Die ungarischen Motels: Exotische Träume und der Osteuropäische Stil

Eigentümliches Design, grelle Farben und kitschige Dekorationen – Hanna Rédlings Fotoreihe „Color TV, Queen Beds, Exotik Dreams“ widmet sich ungarischen Motels aus den 1990ern. Inspiriert von westlichen Interieurs, sind diese Motels mit ihrem wilden, exzentrischen Mix an Deko, Farben und Materialien ganz und gar osteuropäisch. osTraum fragte Hanna, was sie zu der Reise durch ganz Ungarn auf der Suche nach authentischen Motels bewegte.

Versunken in die Atmosphäre eines ungarischen Motels

osTraum: Die Bilder deiner Fotoreihe sind farbenfroh, kompliziert und exotisch. Was war deine Hauptintention, „Color TV, Queen Beds, Exotik Dreams“? Welche Stimmung wolltest du vermitteln?

Hanna: Leute vergessen über diese Orte und so wollte ich ihnen zeigen, was wir hier in Ungarn haben. Ich denke, der osteuropäische Stil ist sehr populär heutzutage, aber die Besitzer dieser Orte sind sich dessen nicht bewusst. In den letzten Jahren fingen sie an, diese Orte zu renovieren, und so verschwinden sie langsam. Ich musste sie unbedingt mit meiner Kamera festhalten, um zu zeigen, wie besonders sie sind.

Nachdem ich ein Jahr lang diese Motels fotografierte, hat sich noch eine weitere Linie ergeben. Das war keine einfache Reise mehr, daraus ist eine innere Reise in mich selbst geworden. Wenn für mich etwas wichtig ist, versuche ich, das in meine visuelle Sprache zu übersetzen. So war mein Ziel, die exakte Atmosphäre zu kreieren, die ich fühle, wenn ich ein solches Motel-Zimmer betrete.

Für diesen Zweck sind neben traditionellen gestellten Selbstporträts und Stillleben die 3D-Bilder in meiner Fotoreihe da. Einerseits waren diese Orte in den 1990ern gebaut, andererseits beschäftige ich mich mit ihnen 2020. Die Konstruktion dieser „Post-Nostalgie“ ist eine ehrliche Weise zu kommunizieren, wie ich dazu stehe.

Der kreative Prozess als ein Heilmittel gegen Heimweh

osTraum: Deine Arbeit entstand zwischen 2018 und 2020, was als ziemlich lange Zeitphase erscheint. Könntest du uns mehr über den kreativen Prozess hinter dem Projekt erzählen? Wie hast du daran gearbeitet?

Hanna: 2016 fing ich an, über booking.com (und auf anderen kleineren ungarischen Websites) nach authentischen Motels aus den 90ern zu suchen. Zu dieser Zeit lebte ich in Rotterdam und für mich war das eine Art Therapie gegen mein Heimweh.

Als ich zurück nach Ungarn zog, habe ich meine Suche fortgesetzt. 2018 verstand ich, dass es nun so weit ist. Ich habe meine „Top“-Orte gesammelt und begann die Fotoshootings zu organisieren. Ich kaufte Vintage-Kleidung und andere Sachen, die ich für Fotoshootings gebrauchen könnte. Normalerweise machte ich meine Fotoshootings nachts (ich war eine einfache Reisende), manchmal wussten die Motel-Besitzer nichts von meinen Plänen. Natürlich habe ich ihnen Bescheid gegeben, wenn ich Gemeinschaftsorte (wie Restaurants oder Veranstaltungsräume) benutzte, und sie waren ziemlich hilfsbereit.

Das war ein langer Prozess, nicht nur aufgrund der Reisen, sondern auch wegen meiner inneren Konflikte und Selbstentwicklung. All diese Zimmer waren wie Bühnen für mich, Orte, wo ich mich erholen, heilen, verstecken oder gegen meine Dämonen kämpfen konnte.

Die sehnsucht nach Exotik und westliche Träume

osTraum: Was ist, deiner Meinung nach, so speziell über ungarische Motels, die du fotografiert hast? Was ist ihre Situation heute? Arbeiten sie nach wie vor wie Motels oder gibt es auch verlassene Motels?

Hanna: Sie arbeiten nach wie vor wie Motels! Sie strebten einen modernen westlichen Stil in den 90ern an. Und natürlich mussten sie aufgrund finanzieller Schwierigkeiten auf viele DIY-Lösungen zurückgreifen, sie haben alles wieder verwendet, was sie zuvor besaßen (zum Beispiel Möbeln oder Innendekoration). Das ist, woher ihr exotischer, gemischter Stil herkommt. Sie sind besonders, weil sie am Ende nicht so aussehen, als ob sie eine Kopie von etwas sind. In diesen Interieurs findet man zwar Referenzen zu Amerika oder reichen europäischen Ländern, aber insgesamt repräsentieren diese Motels mit ihrer Verwundungsart von Farben, Materialien und Formen einen echten osteuropäischen Stil.

osTraum: In welchen Teilen von Ungarn befinden sich die Motels, die du besucht hast? Gibt es zwischen ihnen Unterschiede?

Hanna: Sie befinden sich in sehr unterschiedlichen Teilen Ungarns. Bis jetzt habe ich 16 Orte (im ganzen Land) besucht, aber ich habe vor, meine Reise in der Zukunft fortzusetzen. Die Charakteristik des Standortes hat eigentlich keinen Einfluss auf den Stil des Motels.


Hanna Rédling ist eine ungarische Fotografin und lebt in Budapest. Sie studierte Fotografie an der Moholy-Nagy-Universität für Kunst und Design in Budapest und an der Willem de Kooning Akademie in Rotterdam und absolviert zurzeit das Master-Programm in Fotografie an der Moholy-Nagy-Universität für Kunst und Design. Aktuell ist Hanna auch im Duo ASPIK TEARS mit Rebeka Mór aktiv.


Alle Bilder © Hanna Rédling „Color TV, Queen beds, Exotik Dreams“

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