Prag unter der Erde

„Himmel unter der Erde“ – so empfindet der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš die Berliner U-Bahn und allgemein die Berliner Öffis. Vor gut 20 Jahren machte er in Berlin seinen Erasmus und genoss die deutsche Braukunst in der Ring Bahn und probte mit seiner Punk Band im alten Wasserturm am Ostkreuz unweit vom about blank – damals noch kein Berghain-Konkurrent und auch gar kein Club eigentlich. Die Prager Öffis haben auch einiges zu bieten. osTraum widmet sich speziell der U-Bahn. Zwar werden da keine Partys gefeiert und sie besteht aus nur drei Linien, einen Mehrwert für die Gäste der Stadt hat sie trotzdem und ist ebenfalls ein Gegenstand von literarischen Werken. Dazu aber später.

Die ersten Pläne für eine unterirdische Bahn gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Ernst wurde es aber in den 1920-er-1930-er Jahren während der tschechoslowakischen Unabhängigkeit als Vorschläge mehrerer Ingenieure von den Stadtverwaltung diskutiert wurden. Mit der deutschen Besatzung wurden aber die Vorhaben aufs Eis gelegt. In der Nachkriegszeit war die U-bahn auch nicht das Thema Nu. 1. 1966 ging der Bau los und 1974 kam es endlich zu der Eröffnung der Parger Metro.

Die Metro sollte funktional angelegt sein. Nichts überflüssiges. Effizient und benutzer*innenfreundlich. Die Moskauer Metro – die wohl pompöseste U-Bahn der Welt – sollte ihr eigentlich als Vorbild dienen. Vieles erinnert an Moskau aber nicht. Eine Ähnlichkeit gibt es bei den tiefen Rolltreppen, die für Deutschland sehr unüblich sind. An einigen Stationen kann der Weg an die Oberfläche bis zu fünf Minuten dauern, wenn man*frau stehen bleibt und sich fahren lässt. Die zweite Ähnlichkeit oder besser gesagt ein Zitat Moskaus und allgemein der Sowjetunion ist die Station Anděl (de.: Engel), die ausführlich im gleichnamigen Roman von Jáchym Topol behandelt wird. Eine Station als Symbol des postsozialistischen Traumas – kulturell, wirtschaftlich, gesellschaftlich.

Charakteristisch für die Parger Metro sind Rohre. Gänge, Lampen und selbst die Architektur von Stationen hat oft die Form eines Rohres. Mal sind die Wände aus Marmor, mal aus Aluminium oder anderen Metallen. Im Zentrum wurde viele Metro-Eingänge ans Stadtbild angepasst. In einem Altbau des 19. Jahrhunderts ist dann auch die Unterführung zur Metro. Außerhalb der Stadtmitte wurden die meisten Bahnhöfe auf der Erdoberfläche angelegt. Eine weitere Linie ist in Planung und soll unter anderem den hippen Bezirk Žižkov besser an den Hauptbahnhof und andere Stadtteile anbinden. Die Bauarbeiten haben aber noch nicht angefangen. Derzeit gibt es Verzögerungen wegen Verhandlungen zwischen der Stadt und den Grundstückbesitzer*innen, welche vom Bau betroffen sein sollen. 2020 wird es hoffentlich losgehen.


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