document EAST – Hommage an die Dokumentarfotografie aus dem ‚osTraum‘

osTraum: document EAST existiert bereits seit mehr als drei Jahren, während deren auf der Plattform mehrere faszinierende Dokumentarfotograf_innen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion dem Publikum vorgestellt wurden. Welche Geschichte steckt hinter document EAST und wie entdeckst du neue Fotograf_innen?

document EAST / Magda Nieduzak: Ich habe document EAST vor drei Jahren gegründet, um meine Leidenschaft für Fotografie mit meinem persönlichen osteuropäischen Hintergrund zu verbinden. Ich komme ursprünglich aus Polen und habe dort bis zu meinem 18. Lebensjahr gelebt. Zuvor lebte ich auch in London, wo ich für eine Personalagentur mit medizinischem Fokus arbeitete. Dies war weder anregend für mich noch hatte das was mit meinen Interessen oder akademischem Hintergrund zu tun (ich habe Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Fotografie studiert). An einem regnerischen und düsteren Abend im Oktober 2014 saß ich in meinem Wohnzimmer und kam zur Entscheidung, einen Blog zu starten, wo ich über die interessantesten Dokumentarfotografie-Projekte aus Osteuropa und der Ex-Sowjetunion, denen ich begegnet bin, schreiben würde. Während Fotografie als Medium und diese geographischen Regionen für mich eine ganz natürliche Wahl darstellten, habe ich mich für das Dokumentarische vor allem deswegen entschieden, weil es mich damals am meisten interessierte und in einer direkten Verbindung zu meinem Universitätsabschluss stand (im Studium habe ich mich sehr viel mit der Dokumentarfotografie des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt). Während der vergangenen drei Jahre ist document EAST zu einer voll entwickelten Online-Plattform geworden, die der Weiterverbreitung und Darstellung der Dokumentarfotografie aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion gewidmet ist und die Arbeiten von aufsteigenden und bereits sehr gut bekannten Fotograf_innen demonstriert. Seit dem Start habe ich die Dokumentarprojekte von mehr als 30 Einzelfotograf_innen und einem Duo sowie ein wichtiges kollektives Online Storytelling-Projekt veröffentlicht, die gezeigten Aufnahmen stammen aus mehr als 20 Ländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion.

Bildnachweis: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Annika Haas
(Projekt ‚Plane Watchers‘)

Am Anfang meines Abenteuers mit document EAST habe ich Stunden bei der Internetrecherche sowie beim Studieren von Büchern und Magazinen verbracht. Im Internet habe ich nach Organisationen mit dem ähnlichen Fokus, Fotowettbewerben und Festivals in der Region sowie einfach nach Instagram-Gruppen und persönlichen Accounts von Fotograf_innen gesucht. Was Print angeht, habe ich praktisch alles, was mit der Fotografie und dem Osteuropäischen bzw. Post-sowjetischen zu tun hatte, verschlungen, auch wenn das per se nicht direkt mit der Dokumentation verbunden war. Eine Sache führte häufig zu einer anderen, und so hatte ich nach einer Weile eine sehr lange Liste mit Projekten und Fotograf_innen, die ich vorstellen wollte. Und glaubt mir, diese Liste wächst immer weiter. Irgendwann später, als document EAST bereits ein Begriff in dieser im gewissen Sinne Nische bzw. in diesem Spezialfeld geworden war, begannen Fotograf_innen selbst, mich direkt zu kontaktieren und ihre Arbeiten bei document EAST einzureichen. Dies wurde zu einem neuen wichtigen Mittel zur Entdeckung von spannenden Projekten.

osTraum: Magda, du bist die Gründerin und Redakteurin von document EAST. Ist das eher dein persönliches One Man Project oder beteiligt sich jemand noch an der Plattform?

document EAST (M.N.): Tatsächlich, ich bin die einzige Gründerin, Redakteurin und Autorin bei document EAST, also das ist wirklich eine One (Wo)man Band. Ich habe mir eine Zeitlang überlegt, nach weiteren Ko-Autor_innen und Mitschreibenden zu suchen, aber aktuell ist das noch auf meiner To-do-Liste. Also bleibt auf dem Laufenden.

osTraum: Hast du deine Lieblingsfotograf_innen, die das alltägliche Leben in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa dokumentieren?

document EAST (M.N.): Ich würde lieber das Wort „Lieblings-“ vermeiden – wenn ich die Projekte für die Veröffentlichung auf document EAST auswähle, versuche ich abseits meiner persönlichen Vorlieben und Abneigungen zu schauen, auch wenn es mir bewusst ist, dass meine Auswahl im Endeffekt sehr subjektiv ist. Nichtsdestotrotz, lasst uns lieber über einige der interessantesten Fotograf_innen sprechen, die ich auf der Plattform vorgestellt habe (auch wenn das auch eine sehr schwierige Aufgabe ist). Als Hommage daran, was mich zum Launch von document EAST bewegte, möchte ich erwähnen:

  • Rafal Milach von Sputnik Photos – letztendlich, sein Projekt ‚7 Rooms’ war die erste Arbeit, die ich gezeigt habe (Link zum Beitrag).

In Bezug auf Porträts finde ich insbesondere spannend die Projekte von:

Bildnachweis: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Agnieszka Rayss
(Projekt ‚I Reminisce and Cry for Life‘)

Die wirklich großartigen Projekte, die mit Mythen, Folk und Träumen flirten, sind:

Bildnachweis: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Marta Berens
(Projekt ‚Suiti‘)

Und im Hinblick auf die ‚engaged’ (Anm. der Redaktion: im Sinne der gesellschaftlichen Relevanz) Dokumentarprojekte möchte ich erwähnen:

Ich könnte stundenlang weitere interessante Fotograf_innen und Projekte auflisten, daher lasst mich noch über das alltägliche Osteuropa sprechen, da das letzte Projekt, welches ich hier erwähnen möchte, ist das kollektive Mobilfotografie-Projekt, das das alltägliche Leben in Osteuropa dokumentiert. Dies wird in Form einer Instagram-Feed gehalten und in der gleichnamigen Gruppe veröffentlicht (Link zur Gruppe). Als ich document EAST auf Instagram im Sommer 2015 gelauncht habe, kooperierte ich mit der Gründerin dieser Gruppe, Tina Remiz, um eine Story aus den umfangreichen Archiven der Gruppe zu kreieren (Link zum Beitrag). Es gibt noch sehr viele andere Fotograf_innen, die es verdienen, hier aufgelistet zu werden und deren Arbeit ich zu veröffentlichen plane, aber das lassen wir fürs nächste Mal.

Bildnachweis: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Kamil Sleszynski
(Projekt ‚Input/Output‘)

osTraum: Haben die Länder, die auf document EAST zu sehen sind, deiner Meinung nach etwas Gemeinsames, abgesehen von ihrer sozialistischen Vergangenheit im 20. Jahrhundert?

document EAST (M.N.): Ja, natürlich. Auch wenn viele von diesen Faktoren (insbesondere die neuesten davon) mit der sozialistischen Vergangenheit dieser Länder oder mir ihrem historischen Hintergrund im Allgemeinen verknüpft sind. Zuallererst will ich sagen, dass diejenigen Länder in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, die Sozialismus oder Kommunismus in einer oder anderen Form erlebt haben (das heißt eigentlich die meisten Länder in der ganzen Region), von dieser Erfahrung für viele kommende Jahre und Generationen berührt oder sogar eingehalten wurden. Das wiederum hatte einen riesigen Einfluss auf fast alle Aspekte des Lebens in diesen Staaten und auf diesen Territorien, rückblickend auf die Art und Weise, wie Leute damals gelebt haben, und das heutige Leben in Estland, Polen, Bulgarien, Russland, Aserbaidschan oder Kirgisistan, zum Beispiel. Abseits der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit ist natürlich eine der elementarsten, aber auch der wichtigsten Verbindungen die Geographie. Die Staaten dieser Region und deren Territorien befinden sich buchstäblich im östlichen Teil des europäischen Kontinents bzw. in westlichen und zentralen Teilen Asiens. Das heißt: Seit Jahrhunderten waren diese Länder aus der historischen Perspektive sehr eng miteinander verbunden. Daraus entwickelten sich entsprechend die zahlreichen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und linguistischen Zusammenhänge, die ich an dieser Stelle nicht aufführen werde, da bereits mehrere Tausende Bücher (wenn nicht mehr) zu diesem Thema geschrieben wurden. Andererseits ist es aber essenziell zu verstehen, dass diese große ‚Region’ unglaublich divers ist, auch unter der Berücksichtigung all der Relationen und Gemeinsamkeiten. Und ich hoffe, dass die Projekte, die ich auf document EAST vorstelle, Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion von unterschiedlichsten Perspektiven zeigen und somit zu dieser Diversität beitragen.

Bildnachweis: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Zuzana Sramkova
(Projekt ‚Srodni Proud‘)

osTraum: Hast du Pläne bezüglich der weiteren Entwicklung von document EAST? Hast du zum Beispiel vor, eine Ausstellung mit den auf der Plattform vorgestellten Arbeiten zu organisieren?

document EAST (M.N.): Ja, es gibt viele unterschiedliche Pläne für document EAST. Ich bin voll mit spannenden (ich hoffe) Ideen, aber leider hatte ich bisher noch nicht ausreichend Zeit für ihre Umsetzung. Nichtsdestotrotz, ich denke an ein paar neue Ergänzungen, zum Beispiel im Hinblick auf die Entwicklung von weiteren Content-Formaten für document EAST, aber auch an das Hinausgehen aus der Online-Sphäre in die Offline-Welt durch die Entwicklung von weiteren Kooperationen mit gleichgesinnten Plattformen, Organisationen und Institutionen, was potentiell auch die Ausstellungen miteinbeziehen würde. Ich fürchte, in der aktuellen Phase kann ich noch keine weiteren Details verraten, also folgt document EAST und bleibt dran!


Die Originalversion des Interviews auf Englisch

document EAST

document EAST auf Instagram


Bildquelle (Titelbild): freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Annika Haas (Projekt ‚Plane Watchers‘).


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