Illustratorin Vola Kuzmich: Polesien, Verhaftungen, ProtestKunst, Migration & Flucht

Seit dem Sommer 2020 wird Belarus von Spannung beherrscht. Viele Menschen sind aktiv geworden und starten eigene Bürger*inneninitiativen. Von diesem Gemeinschaftsgefühl lebt das ganze Land. Die Spannung und Hoffnung existieren dabei nebeneinander. osTraum hat mit Vola Kuzmich gesprochen – die Illustratorin drückt ihre Gefühle zu der Lage im Land in ihren Kunstwerken aus, hilft damit sich selbst und auch vielen anderen Menschen.

Erntedankfest, Grunge & Rave

osTraum: Du kommst aus dem belarussischen Teil der Region Polesien, wie sieht deine Heimatstadt aus? Erzähl uns über deine Stadt aus kultureller Sicht? 

Vola: Ursprünglich komme ich aus einem Polesieschem Dorf. Der Name des Dorfes leitet sich von einer Furt durch Sümpfe. Das Kulturleben im Dorf ist von Bräuchen und Riten geprägt, die mit Arbeit, Liebe und Familie verbunden sind. Es gibt ein Erntedankfest, Winterabende am Ofen, Menschen weben Leinentücher – das alles habe ich auch selbst erlebt. Seit meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, dass es meine Heimat ist und darüber hinaus existiert die große weite Welt. Mit diesem Grundgedanken habe ich es irgendwie in dem Alltag geschafft weiterzukommen.  Ich komme immer wieder zu meinen belarussischen Wurzeln zurück, die in der sowjetischen Zeit nicht verloren gegangen sind und in der jahrzehntelangen Diktatur noch nicht ganz vernichtet wurden. 

Ich habe immer in allem etwas Alternatives gesucht. Deswegen sind die Jahre am Luninetser Gymnasium eine richtige Zeit für mich gewesen um die Welt der Musik für mich zu entdecken. Ende der 1990-er war Luninets die alternativste Stadt in Belarus. Am schwierigsten war es die Menschen zu finden, die keine Musikpräferenzen hatten. Grunge, Rave, Metal oder Rap waren überall – sie alle in einer Kleinstadt mit nur zwei Eventlocations.  

Ich komme immer wieder zu meinen belarussischen Wurzeln zurück, die in der sowjetischen Zeit nicht verloren gegangen sind und in der jahrzehntelangen Diktatur noch nicht ganz vernichtet wurden. 

Die Belarussische Geschichte 2020

Gute Menschen, Ironie & die IT-Branche in Belarus

osTraum: Was fasziniert dich an deiner Arbeit als Illustratorin?

Vola: Meine Inspiration sind gute Menschen und verschiedene Situationen aus meinem Leben. Was zuerst ausweglos zu sein scheint, ist dann doch machbar, wenn ich all meine Kräfte mobilisiere und eine kreative Lösung suche.

Wenn das Gefühl von Verzweiflung oder Ungerechtigkeit mich ergreifen, erwacht mein Kampfgeist, um die Laune der Menschen durch meine Kunst zum Besseren zu ändern. Meine Lieblingsinstrumente sind ansprechende Bilder, ein schmaler Grad an Ironie und die Nähe zum aktuellen Kontext.

Einige werden mich verstehen – ich kann nichts außer malen. Es war immer meine Sprache. In gesellschaftlich und politisch schwierigsten Zeiten, wie jetzt gerade, male ich bis ich fertig bin und kann dann ruhig ausatmen.

osTraum: Hast du überlegt in ein anderes Land zu ziehen und Belarus zu verlassen?

Vola: Geografisch leben wir im Zentrum Europas. In der globalisierten Welt ist es leichter geworden, gleichzeitig sich zu verwirklichen und in der Heimat zu  bleiben. Fast all meine Freunde leben zurzeit aus verschiedenen Gründen im Ausland. Ein wichtiger Grund war bei vielen, dass sie ihre Träume und Ambitionen nur im Ausland verwirklichen konnten.

Ich bin Art-Direktorin in einem Unternehmen für die Entwicklung von Computerspielen. Die IT-Branchen ist sehr fortschrittlich in Belarus und unsere innovative Produkte sind weltbekannt. Im Gegensatz zu unseren Kollegen außerhalb von Belarus ist niemand von uns dagegen versichert, unschuldig verhaftet und verurteilt zu werden. Jeden Tag und besonders montags werden nach den friedlichen Protestaktionen tausende Menschen grundlos festgenommen. Auch ich habe Angst, dass eines Tages jemand aus unserem Büro nicht zur Arbeit kommt…. Die Corona-Pandemie tritt dabei auch in den Hintergrund. 

Jetzt steht der IT-Sektor in Belarus unter enormen Druck. Die Menschen wollen ihre Meinung frei äußern. Sie wollen gehört werden. IT-Unternehmen sind relativ mobil, deswegen verlassen viele Menschen ihre Heimat aus Sicherheitsgründen. Schlussendlich ziehen sie in die Nachbarländer um. Es gibt keine Menschen mehr, die eine Flucht ins Ausland ausschließen würden.  

Auch ich habe Angst, dass eines Tages jemand aus unserem Büro nicht zur Arbeit kommt….

Nachbarschaft als ein Politikum

osTraum:Wie beeinflusst dich die aktuelle Situation in Belarus?

Vola: Ich bin auf solidarische Nachbarschaften in Belarus stolz. Insbesondere auf der Ebene von zivilrechtlicher Verantwortung, die wir jetzt alle in Belarus tragen. Seit dem 9. August 2020 nehmen wir alle an einem langen Marathon teil und warten auf positive Veränderungen in Belarus. Ich lebe weiter, engagiere mich für die Stärkung der belarussischen Kultur, kämpfe für das Gute und die Menschlichkeit in unserem Land. Ich bin schockiert, was für furchtbare Dinge bei uns gerade passieren. Es ist Staatsterror. Auf den Straßen aber sehe ich immer noch mutige und kreative Menschen, die mich und andere motivieren und begeistern.  

Von Montag bis Montag

osTraum: Wer sind die Hauptfiguren in deinen Illustrationen über Belarus?

Vola: Ich beobachte gern Menschen. Oft benutze ich nicht nur Bilder von Belaruss*innen, sondern auch allgemein charismatische Charaktere. Im August 2020 zeichnete ich die erste Illustration “Schlange der Veränderungen” aus der Serie “Support Belarus”. Die Menschen stehen in einer Kette. Sie sind ganz unterschiedlich vom Beruf und Alter her: junge Familien, Rentner*innen, Student*innen und Arbeiter*innen.

Wir alle wünschen uns eine bessere und freie Zukunft. Unsere Herzen sind zwar gebrochen. wir sind aber immer noch fähig unsere Ziele zu erreichen. Die Menschenkette war das Symbol während der Frühlings- und Sommeraktionen. Zuerst wollten Menschen damit ihre Unterstützung für alternative Kandidat*innen zeigen, damit diese zu den Wahlen zugelassen werden. Dann taten sie es um Cafés und Geschäfte zu unterstützen, die Menschen verstecken und beschützen. Heutzutage erleben wir Menschenketten vor Gefängnissen.

Eine weitere Illustration habe ich dem medizinischen Personal gewidmet. Es ist mit unserem Hauptslogan “Zhyve Belarus!” (de.: Lang lebe Belarus!) verbunden und wurde zu “Zazhyve Belarus” (de.: “Belarus wird lange leben!”). [“zazhyvac” heißt auch “heilen” oder “ausheilen” – der Slogan kann auch als “Belarus ist verwunden, die Wunden werden aber bald ausheilen und alles wird sich zum Guten wenden” verstanden werden. (Anm. d. Redaktion)] Es geht um medizinischen Fachkräfte, die momentan und schon seit Monaten gegen die Corona-Pandemie, Polizeigewalt und die Lügen des Staates kämpfen. 

Wir alle wünschen uns eine bessere und freie Zukunft.

Ärzt*innen in Belarus & Illustration als seelische Hilfe

“Zazhyve Belarus” (de.: “Belarus wird lange leben!”)

osTraum: Hast du Angst verhaften zu werden? Was fühlst du, wenn du die OMON (de.: SEK bzw. Bereitschaftspolizei) auf den Straßen siehst? 

Vola:  Niemand ist mehr sicher. Jede*r kann festgenommen werden. Es hängt nicht von deinen Aktivitäten ab. Früher war es verboten, anders zu denken. Aber jetzt ist alles noch schlimmer geworden. Die Tatsache ein Mensch zu sein, kann zur politischen Verfolgung führen. Es gab auch einen Fall, wo ein offiziell und praktisch toter Mann an Protestaktionen teilgenommen hat und darin beschuldigt wurde.

Seit August 2020 verfolgt das politische Regime in Belarus die Linie der Vergeltung gegen alle Bürger*innen. Es ist aber allen klar, dass die meisten Menschen Veränderungen möchten. Das Regime fühlt sich durch nichts mehr gehindert und greift zu allen Mitteln – Rentner*innen, Menschen mit Behinderungen und Frauen mit kleinen Kindern werden verhaftet und gefoltert. Fast jeder Mensch in meiner Umgebung hat zumindest eine Geschichte, die etwas mit Gewalt, Gefängnissen, Strafmaßnahmen und politisch motiviert Entlassungen in der Arbeit zu tun hat. Damals war meine Erfahrung im Okrestina-Gefängnis sehr untypisch für meinen Kolleg*innen. Verglichen mit heutiger Situation erinnert sich jede*r noch an die Zeit als Lebensmittel und andere Notwendigkeiten an politisch Gefangene in Okrestina, Zhodzina, Baranavichy und Mogilev übergegeben werden konnten. [Heute ist es nicht mehr möglich.(Anm. d. Redaktion)]

Die Sturmhaube der Spezialkräfte und der Polizei verursacht heute nur Abneigung.  Alle sind sich sicher, dass alles vorbei sein wird und alle Verbrecher bestraft werden.  

osTraum: Kannst du sagen, dass die Protest-Kunst den Menschen hilft, weiter zu kämpfen?

Vola: Kunst funktioniert, wenn sie mit Emotionen und Launen verbunden ist.  Deswegen ist es besonders erfrischend in aktueller Lage. Ein eindeutiges Beispiel für mich persönlich ist die Reihe von unseren Straßenaktionen “Freedom on Paper”. Sie begann 2011. Es war auch die Zeit nach den Wahlen. Die Regierung hat alles probiert. Die Polizei hat Hausdurchsuchung vorgenommen, zahlreiche Musiker*innen wurden auf schwarze Listen gesetzt. Vielen fürchteten sich davor, auf die Straßen zu gehen. Es war unmöglich, die historische weiß-rot-weiße Fahne in Öffentlichkeit zu tragen. Am Tag der Freiheit war niemand auf den Straßen außer der Polizei. Die Apathie hat alles verschlungen, aber durch Kunst haben wir (nur zwei Menschen) die Laune der Belaruss*innen verändert. Das Internet war voll Fotos von Menschen, die mit weiß-rot-weißen Fahnen auf die Straßen gegangen sind.

In einer Nacht habe ich all diese Menschen mit Wasserfarben zu Papier gebracht.  Dann haben wir die Bilder auf öffentlichen Plätzen im leeren Minsk fotografiert. Diese Aktion war auch in anderen Ländern zu sehen und konnte verstanden werden.  Mit den Fotos sind wir auf einige Titelseiten gekommen. Als nächstes sind Musiker*innen auf die Straßen gegangen, um Menschen in der ganzen Stadt Musik zu spielen. Das motiviert mich. Das heißt, dass alles funktioniert hat.  

Und jetzt, fast 10 Jahre nach den Aktionen, bekomme ich wieder die gleiche Rückmeldung. Für viele war es damals der entscheidende Punkt um die Angst und die Apathie mit positiven Gefühlen zu konfrontieren.  

Zauberwürfel der Politik

osTraum: Welche Illustration ist die wichtigste für dich? Vielleicht gibt es eine Geschichte, die mit einer von denen zusammenhängt? 

Vola: Die neueste Illustration ist die wichtigste für mich – “Lang lebe Belarus!” (Жыве Беларусь!). Es geht um die konstante Suche der Belaruss*innen nach einer neuen friedlichen Protestform. Ein gutes Beispiel dafür ist der Aktivismus in den Innenhöfen von Wohnblöcken und die Platzierung von nationalen Symbolen oder einfach von etwas Rotem oder Weißem in den Fenstern. Jedes Element meiner Illustration enthält ein echtes Prototyp in Minsk. Es spielt keine Rolle, welche Maßnahmen die Regierung gegen Belaruss*innen ergreift wird. Die Menschen haben eine bestimmte Meinung über das Regime gebildet. Wie ein Zauberwürfel wird die Wirklichkeit hin und her gedreht, was dem Slogan  “Zhyve Belarus, yak ne kruci!” (de.: Lang lebe Belarus, egal wie du sie drehst!) eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Es geht aber nicht nur ums Drehen, sondern auch ums Verhaften. Das Verb “krucic” heißt im Belarussischen auch, jemanden auf brutaler Weise zu verhaften bzw. einzufangen [Bei der Verhaftung werden im wörtlichen Sinne die Hände hinter den Rücken gedreht und Handschellen angelegt. Eine weitere Deutungsmöglichkeit ist, dass eine Person von den Sicherheitskräften bildlich zusammengerollt und in einen Transporter gesteckt wird. (Anm. d. Redaktion)].

“Zhyve Belarus, yak ne kruci!” (de.: Lang lebe Belarus, egal wie du sie drehst!)

osTraum: Stell dir vor, du könntest dir ein*e Designer*in aussuchen, mit dem*der du ein Projekt umsetzen könntest. Wer würde es sein und warum? Welches Projekt würdet ihr gemeinsam erschaffen? 

Vola: Ich kann mich für glücklich schätzen, weil ich diese Person bereits habe. Ich arbeite mit meinem Lebens- und Kunstpartner zusammen. Er heißt Yura Sidun. Ständig beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Ideen und Projekten. Meine Tools und Medien sind dabei die Illustration, Designs, Animation, Ironie und hochwertige Darstellungsqualität. Yura arbeitet hauptsächlich mit Ideen, Designs, Foto, Video und den technologischen Lösungen dafür. Wir involvieren manchmal auch andere kreative Köpfe in unsere Tätigkeit. Unser gemeinsamer Traum ist es, Zeichentrick- und Animationsfilme zu drehen. 

osTraum: Welche Orte sollten unsere Leser*innen in Belarus unbedingt  besuchen? Sind es Ausstellung und Museen? 

Vola: Was zur Zeit in urbanen Innenhöfen von Wohnblöcken passiert, ist die wahre belarussische Kunst.  

osTraum: Wie stellst du dir die Zukunft der belarussischen Kunst vor?

Vola: Frei. Eine Kunst, in der sich niemand mehr fürchten muss, verhaftet zu werden. Belarussische Kunst als Teil der globalen Kunstszene. Sie soll Weltanschauungen beeinflussen und Menschen motivieren. 


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Über Vola Kuzmichs Projekt „Freedom on Paper“


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Alle Illustrationen © Vola Kuzmich


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