GoEast Festival: Freiheit, Religion & Laserpistolen

Seit zwanzig Jahren präsentiert das goEast-Festival in Wiesbaden Filme aus Mittel- und Osteuropa. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr musste das Programm wegen der Corona-Pandemie ins Internet verlegt werden. Die persönlichen Begegnungen fielen weg, dafür konnten die Filme in ganz Deutschland geschaut werden. 

memes

Auch ein Teil des Rahmenprogramms fand online statt. In der Ausstellung „Memes from Slavistan“ wurden beliebte Memes aus Osteuropa vorgestellt und erklärt. Sie zeigten viel Selbstironie, sind aber auch Ausdruck von Stolz und Identität. Beliebte Themen sind Religion, Geschichte, Familie und Essen. Es sind Witze über schlechte Straßen und die berühmte „Slavic Science“, die durch ein hohes Maß an Improvisation und Risikobereitschaft das Unmögliche möglich macht oder zumindest in eine Anlage zum Schnapsbrennen verwandelt. Es ist ein besonderer Humor, mit dem auf die oftmals harte Lebensrealität der postsowjetischen Staaten reagiert wird.

Ein Klassiker ist das Meme mit dem Text:

‚The world is falling apart‘ – Ex-Yugoslavs: ‚First time?‘

Russland im Film

Während die Memes jedoch höchstens an der Oberfläche kratzen und oft im Klischee stecken bleiben, zeichnen die Filme ein komplexeres Bild des osTraums. An zwei Dokumentarfilmen im Wettbewerb lässt sich diese Komplexität besonders gut ablesen. „Schaum“ von Ilya Povolotskiy und „Unsterblich“ von Ksenia Okhapkina beschäftigen sich beide mit dem Leben im äußersten Nordwesten Russlands, im Oblast Murmansk. Doch die beiden Filme könnten kaum unterschiedlicher sein. Sie zeigen zwei Seiten des heutigen Russlands: Die autarke Vereinzelung und das patriotische Kollektiv.

Leben am Ufer der Barentssee: „Schaum“. © goEast Filmfestival

„Schaum“ schildert ein einsames, raues Leben am Ufer der Barentssee. Ruhige Bilder, Arbeiter mit Fischerbooten und Gespräche beim Bier mit viel Lachen und Flüchen. Der Staat ist kaum präsent, nur ab und an hört man im Hintergrund Nachrichten im Radio. Über allem liegt Nebel, einen Kontrast bilden nur der Ausflug in eine Shopping-Mall und zwei verirrte deutsche Touristen. 

„Unsterblich“ ist das verstörende Bild eines Kollektivs, das von Propaganda und militaristischer Indoktrination geprägt ist. Die Bildsprache des Films ist düster, In einer Bergbautristesse rattern Züge und Maschinen, der nächtliche Himmel über den Plattenbauten ist wolkenverhangen. Einfache Alltagsszenen sind wenig zu sehen. Hauptthema des Films ist die „Junarmija“, Russlands Jugendarmee. Kinder lernen Marschieren, eine Waffe zu bedienen und die Hymne der Organisation:

„Es ist unser Schicksal, Russland zu dienen, unserem wundervollen Russland“

Früh übt sich für die Unsterblichkeit. © goEast Filmfestival

Tarkovsky

Als weniger interessant stellte sich der Film „Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer“ heraus. Andrey Tarkovsky Jr. hat für das Portrait seines Vaters seltene Archivaufnahmen und Filmausschnitte zusammengestellt, die das Leben des großen Regisseurs und sein Verständnis von Kunst vermitteln. Tarkovsky war tief religiös und verstand Kunst als ein Gebet an Gott. Insgesamt ist der Film von einer getragenen Stimmung und Spiritualität überfrachtet. Letztendlich ist es lohnender, Tarkovkys großartige Filme anzusehen, statt sich seine Überlegungen zur Religion anzuhören. 

Der große russische Regisseur Andrey Tarkovsky © goEast Filmfestival

Esten, Tschechen, Äthiopier & andere „ostEuropäer“

Erfrischend weniger ernst mit der Religion nimmt es die erste estnisch-äthiopische Koproduktion der Filmgeschichte: „Jesus Shows You the Way to the Highway“. Ganz klar ist es nicht, worum es in diesem abgedrehten Retro-Sci-Fi-Spektakel geht. Nur so viel: Ein CIA-Agent steckt in einer virtuellen Realität fest, in der auch Stalin, Batman und Riesenmoskitos mit Laserpistolen auftreten. Auch ein Jesus-Imitator ist dabei. Ein liebevoll gestalteter Film mit B-Movie-Ästhetik, der großen Spaß macht.

Eine der weniger verrückten Szenen aus „Jesus Shows You The Way to the Highway“
© goEast Filmfestival

Das ästhetische Gegenteil dazu ist „The Painted Bird“ von Václav Marhoul. Das vielfach ausgezeichnete Schwarz-Weiß-Epos mit Harvey Keitel, Stellan Skarsgård und Udo Kier erzählt die Geschichte eines Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs alleine auf der Flucht ist. Die genauen Umstände sind nur angedeutet. Die Schauspieler sprechen die Kunstsprache „Interslawisch“, was den Film nur unbestimmt im osTraum verortet und darauf verweist, dass hier nicht ein konkretes Schicksal geschildert wird, sondern eine allgemeine Geschichte.

Der Junge (beeindruckend gespielt von Petr Kotlár) begegnet auf seinem Weg immer wieder extremer Gewalt. Das Erlebte verändert den Jungen und er wird selbst zum Mörder. Die Bilder sind ernüchternd und schrecklich. „The Painted Bird“ ist ein beeindruckendes Kunstwerk über die Grausamkeit.

Bildgewaltig: „The Painted Bird“. © goEast Filmfestival

Oleg Sentsov, Freiheit, Autorität

Viele der gezeigten Filme beschäftigen sich mit dem Thema Freiheit und Unterdrückung. Oleg Sentsov, der im September vergangenen Jahres aus russischer Haft entlassen wurde, hat seinen neuen Film „Die Zahlen“ per Brief aus dem Gefängnis heraus inszeniert. Er zeigt in einem theaterhaften Setting eine dystopische Miniaturgesellschaft, deren Leben an festen Regeln und Ritualen ausgerichtet ist. Die Einhaltung wird von bewaffneten Aufsehern und von einer gottähnlichen Instanz überwacht. Als einer der Unterdrückten die Regeln hinterfragt, entstehen neue Dynamiken und der Ruf nach Freiheit wird immer lauter. Was recht plakativ daherkommt, erweist sich im weiteren Verlauf als komplexeres Gedankenspiel über Autorität und Religion.

Oleg Sentsovs erster Film nach seiner Freilassung © goEast Filmfestival

„Uppercase Print“ von Radu Jude handelt von einem wahren Fall im Rumänien der 1980er-Jahre. Der Schüler Mugur Calinescu protestierte mit Kreide-Schriftzügen in Großbuchstaben gegen das Ceaușescu-Regime. Im Film werden die Texte der zughörigen Securitate-Akten verlesen und in einer Collage mit Ausschnitten aus dem damaligen Fernsehprogramm kombiniert. Die Haushaltstipps, Gymnastikprogramme und Liebeskomödien, die dauerlächelnden Sängerinnen und fröhlichen Pionierparaden stehen im schmerzhaften Kontrast zur Geschichte von Calinescu.

In „Uppercase Print“ hört die Geheimpolizei mit. © goEast Filmfestival

Viele der gezeigten Filme griffen auch wichtige aktuelle Themen wie Arbeitsmigration in Europa und den Kampf gegen Rollenerwartungen an Frauen auf. Einige der Filme werden im November in Wiesbaden noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen sein. Verpasst es nicht!


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