Sibirischer Katholizismus: Ein Porträt von Daria Zemlianova

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Bild sei in Polen entstanden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um Kinder aus der sibirischen Stadt Tomsk bei ihrer Erstkommunion. Die russisch-litauische Fotografin Daria Zemlianova konnte sich der Gemeinde annähern, ihr Vertrauen gewinnen und ihr Leben portraitieren. Daria Zemlianova und osTraum zeigen euch eine Gemeinschaft fernab von den globalen Zentren des katholischen Glaubens.

Katholik*innen als Minderheit

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist in Russland die verbreitetste Glaubensrichtung. Diese Kirche führt selbst offiziell keine Statistiken über die Zahl ihrer Gläubigen, doch nach verschiedenen Schätzungen sind es in etwa 160 Millionen Menschen auf dem postsowjetischen Raum, dabei leben in Russland insgesamt etwa 146 Millionen Menschen. Katholik*innen sind in Russland im Gegensatz zu Polen eine religiöse Minderheit. Dennoch gibt es katholische Gemeinden nicht nur im europäischen Teil Russlands, sondern auch in Sibirien, z.B. in Tomsk. Die Großstadt ist etwa 3.600 km von Moskau entfernt – das sind über vier Stunden Flug oder drei Tage Zugreise. Die Fotografin Daria Zemlianova hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gemeindemitglieder kennenzulernen und das Gemeindeleben zu dokumentieren.  

PolEN, Litauen und die Ukraine

Die katholische Gemeinde in Tomsk gibt es seit 1833. Die Gemeinde „der Fürsorge der Jungfrau Maria, Königin des Heiligen Rosenkranzes“ (russ.: Храм Покрова Пресвятой Богородицы Царицы Святого Розария) wurde anfänglich von in Russland lebenden katholischen Pol*innen genutzt. Die meisten Priester, die in der Pfarrei arbeiten, sind Jesuiten und häufig polnischer Herkunft. Auch heute wird die Gemeinde von vielen Mitgliedern besucht, die durch den katholischen Glauben eine Verbindung zu ihren Heimatländern oder den Heimatländern ihrer Vorfahren, zum Beispiel zu Polen, Litauen, der Ukraine und anderen Ländern aufrecht halten. In der Kirche und unter den Gemeindemitgliedern finden sie Vertrautheit und ein Gefühl von Zuhause. Wie in vielen anderen Ländern auf der Welt ist sie ein Anlaufpunkt für die polnische Diaspora.

die einzige Gemeinde dieser Art im Umkreis von 100 Kilometern

Je länger sich eine Außenstehende mit der Gemeinde beschäftigt, desto deutlich wird es, dass es sich im Grunde um eine übliche katholische Pfarrei handelt. Eine Ausnahme bildet hier nur die Tatsache, dass sie die einzige dieser Art im Umkreis von 100 Kilometern ist. Insgesamt gibt es in Russland über 200 Pfarreien. Obwohl es nicht viele sind, herrscht starker Priestermangel. Es gibt nur wenige einheimische Priester, rund 90 % der rund 350 katholischen Geistlichen stammen aus dem Ausland. Erst kürzlich wurde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein gebürtiger Russe zum Bischof geweiht. Dass die Gemeinden weit auseinander liegen und die Gläubigen weit entfernt voneinander wohnen, erschwert zusätzlich die Seelsorge. Für Gespräche oder Gottesdienste müssen Geistliche teilweise quer durch mehrere Regionen reisen. 

In Tomsk gibt es trotz allem ein aktives Gemeindeleben. Jeden Sonntag nach der Messe bietet die Gemeinde Treffen für Kinder an, in denen sie gemeinsam über ihre Religion sprechen und lernen, spielerisch Bibelinhalte vermittelt bekommen und in lockerer Atmosphäre zusammen Zeit verbringen. Das Gemeindeleben können die Jugendlichen mitgestalten, indem sie Veranstaltungen organisieren oder im Chor singen. Natürlich gibt es auch, wie üblich in einer aktiven Gemeinde, Ministranten, die beim Gottesdienst mithelfen. Da dürfen allerdings nur Jungs mitmachen. 

Migration oder Verbannung?

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass heute Katholik*innen in Sibirien leben. Teils haben die Menschen die Religion von ihren Vorfahren übernommen, die im 17. Jahrhundert aus West- oder Zentraleuropa aus wirtschaftlichen Gründen nach Sibirien gesiedelt sind oder aus dem polnischen Teil des russischen Kaiserreichs nach Sibirien verbannt wurden. Als sich das Zarenreich nach Westen und Süden ausgebreitet hat, wurde die Bevölkerung diverser und unter ihnen fanden sich Zugehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften. Durch die Ein- und Binnenwanderung und die Verbannungen hat der Katholizismus sich anschließend im Land verbreitet und Pfarreien konnten sich entwickeln.

Studierende aus Indonesien, der EU und…

In der Gemeinde in Tomsk sind die meisten Mitglieder (bzw. deren Eltern) in den 1990er Jahren in die katholische Kirche eingetreten. Einigen traten aus dem Wunsch heraus ein, an das kulturelle Erbe ihrer polnischen, ukrainischen oder litauischen Vorfahren anknüpfen zu wollen. Viele traten aus anderen Gründen in die katholische Kirche ein, zum Beispiel weil die Gottesdienste auf Russisch gefeiert werden und daher besonders zugänglich sind. In Tomsk sind es auch internationale Student*innen katholischen Glaubens, beispielsweise aus Indonesien oder der EU, die während ihres Auslandssemesters am Gemeindeleben teilnehmen. 

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende der repressiven Kirchenpolitik wurden kirchliche Strukturen wieder errichtet und Religiosität hat im Allgemeinen an Popularität gewonnen. Nachdem mehrere Generationen ihren jeweiligen Glauben nicht frei ausleben konnten, wurde nun die vielfältige religiöse Landschaft Russlands wieder aktiv. Auch katholische Gemeinden nahmen ihre Arbeit wieder auf. Im Zuge dessen gab es Konversionen oder Neuaufnahmen in die Glaubensgemeinschaft. 


Alle Fotos © Daria Zemlianova
Daria Zemlianova auf Instagram


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