Sibirische Landschaften und russische Alltäglichkeit: Künstler Anton Kupriyanov im Gespräch

Gibt es sie, die Ästhetik des osTraums? Eine Antwort auf diese komplexe Frage findet sich häufig in stereotypen Bildern, aufgeladen durch Nostalgie und vielleicht auch eigene Erinnerungen. Unberührte Natur und weite Landschaften, durchzogen von endlos langen Straßen ohne Ziel, hier und da umsäumt von dichten Kiefernwäldern und einzelnen Anzeichen von Zivilisation, die im Stundentakt vorbeiziehen: Strommasten auf Hügelkuppen, Laternenzüge, vereinzelt grelle Scheinwerferlichter und verschlafene Dörfer im Nirgendwo.

Den meisten Menschen, die diesem Gefühl hinterherlaufen, hat die derzeitige Pandemie eine Leine angelegt. Als Tor nach Außen bietet sich die Bilderwelt auf Instagram an. Denn gerade in Bildern zeichnet sich diese Eigenartigkeit des Ostens am ehesten ab. Von Urban Photography, die sozialistische Plattenbauten ins Zentrum rückt, über skurrile Fotocollagen bis hin zu klassischen Leinwandwerken: Die Szene ist groß und wächst weiter. Und nebenbei zieht es immer mehr freischaffende Künstler*innen auf Instagram, denn das soziale Netzwerk bietet sich hervorragend als Plattform für virtuelle Kunstausstellungen und Studios an. Vor allem in Zeiten schwindenden Kulturlebens zeigt sich Instagram als Möglichkeit, die Szene aktiv zu unterstützen. Und sei es auch nur durch Likes und Abonnements.

Aus der Vielzahl kreativer Köpfe sticht der in der im sibirischen Tara unweit von Omsk lebende Anton Kupriyanov hervor. Weit abseits der Millionenzahl an Followern fand Anton in Instagram das perfekte Medium um einem breiten Publikum seine eigenen Kunstwerke zu präsentieren. Wir hatten die Gelegenheit mit ihm zu sprechen: Über seine Person, seine Kunst und seine russische Heimat als Quelle seine Inspiration.

OSTRAUM: ERZÄHL ZUERST EIN WENIG ÜBER DICH. WIE SAH DEINE KINDHEIT IN TARA AUS? KAMST DU SCHON DAMALS IN KONTAKT MIT KUNST?

Anton: Um genau zu sein wurde ich in einem winzigen Dorf namens Bolshije Uki im Gebiet Omsk geboren. Dort leben bis heute weniger als 5000 Menschen und die nächste Bahnstation ist weitab. Erst später zog ich gemeinsam mit meiner Mutter nach Tara. Während meiner dortigen Schulzeit entdeckte ich schon sehr früh meine Liebe für die Kunst. Schon als kleiner Junge malte ich unheimlich gerne. Meine Mutter ließ mich zwischenzeitlich sogar eine Kunstschule besuchen. Später nahm ich an Kursen über musische Erziehung teil und schrieb mich an der Universität für das Studium der bildenden Künste ein. Ich wollte schon immer etwas mit meinem Leben anfangen, das Glück bringt. Für mich und auch für andere. Deshalb war es auch schon immer mein Wunsch, Künstler zu werden.

Die sibirische Kleinstadt Tara im winterlichen Abendrot. Unscheinbare und vertraute Orte fängt Anton Kupriyanov am liebsten ein. © Anton Kupriyanov

OSTRAUM: WAS HAST DU NACH DEINEM STUDIUM GETRIEBEN?

Anton: Nach einer kurzen Zeit beim Militär fand ich eine Stelle im örtlichen Theater hier in Tara. Das Theater trägt nebenbei den Namen des berühmten russisch-sowjetischen Schauspielers Mikhail Alexandrovich Ulyanov, der hier in Tara aufgewachsen ist. Bis heute arbeite ich im Theater als Dekorateur. Daneben ist meine Familie ein großer Teil meines Lebens geworden: Meine Frau Yulia und mein Sohn Kirill. Für mich ist es wichtig, dass die beiden ein glückliches Leben haben. Doch auch das Malen und der Wunsch nach dem Ausleben meiner Kreativität begleiten mich alltäglich.

OSTRAUM: VIELE DEINER BILDER ZEIGEN LANDSCHAFTEN UND ALLTÄGLICHE SZENEN: PROFANE HÄUSERZÜGE, LANGGEZOGENE STRASSEN ODER HINTERHÖFE IM SCHNEE. SUCHST DU DIESE MOTIVE ODER FINDEN SIE EHER DICH?

Anton: Eher letzteres. Manchmal finde ich sie in Omsk, doch die meisten Motive begegnen mir tagtäglich in meiner Stadt. Tara blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück, die Stadt wurde 1594 gegründet. Spuren der damaligen Zeit sind leider nicht mehr zu sehen. Anders sieht bei Häusern um die Jahrhundertwende aus, also gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Viele dieser Häuser sind hier noch erhalten und prägen bis heute das Stadtbild. Irgendwann begann ich diese Häuser und die vor ihnen liegenden Straßen zu unterschiedlichen Jahreszeiten zu malen. Ich denke, dass ich damals einfach auf der Suche war, meine Kreativität irgendwie zu kanalisieren. Ich liebe es, die Stimmung auf den Straßen und Ecken um mich herum bildlich einzufangen. Orte, an denen ich meine Jugend und Kindheit verbracht habe. Bis heute speist sich meine Inspiration daraus und meine kreative Suche danach neigt sich lange nicht dem Ende zu. Ich will diese Reise fortsetzen und damit neue Geschichten und Erlebnisse ergründen und verarbeiten.

OSTRAUM: KAM ES SCHON VOR, DASS DU AUF DEINER SUCHE NACH INSPIRATION AUCH IN DER FERNE GELANDET BIST?

Anton: Ich reise eigentlich sehr selten. Wobei es mich auch reizen würde, das Alltagsleben in anderen Ländern zu erfahren und die Menschen in den bunten Stadtvierteln und geschäftigen Straßen zu beobachten.  Die meisten meiner Ausflüge haben allerdings Ausstellungen zum Ziel, die ich selbst organisiere und an denen ich auch teilnehme. Beispielsweise besuchte ich gemeinsam mit einigen Freunden aus meinem Künstler*innenkollektiv Сугроб (Sugrob; rus.: natürlich entstandener Schneehaufen) die in St. Petersburg beheimatete Kunstmesse SAM FAIR. Die dortigen Veranstalter*innen haben sich zum Ziel gesetzt, vor allem für junge Künstler*innen und die lokale Szene eine Bühne zu bieten. Erst letztes Jahr wurden meine Werke und die einiger meiner Freund*innen im Rahmen des kleinen Kunstfestivals der sibirischen Kultur „Sibiř, Sibiř“ in Prag ausgestellt.

Unser Kollektiv Сугроб wurde vor fünf Jahren gegründet und vereint viele Künstler*innen und Schauspieler*innen. Mit einigen von Ihnen, beispielsweise dem Schauspieler Ivan Shatov und dem Künstler Denis Rusakov verbinde ich eine innige Freundschaft.

OSTRAUM: HAST DU EINE*N LIEBLINGSKÜNSTLER*IN, DIE*DER DICH INSPIRIERT UND SICH IN DEINEN BILDERN REFLEKTIERT? VIELLEICHT SOGAR EINE KUNSTRICHTUNG, DER DU DICH ZUORDNEN WÜRDEST?

Anton: Ich bin ein großer Fan der sogenannten Soz Art. In westlichen Ländern kann man diese Kunstform am ehesten mit Pop Art vergleichen. Daran angelehnt entwickelte sich in der Sowjetunion ab den Siebzigern eine analoge Kunstform, die Stile des Pop Art aufnahm und sie mit Symbolen des sozialistischen Realismus vermischte. Vitaly Komar, Eric Bulatov oder Alex Melamid  zählen hier zu meinen Favoriten. Ich mag außerdem die Arbeiten von Damir Muratov, einem in Sibirien beheimateten Künstler. Ich finde, dass sich seine sibirische Heimat in faszinierender Art und Weise in seinen Werken widerspiegelt. Wenn es um Landschaftsbilder geht, muss ich unbedingt auch den sowjetischen Maler Georgy Nissky nennen. Sowieso ist der sozialistische Realismus eine interessante Kunstrichtung, die es neu zu ergründen gilt. Zuletzt stolperte ich durch den deutschen Spielfilm „Werk ohne Autor“ auch über die interessanten Arbeiten von Gerhard Richter.

Alles in allem glaube ich, dass die Arbeit solcher und anderer Künstler unsere Wahrnehmung gegenüber der Realität stark beeinflusst hat. Für mich selbst ist es allerdings schwierig, meine eigene Kunst irgendeiner festen Richtung zuzuordnen. In meinen Bildern halte ich das Leben fest. Daraus wurde dann wohl eine Art Genre-Malerei, wenn man es so nennen will.

OSTRAUM: AUF DEN ERSTEN BLICK DRÜCKEN DEINE BILDER EINE ART EINSAMKEIT AUS: MENSCHEN SIND SELTEN ZU FINDEN UND WENN, DANN SIND ES SILHOUETTEN OHNE BEZUGSPUNKT. DIE STIMMUNG DEINER BILDER ERINNERT AN ATMOSPHÄREN ÄHNLICH DERER, DIE BEISPIELSWEISE EDWARD HOPPER EINFING. FINDET SICH DARIN DIE ESSENZ DEINER KUNST WIEDER?

Anton: Ich würde das nicht so sehen. Das Hauptmotiv meiner Arbeiten ist das alltägliche Leben in der Provinz. Darin versuche ich die Gegenwart, die verlebten Momente aber auch Träume einer besseren Zukunft einzufangen. Diese Essenz finde ich häufig an ruhigen Orten. Einer dieser Orte befindet sich außerhalb der Innenstadt, in der Nähe einer alten Montagefabrik für TV-Geräte aus Sowjetzeiten. Zwischen den dortigen Wohnsiedlungen, den dreistöckigen Mietshäusern und Straßenecken ist alles ruhig. So ruhig, dass man schon fast den natürlichen Lauf des Lebens spüren kann. Das versuche ich mithilfe meiner Bilder dem Publikum zu vermitteln.

OSTRAUM: DANK SOZIALER NETZWERKE BIST DU RECHT ERFOLFREICH, ODER?

Anton: Das stimmt, Instagram und Facebook haben mir in den letzten Jahren sehr geholfen, meine Bilder mehr Menschen zugänglich zu machen. Ich veröffentliche meine Bilder dort in total unkommerzieller Weise, ohne jedes Advertisement. Die Betrachter*innen finden mich und meine Werke über Reposts und ich bin über jeden einzelnen dieser Reposts dankbar und glücklich. Wenn ich male, spielt der Profitgedanke eigentlich eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist der kreative Schaffensprozess. Dank Instagram und Facebook finden meine Bilder jedoch auch immer mehr Interessenten. Die Erlöse davon sind zurzeit meine Haupteinnahmequelle.


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Titelbild © Anton Kurpiyanov

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