Grenzen, Brücken, Bilder: Lost and Found in Berlin

Irgendwo in Berlin verläuft eine Trennlinie zwischen Ost und West, zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert, zwischen Terror und Frieden, zwischen Leichtigkeit und Starre, zwischen einer Momentaufnahme und einer globalen Geschichte. Der Verlauf dieser Linie ist dabei dynamisch. Sie verschiebt sich ständig und wird verschoben. Wer die Linie passiert und aufmerksam ist, wird einen kurzen Stich im Herzen verspüren. Diese Momente, ihre fotografischen Aufnahmen und die textuellen Darstellungen wurden von Helena Melikov zusammengeführt und in der Gestalt eines Druckkunstwerks für die Augen, Herzen und Hände ungleichgültiger Zeitgenoss*innen zur Welt gebracht. Die Texte stammen von Ani Menua.

Lost and Found ist ein Projekt, das fast 100 Jahre alte Fotos wiederbelebt. Sie werden mit Sorgfalt, scharfem Blick und Sinn auf Berliner Flohmärkten gefunden und digitalisiert. Die Lebensgeschichten hinter den Momentaufnahmen scheinen verloren und die Menschen auf den Fotos dadurch anonym geworden zu sein. Eine ständig wachsende Gemeinschaft von momentan 14 Kreativen um Helena Melikov setzt die Fotos in neue Kontexte. Sie kreieren Kurzgeschichten, Gedichte, Notizen und Dialoge, die den vergessenen Schicksalen ein neues Leben geben und an eine Zeit erinnern, die zwar längst vergangen ist, an Relevanz aber keinesfalls verloren hat. Was erwartet also die Leser*innen im Band 1 des Projekts, welcher in Kooperation mit Ani Menua entstanden ist?

Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts war nicht nur für Deutschland, sondern auch für ganz Europa, eine Zeit, die bis heute unsere Familiengeschichten prägt – 1. Weltkrieg, Oktoberrevolution, Weimarer Republik, Sozialismus, Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg… Berlin und seine Schlüsselrolle in all diesen Phänomenen und historischen Ereignissen. So trifft es die Leser*innen wie ein Schlag, wenn im Gespräch mit Herrn H.H. (dazu ein Foto von einem Soldaten in Nazi-Uniform) steht:

„Icke? Ich bin nicht sauer, nenenene! Ick will vom Leben auch was haben, ne Knarre nehmen und alle abknallen!“ (S. 18).

Als ob es ein Ausschnitt aus einer nicht gedrehten Szene aus „Babylon Berlin“ wäre. Es ist Ende der 1920-er/Anfang 1930-er Jahre. Mit großer Anstrengung hält sich die Demokratie am Leben und wird gleichzeitig von vielen Seiten untermauert. Alle wollen etwas vom Leben – die Einen auf einer Blumenwiese liegen (S. 20), die Anderen die Unsterblichkeit (S. 21) und gelangen so wieder an Mephisto (S. 25). An anderen Stellen, auch wenn es im ersten Moment absurd klingen mag, ähnelt die Kunst des Wortes in dem Buch der Poesie von Till Lindemann, der hier nicht als Rammstein-Sänger, sondern als Dichter figurieren soll:

Sie liebt den Tag, doch mehr die Nacht,//die deinen Zauber über die Welt vermacht.//Sie nimmt sie an der Hand//und trägt sie durch ihr reizend Land,//in diesem wird plötzlich alles sichtbar“ (S. 23).

Lost and Found liest und genießt sich, wie die Berliner Welt vor 100 Jahren, als Groß-Berlin, wie wir es heute kennen, entstanden ist. Auf der Seite 37 passiert jedoch mit „Die Überfahrt“ ein Umbruch. Onkel Vitja und die Sowjetunion kommen ins Spiel. Die Spannung steigt. Der wiederbelebte Onkel in seinen jungen Jahren trägt eine schwarze Hose, ein schneeweißes Hemd und ein elegantes Halstuch. Er ist auf der Flucht aus Sankt Petersburg über Hamburg nach New York. Ab diesem Zeitpunkt tritt Liebe in den Vordergrund und begleitet uns bis zum Schluss. Oder doch nicht? Ist es vielleicht eine Überinterpretation und es gibt gar keinen klassischen Aufbau eines Dramas? Genau diese Überlegungen machen das Werk von Lost and Found & Ani Menua so beeindruckend, hinreißend und sinnlich tief zugleich. Es liest sich wie ein Drama aus Worten und Fotografien, die wieder zueinander gefunden haben, auch wenn sie vorher lose und verstaubt in den Schuhkartons auf Berliner Flohmärkten weilten.

Keine Angst, liebe Leser*innen, osTraum hat euch nicht alles aus Lost And Found verraten. Es sind auch nicht alle Highlights. Auf den nicht so vielen Seiten gibt es sehr viel zu entdecken. Das Buch ist nicht nur ein literarisches Meisterstück, sondern auch eine Augenweide. Insbesondere Fans von Minimalismus, geometrischem Gleichgewicht und erlesenem Papier kommen auf ihre Kosten und werden das Buch für eine sehr lange Zeit, wenn nicht für immer, in ihr Herz schließen und damit alle Brücken und Grenzen überqueren.

PS: Das Buch wurde übrigens nachhaltig, klimaneutral und vegan hergestellt, so wie alle Bücher aus dem Hause KOCMOC Publishing Space.


Zum Buch:

Lost and Found & Ani Menua

KOCMOC 2019


Webseite von Lost and Found
Lost and Found auf Instagram

Helena Melikov auf Instagram
Ani Menua auf Instagram
Webseite von KOCMOC
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Buchcover und alle Abbildungen aus dem Buch © KOCMOC Verlag
Fotos für den Beitrag © osTraum

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