(Rap-)Poesie aus Großstadtrotz in Polen

„Er glotzt in den Himmel, während er in der Straßenbahn sitzt, von Chemtrails zerschnitten die dunkle Fläche wie ein I-Phone mit gesplittertem Display, dort aber gewittern Blitze, glüht die Hitze, glüht die Hitze der Stadt, locken mit Neonlichtern, nur wenig berauschend, die Nowe Światy, ›VERLIEB DICH IN WARSCHAU‹ – redet ein Banner ihm zu. Haben die ‘n Arsch auf?“

In Dorota Masłowskas „Andere Leute“ knallt es die ganze Zeit. Drogen, Gewalt, kaputte Beziehungen, Geldnöte und verpatzte Träume. Es wird viel geflucht und wenig auf die Reihe bekommen. Kamil will eigentlich Rapper werden, aber besonders ambitioniert arbeitet er nicht an seiner Karriere. Zu seinen Gelegenheitsjobs gehört das Klempnern genauso wie das Dealen. Dazwischen Straßenbahnfahrten durch Warschau, Sex und Streitereien. Auf 155 Seiten erzählt Masłowska von drei fast alltäglichen Tagen in ihrer ganzen Hässlichkeit. Diese Tage sind einfach aus dem Leben gerissen, sie bilden keine Geschichte mit Anfang, Höhepunkt und Ende. Es gibt keine Charakterentwicklung des Helden hin zur Einsicht in die Weisheit des Lebens. Keine Moral. „Andere Leute“ ist ein Anti-Roman im besten Sinne. 

Wer sind eigentlich die „anderen Leute“? Die meisten, die üblicherweise literarische Neuerscheinungen lesen, würden die Figuren des Romans wahrscheinlich ohne zu Zögern als „andere Leute“ bezeichnen, denn mit Geldproblemen, Drogen und exzessivem Fluchen identifiziert man sich nur ungern. Gleichzeitig steckt in Masłowskas Schilderung der vermeintlich anderen sehr viel von uns allen, vom Leben halt. 

Besonders bemerkenswert an diesem Buch ist seine radikale Sprache. Die Alltagssprache voller Schimpfwörter vermischt sich mit berührend poetischen Bildern, an denen kein Wort zu viel ist. Dialoge und Gedankenströme werden unterbrochen von Kommentaren und kleinen Szenen, die das realistische Setting sprengen. Der Übersetzer Olaf Kühl hat hier für uns – das deutschsprachige Publikum – eine erstaunliche Arbeit geleistet.


Dorota Masłowska

Andere Leute

2019 Rowohlt Berlin


Bildquellen (Titelbild & Aufnahmen des Buches): Norma Schneider für osTraum | Cover und Buchtext: Rowohlt Berlin


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