Russland 2K19: Nikulins Mai

Mai muss wohl ein ungewöhnlicher Monat sein – der Arbeiter*innen-Tag, der Tag der Kapitulation, der Tag des Sieges, der Tag der Befreiung. Das sind aber nicht die Hauptgründe für die Besonderheit des Monats. In der Nacht zum 1. Mai feiern Hexen und Hexer und andere Neo-Paganist*innen die Walpurgisnacht. Das ist der Beginn des Monat, in dem alles aufblüht. Es wird wärmer, uns zieht es nach draußen in die Natur und in die Straßencafés. So schlürfen wir an unseren Getränken und beobachten die Menschen und das Leben auf den Straßen und Plätzen, wie sie an uns vorbeiziehen, zu ihrem Ziel eilen oder ziellos rumschlendern. Der russische Autor, Dichter, Journalist, Samizdat-Verleger, Chef-Redakteur des Almanachs moloko plus, Mitbegründer des Verbands russischer Journalist*innen sowie Presse-Arbeiter*innen sowie Polit- und Menschnrechtsaktivist Pavel Nikulin hat im Jahr 2019 auch sehr viel beobachtet, gesehen, gehört oder war mitten drin. Das für Russland turbulente Jahr 2019 konnte kritische und emphatische Köpfe kaum gleichgültig lassen. Auch Paša – so die zwanglose Form seines Namens – konnte es nicht einfach beobachten.

Was genau ist mit 2019 in Russland gemeint? Der Brand des Sukhoi Superjets von Aeroflot am 5. Mai? Massenproteste gegen die Errichtung von riesigen Mülldeponien in der russischen Provinz? Demonstarationen für Pressefreiheit und Menschenrechte? Anschließende Verhaftungen von Demostrant*innen sowie darausfolgende erneute Demonstrationen? osTraum sprach mit Paša über seine Veröffentlichung „Mai“.

Pašas Insta ist ein Kunstprojekt für sich

„Mai“ ist ein Buch, was aber ein rein materieller Begriff ist. Inhaltlich ist es Poesie… oder doch Prosa. Ein Essay oder ein Gedankenfluss ohne Selbstzensur und Satzzeichen. Die Abwesenheit von Satzzeichen kann aber gleichzeitig als Selbstzensur gesehen werden, die der Leser*innenschaft und dem Autor eine Deutungsfreieheit gibt. Wir müssen uns auch nicht festlegen. Es ist aber klar, dass Mai von Paša Nikulin ein einzigartiges literarisches Werk ist, das sich zwar des Realismus bedient, aber so viele gedankliche Richtungen eröffnet, dass es stark an Ulysses von James Joyce erinnert. Die Message bleibt aber absichtlich roh, wie rohes Fleisch, wie rohe Gewalt, wie ein verlassener Rohbau im Zentrum der Stadt, womit er leicht an Daniil Charms‘ Lyrik anknüpft.

osTraum hat Paša Nikulin nach nur einem Element in seinem Text gefragt – dem Plattenbau. Seine Antwort liess keine weiteren Fragen zu. Sie zeigte nicht nur das Jahr 2019 in Russland, sondern womöglich das komplette 20. und 21. Jahrhundert.

osTraum: An mehreren Stellen erwähnst du im „Mai“ den Plattenbau. Welche Rolle hat es in dem Werk und in deinem Leben?

Paša Nikulin: „Mir gefällt experimentelle Architektur. Jemand, der einen Auftrag erfüllt und ein Haus hinstellt, eher kein Architekt. Ein Architekt ist für mich jemand, der darüber nachdenkt, wie sein Gebäude die Natur des Menschen verändert. So ein Beispiel für mich sind die Spielplätze in den Niederlanden. Die sind da so angelegt, dass die Kinder unter sich sind, aber gleichzeitig auch mit den Erwachsenen interagieren können. Damit sie vom Spielplatz in irgendeiner Form das Erwachsenenleben zwar sehen, aber nicht dran teilnehmen. Eine kleine gemütliche Bar, wo ihr Bruder mit den Kumpels ein Bierchen trinkt. Oder eine Uferpromenade, wo Erwachsene entlang spazieren. Die sind irgendwie so angelegt, dass die Kinder aufeinander aufpassen können, dass keiner auf die Straße mit den Autos rausläuft. Was ist dagegen ein Kindergarten in Russland? Eine JVA.“

osTraum: [Hier schmunzle ich und es entsteht eine kurze Pause]

Paša Nikulin: „Ehrlich! Ich bin sehr oft in verschiedenen Strafkolonien und Untersuchungshaftanstalten gewesen. Für Recherchen als Journalist. In dem Punkt bin ich mit Michel Fouccault absolut einverstanden – der Kindergarten ist ein Gefängnis. Die Schule ist auch ein Gefängnis. Auch die Uni. Eigentlich ist alles ein Gefängnis. Sehr viele Kindergärten in Russland sind mit so halbdurchsichtigen Plastikwänden abgegrenzt. So verliert das Kind den visuellen Bezug zu seiner Umwelt. Eigentlich ist es zum Schutz der Kinder gemacht, damit kein Pädophiler ihnen seinen Puller zeigt. Doch in Wirklichkeit ist das ein echtes Trauma. Die Versicherheitlichung von Architektur ist auch sehr interessant, aber mich interessiert auch das Kollektive an der Architektur sehr. Ich kann mich glücklich schätzen, eine Zeit lang in einem NarKomFin-Haus gelebt zu haben.

Das ist ein experimentelles Haus bzw. eine Kommune mitten in Moskau, das in den 1920-er Jahren gebaut wurde. In diesen Wohnungen gibt es keine Küchen. Heute haben natürlich die aktuellen Bewohner selbstständig Küchen gebaut, doch die waren da nie berücksichtigt. Alle Anwohner sollten in die Mensa im Haus gehen. Die Wohnungen waren klein, aber dafür zweistöckig und mit hohen Decken. Durch diese Decken entstand ein unglaubliches Gefühl und Qualität von Raum. Ich habe auch in unterschiedlichen riesigen Gemeinschaftswohnungen gewohnt, die ich überhaupt nicht mochte. Es sind da zu viele Menschen und es passiert eigentlich das Gegenteil dessen, was unter Gemeinschaftlichkeit verstanden wird. Wenn das kein Künstler-WG ist, dann ist es einfach nur kranke Scheiße. Ich habe natürlich viel im Plattenbau gewohnt. Ich mag Tschertanowo sehr.

Das sind Mikrorajons mit riesigen Häusern, die man mit der Vision gebaut hat, dass die Lebensmittel über die Rohrpost zu den Menschen gelangen. In London war ich in einem Bezirk, der wie ein Riesenhaus gebaut ist. Der heißt Barbican und das ist krass schön und spannend. So was mag ich total. Die Plattenbauten des Typs Chruschtschowka sind auch voll interessant, weil sie innerhalb einer Woche oder eines Monats oder so was in der Art gebaut wurden. Doch für die heutige ausgedehnte russische Familie sind sie nicht gedacht. Also „ausgedehnt“, weil man oft mit den ganzen Omas, Opas, erwachsenen Kindern und ihren Familien usw. zusammen wohnt. Irgendwann wird es für alle zu eng. Ein anderes Problem ist, dass man meiner Meinung nach in Sowjetunion viel an guten Baumaterialien gespart hat. Ich habe auch in Europa gelebt und da auch Wände aus Karton gesehen und das stört die Menschen natürlich auch. Deshalb sehe ich eigentlich nichts schlimmes in Chruschtschowkas. Ich finde nur, dass es keine fünf Etagen hätten sein müssen. Man hätte doch auch drei Etagen bauen können. Die Häuser wären dann liegend, nicht stehend. Auch in Berlin habe ich Plattenbauten gesehen. Um die Alexanderstraße herum. Da war das eigentlich voll in Ordnung. Viele denken, dass der Plattenbau die Leute einsamer macht, aber da habe ich gesehen, dass die Nachbarn sich unterhalten und einander grüßen, sie halten auch die Häuser irgendwie in Ordnung. Bei uns dagegen ziehen Leute ständig ein und aus und lernen sich deshalb auch nicht kennen. Ich weiß z.B. gar nicht mehr wer in dem Haus wohnt, in dem ich aufgewachsen bin. Ich kenne die meisten dieser Leute nicht. Die mieten alle. Wie ist es denn in Moskau? Eigentlich sind viele Moskauer Rubel- oder Dollar-Millionäre, weil sie über Immobilien verfügen, die so viel Wert sind. Diese Wohnungen vermieten sie unter und verkaufen sie. Wenn die Wohnung vermietet wird, dann wird sie nicht mehr als etwas architektonisches wahrgenommen. Das ist dann einfach der Ort, an dem man schläft. So verändert sich unsere Wahrnehmung der Wohnung und des Hauses. Vielen wird es dann egal, ob sie in einem Plattenbau, einer Chruschtschowka oder einem Neubau wohnen. Das ist einfach ein Ort, an dem sie nach der Arbeit und vor der Arbeit schlafen. Diese ästhetische Einstellung nach dem Motto „Was soll das mit diesen ganzen Plattenbauten“ oder „Die haben die Stadt verunstaltet“ mag ich nicht. Oft sind es Menschen, die ganz obskure Dinge für schön halten, z.B. Häuser in Europa, in denen ein Treppenhaus nicht vorgesehen ist. Da gibt es einfach gar keinen Zwischenraum zwischen den einzelnen Treppenaufgängen. Wofür sollten wir so was auch haben? Ich glaube, dass es Le Corbusier war, der als erster darauf gekommen ist, Treppenhäuser auszubauen, damit es dort die Zwischenflächen gibt, auf denen sich die Menschen begegnen und unterhalten. Oder ein anderes Beispiel sind die furchtbaren Wendeltreppen in Griechenland, die so gebaut werden, dass man ein Maximum an Platz spart. Hier stelle ich mir nicht die Frage danach, worin Menschen leben, sondern eher danach, was sie umgibt. Man kann auch voll geil in einem Container wohnen, wenn der mitten im Wald steht und von grünen Bäumen umgeben ist. Wenn wir aber von Russland sprechen, wo du sechs Monate im Jahr schwarzen Dreck, schwarzes Eis, Scheiße, Müll, Plastik und aufgetaute Leichen unter den Füßen hast, dann willst du dich davon abgrenzen und dich irgendwo einschließen.

Der Begriff öffentlicher Raum existiert in unseren Köpfen nicht. Wenn etwas öffentlich ist, dann gehört es keinem. Ich habe so oft halbverfallene Häuser gesehen, die keiner renoviert hat. Da sind Risse in den Wänden und Stahlkonstruktion gucken aus dem Beton raus, aber dann findet man in dem Haus eine mega teure Wohnung mit neuen Fenstern, Holztüren mit vergoldeten Klinken, Fußbodenheizung usw. Man geht dann aus dieser Wohnung in das Treppenhaus, aber da ist nichts. Zerplatzte Fliesen und einfach nichts.“


Paša Nikulin

Mai

2019 moloko plus


Рецензия-интервью на русском:


Bildquellen (Titelbild & Aufnahmen des Buches): osTraum
Porträt von Paša Nikulin von seiner VK-Seite als Dichter


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