einem durchaus avantgardistischen, extravaganten Stil. “Das war zwar ein produziertes Projekt, aber irgendwie war Linda schon Teil des Undergrounds. Ich liebte einfach diese Songs, die Maxim Fadejew schrieb. Ich wollte auch Produzentin werden und für jemanden Hits schreiben”. 

„Ich wollte auch Produzentin werden und für jemanden Hits schreiben“. © Mustelide

Nataschas eigene Experimente und Erfahrungen mit Musik sind so zahlreich und divers, dass man*frau daraus Einblicke in alle Musikrichtungen der belarussischen Szene bekommen kann. Mit 17 wurde sie eingeladen, Keyboard bei ULIS zu spielen – einer Legende des belarussischen Rock; später machte sie bei dem erfolgreichen Indie-Quartett Clover Club und bei der Cabaret-Band Serebryanaya Svadba (“Silberhochzeit”) mit. “Es fiel mir manchmal schwer, die Projekte zu ‘filtrieren’ – ich habe fast immer ja gesagt, weil, warum eigentlich nicht?”, erklärt sie. “Ich hatte natürlich meine eigenen Vorlieben, aber es war mir interessant zu schauen, wie ich es hier oder da schaffen würde. So hab ich in etwa fünf oder sechs unterschiedlichen Bands gespielt”. 

Going Solo

2014 hat Natascha ihr erstes Soloalbum “Secret” unter dem Projektnamen Mustelide veröffentlicht. Sie war schon lange Fan von elektronischer Musik, insbesondere von Pionieren des Elektropop wie Kraftwerk oder Underworld. Jetzt konnte sie diese Einflüsse in ihr eigenes Schaffen kanalisieren. 

Ob es beängstigend war, nach einer Dekade in Bands und kollektiven Projekten ihr eigenes Ding anzufangen?

Es war eher beängstigend, es nicht anzufangen. Ich habe fast zehn Jahre in dieser Angst verbracht, mich nicht realisieren zu können. Ich hatte immer diesen Komponisten-Ader gehabt und wollte schon immer Songs kreieren. Es war aber nicht einfach, dahinterzukommen, die ganzen Programmen zu verstehen. Ich wusste aber, dass ich diese Instrumente brauchte.

Und dann auf einmal wurde das Eis gebrochen: nach einem dreimonatigen Ableton-Kurs in Minsk stellte Mustelide ihr erstes Album fertig. “Zu dem Zeitpunkt hab ich bei einer Bank gearbeitet. Dann nahm ich an einem Musik-Austauschprojekt teil und sah wie es war, 24 Stunden am Tag Musik zu machen. So konnte ich die beiden Lebensstilen vergleichen – und es war mir klar, dass so ein Office-Job, insbesondere bei einer Bank, überhaupt nichts für mich war. Und so kam alles zusammen, dieser Ableton-Kurs, der richtige Moment war gekommen.” 

Mustelides Debütalbum wurde von Kritikern gefeiert und hochgelobt – das war ein ganz ungewöhnliches, neues Werk für die belarussische Pop-Szene, das Natallia den Titel der “elektronischen Prinzessin” brachte. Darauf folgten zahlreiche Konzerte in Belarus und Russland, aber auch Auftritte auf namhaften internationalen Festivals wie etwa Tallinn Music Week, Ment Ljubljana oder Lost in Music. 2016 kam das zweite Album “Spi”, dann noch mehr Konzerte und Tournees in Europa und ein fester Platz in der postsowjetischen Musiklandschaft. 

Diesen Erfolg hat sie im Alleingang erreicht – langsam, mit kleinen Schritten. Für viele junge Musiker*innen, die ihren Weg in der Musikindustrie erst anfangen, ist Natallia ein Vorbild.

Wenn man sich dafür entscheidet, auf Musik zu wetten, ist es enorm wichtig, nicht einfach ins Nirgendwo zu gehen, sondern einen gewissen Sicherheitsbeutel vorzubereiten. Einen kleinen Nebenjob, eine Unterkunft. Ich habe für mich selbst so eine Balance gefunden – aber unbedingt so, dass ich wirklich viel Zeit für die Musik habe. 

Nächstes Kapitel: Berlin

Jetzt ist Mustelide nach Berlin gezogen und schlägt hier ein frisches Kapitel auf. “Hier fühle ich mich mehr zu Hause als in Minsk,” sagt sie. “Die ganze Umgebung, die Leute, alles, was ich hier sehe, ist irgendwie im Einklang mit meinen inneren Gefühlen”. 

Sie arbeitet hier an ihrem neuen Album und lässt sich von der Berliner Clubszene inspirieren. Mustelide greift auf die verschiedenen Epochen der elektronischen Musik zurück – Electro, Techno, Acid – vergisst aber auch ihre unverkennbare Pop-Vignetten nicht: “Wie immer, ein Salat”, lacht sie. Und die Synths kommen diesmal zurück: “Auf jeden Fall”, verrät Mustelide. “Ich will etwas schaffen, was ich mir selbst gerne anhören würde. In der letzten Zeit hab ich viele DJ-Sets gespielt und bin immer auf der Suche nach spannenden Tracks, die das Publikum einfach sprengen können, mit coolen Vintage-Synth-Sounds. Und dann hab ich mir gedacht – ich muss doch selbst solche Musik für die Tanzfläche schreiben.”

Sie gibt auch ganz ehrlich zu, dass der neue Anfang ihr nicht immer einfach fällt:

Ich bin etwas ratlos gerade – ich kann mir so ungefähr die nächsten Schritte vorstellen, habe aber manchmal Angst oder bin einfach faul, damit anzufangen. Diese Angst vorm Versagen ist wirklich paralysierend. Ich versuche, zurück zum Zustand zu gelangen, wo du vor nichts Angst hast, sondern probierst einfach rum und machst die ganze Zeit was Neues.

Kreativität und Musik sind aber genau die Mittel, mit denen Negativität am besten bekämpft werden kann: “Man muss sich nur dazu bringen, anzufangen – und gleich bekommt man so viel Energie. Dann denkst du – Gott, wieso saß ich so traurig rum?! Die Welt ist wunderschön und das Leben geht weiter”. 

Bonus: Mustelides Top 5 Songs aus Belarus

Wir haben Mustelide nach ihren Top 5 Songs aus Belarus gefragt:

Top 5 Songs aus Belarus von Mustelide


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Titelbild © Mustelide

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