Spoken word Russia

Die „Nächtlichen Lastenträger“ („Ночные грузчики“) gelten in Russland als Begründer des experimentellen Genres spoken word. Die Experimentierfreudigkeit der jungen Kunstform sträubt sich gegen feste Regeln und eindeutige Definitionen, doch zwei wiederkehrende Merkmale lassen sich ausmachen. Erstens wird die Bedeutung des Textes im Verhältnis zur Musik stark aufgewertet. Die dichten Texte fordern viel Aufmerksamkeit, was zu Lasten der in den Hintergrund tretenden Musik gehen kann (so z.B. in Lou Reeds „The Raven„). Die „Nächtlichen Lastenträger“ gehen einen Mittelweg, bei dem ihre Sprechstimmen klar und deutlich aus einer rhythmischen Musikbegleitung herauszuhören sind.

Zweitens wird die Grenze zwischen Musik und Literatur untergraben. Die Liedtexte sind gespickt von Anspielungen auf literarische Vorbilder und die vermeintlichen „Musiker“ thematisieren ihr Dasein als „Dichter“. Gebräuchliche Unterscheidungen zwischen „Erzählung“ und „Song“ oder „Lesung“ und „Konzert“ verlieren an Bedeutung.

Der Auftaktsong „Трудовая книжка“ („Arbeitsbüchlein“) des 2007 erschienenen Debütalbums „Танцуй и думай“ („Tanz‘ und denk'“) illustriert die Besonderheiten von spoken word: Evgenij Aljochin und Michail Enotov erzählen von ihren Ferienjobs. Der eine hat als Trinkwasserlieferant gearbeitet, der andere als Malergehilfe. Einen Refrain gibt es nicht, aber dafür ausführliche Beschreibungen der Sommerhitze, des Arbeitswegs und der Kollegen. Die kleine Alltagsstudie steht literarischen Skizzen näher als dem russischen Mainstream-Hip-Hop der 2000er – wenig überraschend, dass Evgenij Aljochin auch eine Reihe von Erzählungen als Schriftsteller veröffentlicht hat. Auf das Debüt folgten drei weitere Alben im Jahresrhythmus (2008: В 2 раза больше боли, в 2 раза больше любви (Doppelt so viel Schmerz, doppelt so viel Liebe), 2009: О, человек (Oh, Mensch), 2010: Критика чистого сердца (Kritik des reinen Herzens). Auf dem letztgenannten Album hat das Duo mit dem Lied „Лето 2010“ (Sommer 2010) der Moskauer Jahrhunderthitze mit verheerenden  Waldbränden und Rauchwolken ein Denkmal gesetzt, wodurch es einem breiteren Publikum bekannt wurde.

Im März 2018 haben die „Notschniye Grustschiki“ ihr fünftes Album vorgelegt, das schlicht den Namen der Band trägt. Der Sound des neuen Albums ist elektronischer und stellenweise rhythmischer geworden, rückt aber wie gewohnt die Stimmen in den Vordergrund. Mit ihren Texten greifen die „Lastenträger“ wie gehabt nach den großen Themen: Gott, Liebe, Leben, Tod und Schmerz. In triefend religiösem Vokabular – von Himmel und Hölle über Beichte und Gebet zu Jüngstem Gericht – spricht ein von Gott und Welt entfremdeter Mensch:

„aber gott hat mir gesagt wisse dass ich bin doch lebe als

gäbe es mich nicht und so bin ich aus judas schlinge geschlüpft

wie ein weit in die nacht fliegender funke vom feuer

die dunkelheit bringt mich um doch vom licht ist nur sehnsucht geblieben

um zu leben muss ich schreiben aber zum schreiben sterben

ich träumte davon gottes diener zu werden aber ich bin sein bastard“

(bastard)


„а мне бог сказал знай что я есть но живи так будто

меня нет и вот я вылезший из петли иуда

как искра далеко улетевшая в ночь от костра

тьма меня убивает а от света осталась только тоска

чтобы жить мне нужно писать а чтобы писать умирать

я мечтал бы стать рабом божьим но я его бастард“

(бастард)

Die hohen Gedankenflüge werden mit grauen Alltagsszenen von Familiengewalt, erniedrigender Arbeit und Beziehungsproblemen kontrastiert und verflochten. Es sind diese Alltagsbilder, die das teils hochtrabende Album erden. In ihren Beschreibungen sind die Texte stärker als in ihren philosophischen Spekulationen. Das Album verliert an (pseudo-)philosophischem, und gewinnt an menschlichem Gehalt:

„im oktober wollte ich meine frau verlassen eine heilige große frau

hab einer minderjährigen freitags auf der schwelle zum club meine liebe gestanden

es war scheiß halloween überall waren verkleidete ungeheuer unterwegs

irgendjemand macht rum jemand kotzt an der bar lachte schallend ein teufel

sie sagte stumpf sorry und verschwand mit einem anderen mann im motel

ich habe ein taxi gerufen und konnt mich nicht halten den fahrer zu fragen

warum alles so im arsch ist mir schien er wird mich verstehen wie kein anderer

und er antwortete irgendwas banales und überraschend weises

ich hab im späti wodka gekauft auf die gesetze wollt ich spucken

bin beim vater reingeplatzt der schon friedlich schlief beim lärm des sportsenders

hab ihn geweckt in tränen mit einer pulle und nem glas saurer gurken

papa auf lass uns trinken dieses leben gibt mir den rest“

(offen gesagt)


„в октябре я хотел уйти от жены святой великой женщины

признавался в любви малолетке на пороге клуба пятница

это был ебаный хеллоуин всюду ходили чудовища ряженые

кто-то сосался кто-то блевал на баре черт хохотал раскатисто

она сказала тупое соррян и поехала в мотель с другим мужиком

а я вызвал такси и по пути не сдержавшись спросил у водителя

отчего же хуево так мне показалось он поймет меня как никто другой

и тот ответил что-то банальное и мудрое удивительно

я купил в ночнике водку плевать я хотел на законы

завалился к отцу который уже мирно спал под шум спортканала

разбудил его в слезах с пузырем и банкой огурцов соленых

пап давай выпьем эта жизнь меня доконала“

(начистоту)

Wie werden diese Extreme in Einklang gebracht? In der Logik des Albums ist es die Figur des Dichters, der die Kluft zwischen göttlicher Himmlichkeit und menschlicher Mickrigkeit überbrückt. Der Dichter strebt in seiner Kunst nach dem Göttlichen und bleibt als Mensch in der Realität verhaftet. Er pendelt als Grenzgänger zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Kunst und Alltag, zwischen Selbstverwirklichung und Entfremdung:

„gott hat geschwiegen er spricht nicht mit dem dichter er spricht durch den dichter

jetzt bin ich halb tot halb lebendig ein komischer hybrid aus subjekt und objekt

wenn die frau etwas ist zwischen engel und teufel

und der mann zwischen raubtier und gott

dann ist der dichter etwas zwischen mann und frau

und darum zu einsamkeit verurteilt

also tut mir den gefallen nennt mich weder mann noch frau

ich ficke den himmel mit meinem füller und bin geschwängert von ihm mit versen“

(särge)


„бог смолчал он не говорит с поэтом он говорит поэтом

теперь я ни жив ни мертв странный гибрид субъекта с объектом

если женщина что-то между ангелом и чертом

а мужчина между зверем и богом

то поэт между мужчиной и женщиной что-то

а потому обречен быть одиноким

так что сделайте мне одолжение не называйте ни мужчиной ни женщиной

я небо трахаю чернильным стержнем и стихами от него беременею“

(гробы)

Durch die Reflexion der Dichterrolle wird das Album der „Lastenträger“ zu einer Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Rolle. Im Ausgangssong des Albums „17/32„, der ruhiger und langsamer gesprochen ist, stehen sich die Perspektiven aufs Leben mit 17 beziehungsweise 32 Jahren gegenüber:

„erstaunlich aber in fünf zehn fünfzehn jahren

werd ich eine dumme und hübsche vielleicht nicht erste frau haben

ich werde nach plan essen mich nach plan betrinken

die tage für die arbeit die nächte für den schlaf

wenn ich einen abschluss in geisteswissenschaften mache

dann werd ich ein gelehrter spießer sein

und trotzdem werde ich prusten beim kaffetrinken

wie mein vater und seine freunde

ich werd aufhören die toilette zu schließen mich vor meiner frau nicht genieren

dann fängt der ranzen an zu wachsen und im sommer wisch ich mir den schweiß von der stirn

und ich werd denken ja überraschend vor fünf zehn fünfzehn jahren

hätte ich mein heutiges leben für die hölle gehalten“

(17/32)


„удивительно но лет через пять десять пятнадцать

у меня будет глупая и симпатичная может не первая жена

я буду по графику есть по графику напиваться

дни будут для работы ночи для сна

если будет высшее образование гуманитарный профиль

тогда буду эрудированным обывателем

но все равно буду фыркать попивая кофе

как мой отец как его приятели

я перестану закрывать дверь туалета не стесняясь жены

потом начнет расти брюхо и летом я буду вытирать со лба пот платком

и буду думать удивительно же но лет пять десять пятнадцать назад

мою сложившуюся нынешнюю жизнь я бы принял за ад“

(17/32)

Keiner der Perspektiven wird der Vorzug gegeben, stattdessen überwiegt die „Verwunderung“ über die Unterschiedlichkeit der Blickwinkel. Der Jugend wird Tribut gezollt für die Begeisterung, mit der sie schreibt und dichtet, dem Alter für die Versöhnung mit Leben. Und so klingt das wohl durchdachte Album der „Lastenträger“ auf einer unerwartet friedlichen Note aus: Warum sollte ich die Tattoos der Jugend entfernen lassen, wenn ich am Ende doch der gleiche Kerl bin, der sie sich stechen ließ?


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