Interview: Dichter & Verleger Ilia Kitup über Berlin, Perestroika & arabische Lyrik

Berlin-Moabit, ein Sonntag im März – beim Sonnenschein spielen Kinder, schreien ihren Eltern etwas auf Deutsch, Türkisch, Arabisch und Polnisch zu. Im Café gleich am Spielplatz schlürfen Alt- und Neu-Berliner ihren Kaffee mit Kuh- oder Sojamilch oder auch schwarz. So vielfältig wie der Kiez, ist auch der Mensch und seine Werke, die nur wenige Schritte von hier entfernt täglich entstehen. osTraum hat sich mit dem Berliner Verleger, Dichter, Maler, Musiker und Botschafter der Republik Užupis in der Bundesrepublik Deutschland Ilia Kitup auf ein Baklava getroffen. Zufällig an seinem Geburtstag und deshalb auch umso schöner.

osTraum: Dein Name ist ziemlich ungewöhnlich. Kannst du uns sagen, was es heißt?

Ilia Kitup: Ich glaube, ich habe mir den Namen 1983 oder 1984 für eine Ausstellung ausgedacht, die wir – Studenten der Moskauer Staatlichen Universität – in einem der Zimmer unseres Wohnheims organisiert haben. Jeder der Teilnehmer dieses Projekts hat sich die Identität eines fiktiven Malers zugelegt – alles was dazu gehört – Vorname, Nachname, Lebenslauf. Unter den Namen dieser Künstler haben wir zahlreiche alberne und amüsante Bilder gemalt. So nahm ich den Künstlernamen Kitup an.

osTraum: Wie viele Jahre lebst du in Berlin? Gefällt es dir hier und warum?

Ilia Kitup: Es ist gerade das 21. Jahr, das ich in Berlin lebe und es gefällt mir sehr gut hier. Das ist die beste Stadt auf der ganzen Welt… für mich und für viele andere. Sowohl zum Leben, als auch zum Arbeiten.
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osTraum: Die nächste Frage betrifft deinen Verlag. Wann hast du den Propeller Verlag gegründet und wie viele Bücher hast du schon herausgegeben?

Ilia Kitup: Die ersten drei Bücher erschienen 1991 in einer Druckerei. Damals hat das Geld in der Sowjetunion an Wert verloren und die Menschen hatten kein Geld. Arbeit gab es auch keine. So fanden wir eine Druckerei irgendwo in Nowosibirsk. Meine Bekannte haben das Layout von drei Büchern dahin geschickt. Das Layout habe ich auf einer Schreibmaschine entsprechend den damaligen Normen gemacht. Seite für Seite war alles geordnet. Wo Text und wo Illustrationen ihren Platz haben. Dort haben sie dann die Texte eingetippt und die Bilder gescannt. So entstanden drei wunderbare Büchlein. Es waren die ersten und gleichzeitig die letzten Bücher, die ich in einer Druckerei herausgegeben habe. Ungefähr zur gleichen Zeit bin ich auf Kopiergeräte umgestiegen. Ich fuhr zu verschiedenen Ausstellungen in den Westen und habe angefangen, in Copyshops zu gehen. So habe ich angefangen, eine Comic-Zeitschrift herauszugeben – Propeller Comics. Ich habe damit in Amsterdam angefangen und in Moskau weitergemacht. In Deutschland habe ich 2002 angefangen, Büchlein zu publizieren. Das sind meine Bücher und Bücher anderer Autoren. Ich glaube, dass es mittlerweile an die 65 Bücher sein müssten. Es sind noch zwei in Arbeit und insgesamt 20 in Planung.

osTraum: Was ist die durchschnittliche Auflage der Bücher?

Ilia Kitup: Es ist schwer, eine durchschnittliche Auflage zu ermitteln. Für gewöhnlich werden 20 bis 30 Exemplare sofort gedruckt. Einige Autoren wollen 40 bis 50 Stück. Dann werden die Bücher je nach Bedarf wieder in der Stückzahl gedruckt, in der sie gebraucht werden. So mein Lieblingsdichter aus Sudan – Salah Yousif, mit dem wir gerade das vierte Buch produzieren – sein erstes Buch hatte eine Gesamtauflage von fast 600 Exemplaren. Das haben wir schon herausgegeben. Vielleicht ist die Zahl auch zu optimistisch, aber 500 waren es sicherlich. Die Hälfte der Bücher wird meist verschenkt und die andere Hälfte verkauft. Salah übersetzt seine Texte ins Deutsche. Ein deutscher Professor hilft ihm dabei, die Texte etwas zu „polieren“. So haben wir im Buch die linke Seite auf Arabisch und die rechte auf Deutsch. Auf Deutsch klingen seine Gedichte sehr gut.

osTraum: Du bist ein Dichter, ein Bildhauer und ein Musiker zugleich. Was war zuerst? Wie hat es sich entwickelt?

Ilia Kitup: Das hat alles in der Kindheit mit Kritzeln angefangen. Solche Bilder habe ich dann auch als Student gemalt… während der Vorlesungen. Dann wurden daraus größere und seriösere Formate. Allmählich entstanden auch einige Bilder auf Leinwänden. Alles wurde in irgendwelchen Alben zusammengefasst. Ich habe das ganze Leben also lustige Bilder gemalt und mache es bis zur heutigen Zeit. Ich glaube, mein Stil hat sich nicht sonderlich geändert, doch ist im Vergleich dazu, was kleine Kinder malen, schon reifer geworden. Im Allgemeinen sind es Häuschen, Männchen und Landschaften in verschiedenen Formen.


osTraum: Du bist in Vilnius geboren. Welche Rolle spielen heute noch Litauen und Vilnius in deiner Kunst und in deinen Gedichten?

Ilia Kitup: Dank meinem Freund Tomas Cepaitis, der eine Vielzahl an Künstlernamen hat, wende ich mich immer öfter an Vilnius als Bild. Ich glaube, seit 2000 war ich nicht mehr da, doch während der Vorbereitungen für die Publikationen von Tomas‘ Büchern, wühle ich in einer großen Menge vom visuellen Material rum – Fotos, alte Werbung, Grafiken. So ist Vilnius die letzten zwei Jahre sehr präsent in meinem Leben in Form von Bildern. Dabei schaffe ich es nicht, dahin zu fahren, doch muss es diesen Sommer endlich tun.

osTraum: Die 1980-er und die 1990-er Jahre waren im so genannten Ostblock eine sehr verrückte Zeit. Vieles, was früher verboten oder nahezu verboten war, wurde erlaubt – westliche Musik, Presse, Literatur. Wie hast du diese Zeit empfunden?

Ilia Kitup: Ich glaube, dass ich sagen kann, dass meine Generation da etwas mehr Glück hatte als die anderen. Ich habe unter Breschnew angefangen an der philologischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität zu studieren. In der Zeit meines Studiums ist Breschnew gestorben, dann Tschernenko, später Andropow. Es kam Gorbatschow. Die Freiheit hat mit aller Kraft den Weg nach außen gesucht und sie wurde auch jedes Jahr größer und größer. Bis zu der Zeit meines Abschlusses wurde sie dann zu einer echten Freiheit, die immer weiterwuchs. Auch in den 90-ern. Tag für Tag wurde es interessanter. Wirtschaftliche Probleme wuchsen natürlich auch. Es war eine sehr schwierige Zeit. Es kam kein Geld rein und es gab auch keine Möglichkeiten, es irgendwie zu besorgen. Das Leben war aber so interessant, dass das Geld nicht das wichtigste war (lacht). Die Musik gelang in mein Umfeld gleich ab dem Beginn der 1980-er Jahre ohne Beschränkungen. Es gab sehr viele junge Menschen aus Familien von Diplomaten und hohen Staatsbeamten. All diese Menschen fuhren in den Westen und brachten riesige Taschen voll mit Schallplatten. So war waren in Moskau fast alle Alben im Umlauf und fast jede Platte konnte man sich kaufen und kopieren.

osTraum: Kannst du vielleicht der osTraum-Leserschaft einige sowjetische oder post-sowjetische Musiker aus dieser Zeit ans Herz legen?

Ilia Kitup: Es ist bekannt, dass Rock und Pop im weitesten Sinne in den GUS-Ländern eine zweitrangige Stellung hatte und hat. Dieser Rückstand dauert bis heute an, was sehr bedauernswert ist. Nichtsdestotrotz geschah auch in dieser Region auch etwas unvorstellbar Interessantes. So würde ich zum Beispiel sehr gern die Moskauer Band Futbol (de.: Fußball) nennen. Die ist nur ein Mal aufgetreten – im Jahr 1982. Gegründet hat sie der Musiker und Geiger Sergej Ryzhenko. Er spielte auch in Maschina Wremeni (de.: die Zeitmaschine). Jetzt spielt er in der Band Vezhlivyj Otkaz (de.: eine höfliche Ablehnung). Futbol ist der echte russische Punk ganz volkstümlich und irgendwie marginal. Die zweite Band ist aus Lemberg/Lviv – Braty Gadjukiny (de.: die Gadjukin Brüder), die seit dem Ende der 80-er bis zu dem Jahr 2008 existierte. Die Band war überwältigend und spielte aller Art von Songs auf Ukrainisch. Die Musik klingt heute noch frisch.

osTraum: Möchtest du der osTraum-Leserschaft noch etwas sagen?

Ilia Kitup: Ich wäre sehr froh darüber, wenn unsere Leser, daraus, was gerade in unserer komplizierten Welt los ist, etwas lernen. Es ist wichtig, richtige Entscheidungen zu treffen – für die Freiheit, Demokratie und das Aufblühen von allem Guten im Sinne der Kunst und sich nicht von solchen Dingen verführen lassen, die in ganz andere Richtungen führen – zur Langeweile, Diktatur, zu schlechten Gewohnheiten und dem Tod. In diese Richtung sollte man überhaupt nicht gehen, ansonsten wird das Leben für uns alle in dieser Welt bedeutend schlechter. Dabei ist diese Welt noch durchaus gut.


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Das Interview auf Russisch hier: osTraum_Kitup_Interview_2018.


Alle Fotos © osTraum

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