Belarus zwischen Hammer, Sichel & der Ostsee

Wie in den meisten postsowjetischen Staaten dominieren das belarussische Straßenbild die gleichen Denkmäler, Straßennamen und die Ewigen Flammen – vieles als Erinnerung an den ‚Großen Vaterländischen Krieg‘ bzw. den 2. WK. Die Straßen sind nach Lenin, Marx, Engels oder der Revolution benannt, im Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk gibt es Tassen und Magnete mit Stalins Antlitz als Souvenir. Der ‚Genosse Lenin‘ steht in jeder Stadt des Landes in der Ortsmitte auf dem Leninplatz, direkt vorm Rathaus.

Ėtnakramy: Souvenir-Geschäfte der Opposition?

Es gibt aber auch andere Souvenirs. In den sogenannten Ėtnakramy sind allerlei Folklore-Artikel zu finden. Alle beziehen sich auf eine Geschichte des Landes, die auf das Großfürstentum Litauen zurückgeht.

Eine sehr lange Zeit war Belarus Teil des Großfürstentums Litauen, später aber teils polnisch, teils russisch und schließlich Teil der Sowjetunion. Nach einer kurzen Unabhängigkeit 1918 (Belarussische Volksrepublik), die weniger als ein Jahr andauerte, wurde Belarus erstmalig 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig. Das Großfürstentum Litauen, das auf den Fürst Mindaugas zurückgeht, vereinigte sich 1559 mit dem Königreich Polen und umfasste in seiner größten Ausdehnung ungefähr die heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland und Belarus. Auch Teile der heutigen Ukraine, Russland, Estland, Moldau und Rumänien waren ein Teil der Rzeczpospolita, die von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. Die Adelsrepublik wurde in den Teilungen Polen-Litauens zwischen 1772 und 1795 zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich aufgelöst.

Postkarten: ein Politikum?

Während man in den üblichen Buchläden, den „Knigarni“, Postkarten zum ‚Tag des Sieges‘, Plakate zum Tag der Russischen Revolution, zum 23. Februar – dem ‚Tag der Verteidiger des Vaterlandes‘ – oder Portraits des Präsidenten Aljaksandr Lukašėnka findet, gibt es in den Ėtnakramy nichts derartiges.

Dafür dominieren hier die Farben weiß und rot sowie das Pahonja, ein traditioneller Reiter mit Schwert, der auf das Großfürstentum Litauen zurück geht. Noch heute ist er im offiziellen Staatswappen von Litauen unter dem Namen Vytis zu sehen. Versteht sich also Belarus als eins der Nachfolgestaaten des ehemaligen Großfürstentums?

Weiß-rot-weiß und Pahonja

Anstatt Hammer und Sichel zeigen die Postkarten aus den Ėtnakramy traditionelle belarussische Muster – die sogenannten Vyšyvanki – und aus den sowjetischen Helden, wie Lenin und Marx, werden Vytautas, Gediminas und Mindaugas.

Andere Helden: Statt Lenin und Marx sind hier Mindaugas und Vytautas die Helden. Auf den traditionellen Leinentrachten sind die Vyšyvanki, die traditionellen roten Stickereien, zu erkennen

Traditionelle Vyšyvanki sind nicht nur in Belarus, sondern auch in der Ukraine verbreitet. Jedes dieser Symbole hat eine bestimmte Bedeutung: von oben nach unten: Jugend, Familie, Schönheit, Feuer, Sonne.

Sprachen & die Symbolik

Auch die russische Sprache, die von 2/3 der Bevölkerung gesprochen wird, ist in diesen Souvenirläden nicht zu hören. Dominierend ist das Belarussische, dessen Vorgängersprache – das Ruthenische – eine der Amtssprachen im Großfürstentum gewesen ist. Damit distanzieren sich die Ėtnakramy von der Politik Lukašėnkas. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde die BSSR unabhängig und führte die alten Staatssymbole von 1918 wieder ein: die rot-weiß-rot gestreifte Flagge, sowie das Pahonja. 1994 kam Lukašėnka an die Macht. Bereits 1995 veranlasste er ein Referendum, in dem über neue Staatssymbole abgestimmt werden sollte. Eine knappe Mehrheit entschied sich für die alten Symbole. Obwohl das Referendum keinen rechtsbindenden Charakter hatte, setzte Lukašėnka das Ergebnis um. Anstelle des Pahonjas und der weiß-rot-weißen Flagge galt von 1995 an wieder das modifizierte Wappen der BSSR ohne Hammer und Sichel, sowie die ehemalige Flagge der BSSR, ebenfalls ohne Hammer und Sichel. Lukašėnka sieht damit Belarus in erster Linie als einen Nachfolgestaat der UdSSR.

Die von Lukašėnka 1995 eingeführten ’neuen‘ Insignien unterscheiden sich nur durch die fehlenden Hammer & Sichel von denen, die die Belarussische Sowjetrepublik, führte.

Ein Überbleibsel aus der Zeit vor Lukašėnka: Dieses Metallschild einer staatlichen Fabrik zeigt noch das Panhoja-Wappen, welches zwischen 1991 und 1995 das offizielle Staatswappen der jungen belarussischen Republik war.

Die weiß-rot-weißen Fahnen, das Pahonja und die belarussische Sprache wurden nun zum Symbol für Opposition gegen Lukašėnkas autoritäre Politik und die 2000er Jahre wurden zu einer Zeit der Unterdrückung. Oppositionelle verschwanden plötzlich spurlos, Versammlungen wurden von der Miliz niedergeprügelt. Dass jetzt seit einigen Jahren Souvenirläden wie die Ėtnakramy die alte weiß-rot-weiße Flagge als Symbol auf T-Shirts, Autoaufklebern, Wimpeln, Tisch- oder Hissflaggen anbieten, ist durchaus bemerkenswert. Ist das Regime toleranter gegenüber der Symbolik geworden?

Pahonja als Magnet (links) und weiß-rot-weiße Flagge auf Vyšyvanka-Leinen mit Kalender zum 100-jährigen Jubiläum der Belarussischen Volksrepublik (rechts)

Ukraine & Belarus: Vereint im (Un)Glück?

Die Ukrainekrise ab 2013 hat auch in Belarus einiges verändert. Lukašėnka erkannte die russische Annexion der Krim nicht an und bot sich als Vermittler an, woraufhin die Minsker Abkommen für einen Waffenstillstand im Ukrainekrieg geschlossen wurden. Auch die Einrichtung eines Militärstützpunktes Russlands in Belarus wurde von Lukašėnka abgelehnt. Der belarussische Präsident ließ einige politische Gefangene frei, woraufhin die Europäische Union die Sanktionen gegen das Regime einstellte. Es folgte eine ganze Reihe von Einreiseerleichterungen für EU-Bürger und eine schrittweise Öffnung des Landes gen Westen. Die sichtbare Abkehr von Russland und die Zuwendung zur EU zeigt die Nervösität Lukašėnkas, ihn könne das gleiche Schicksal ereilen wie Viktor Janukovyč zuvor in der Ukraine; die Angst, zwischen Russland und der EU zerrieben zu werden. Belarus befindet sich in einem Spagat zwischen Russland und der EU. Wie lange er wohl zu halten ist?

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Vyšyvanki (links) und „Ukraine wir sind mit dir“-Tassen in einem Ėtnakrama in Minsk.

Die Tatsache, dass im Dezember 2019 plötzlich eine Wiederbelebung der Belarussisch-Russischen Union im Raum stand, zeigt wie wichtig es nun auch für Lukašėnka ist, eine eigene belarussische kulturelle Identität aufzubauen und zu festigen, um die Gefahr einer eventuellen Eingliederung in die Russische Föderation abzuwenden. Die Symbolik des Großfürstentums und die belarussische Sprache waren eine lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal der Opposition. So versucht Aljaksandr Lukašėnka nun nach der Ukrainekrise sich die Geschichtskultur der Opposition anzueignen. Zum einen kann er die Opposition damit ein Stückweit entmachten, zum anderen kann sich durch die Aneignung eine ‚staatliche Alternative‘ zum Kult um den ‚Großen Vaterländischen Krieg‘ entwickeln. Doch eine so starke Abgrenzung von Russland, gar eine ‚Verbannung des Kommunismus‘ aus dem öffentlichen Raum, wie es die Ukraine unter Porošenko vollzogen hat, wird es in Belarus so schnell wahrscheinlich nicht geben; noch ist die wirtschaftliche Abhängigkeit vom großen Nachbarn Russland zu stark.


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Bildquellen: Dennis Rabeneick für osTraum

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