Geschichtsschreibung 2.0 – Aleksej Pimanov und „Krim“

Mit seinem neuen Film „Krim“  hat der Regisseur und Politiker Aleksej Pimanov einen Blockbuster gedreht, der für sich in Anspruch nimmt, auf wahren Begebenheiten zu beruhen. Zwischen Liebe, Faustschlägen und Düsenjets thematisiert der Film, was sich auf der Krim im Jahre 2014 zugetragen hat: Die einen nennen es die Rückkehr der Krim zu Russland, die anderen eine völkerrechtswidrige Annexion.

Die junge Journalistin Aljona lernt bei Dreharbeiten auf der Krim den schneidigen Aleksander aus Sewastopol kennen. Die sommerliche Leichtigkeit ihrer Beziehung verliert sich mit den Maidan-Aufständen vom Februar 2014 in Kiev. Während Aljona die Proteste unterstützt, fürchtet Aleksander die Destabilisierung, die von den Maidan-Aktivisten ausgeht. Der Streit eskaliert, als Aleksander auf dem Rückweg in seine Heimat von ukrainischen Nationalisten überfallen wird und nur knapp mit dem Leben davon kommt. Während Aljona im Streit das Krankenbett Alexanders verlässt, nehmen die politisch-militärischen Ereignisse auf der Krim ihren Lauf: Russische Truppen übernehmen die Kontrolle über die Halbinsel und kommen damit einer von ukrainischen Nationalisten geplanten militärischen Provokation Russlands zuvor. Die auf der Krim stationierten ukrainischen Truppen verzichten auf bewaffneten Widerstand, sodass die Übernahme ohne Zwischenfälle verläuft. Als Aljona einige Monate später auf die Krim zurückkehrt, um die Dreharbeiten fortzusetzen, kämpft Aleksander im Bürgerkrieg in der Ostukraine. Ein Telefongespräch bricht wegen der schlechten Verbindung ab, bevor Aljona zu Ende sprechen kann. Das Schicksal der beiden Protagonisten bleibt ungewiss, doch der musikalische Ausklang des Films lässt hoffen: Der Song trägt den Titel „С любимыми не расставайтесь“ – „Trennt euch nicht von den Liebsten“.

Großflächige Werbeplakate unterstützen die Filmpremiere von „Krim“. Foto: Jaromir Romanov.

Weder der Plot noch die filmische Umsetzung verlassen die Bahnen eines gewöhnlichen Blockbusters. Die Brisanz des Filmes ergibt sich aus den Umständen der Produktion und des Filmstarts – oder wie es in der Novaja Gaseta heißt: „Filme dreht man bei uns, um die Vergangenheit in Besitz zu nehmen, festzuhalten, sich anzueignen“. Während eine Lösung für den Konflikt in der Ostukraine nicht abzusehen ist, präsentiert der Film einen selektiven Blick auf die Ereignisse. Aleksander rettet ein Berkut-Mitglied, das als pflichtbewusster Ordnungshüter inszeniert wird, vor einem Molotow-Cocktail. Dabei bleiben die zahlreichen Opfer auf Seiten der Protestierenden unerwähnt, die von Berkut-Snipern erschossen wurden. Zu den brutalsten Szenen des Films zählt der Überfall ukrainischer „Faschisten“ auf einen Reisebus harmloser Krimbewohner*innen, womit das Narrativ eines faschistischen Putsches in der Ukraine bedient wird.

Damit macht sich der Regisseur Pimanov, der selbst für die Regierungspartei „Jedinaja Rossija“ im Föderationsrat saß, den offiziellen Standpunkt Russlands zu eigen. Da überrascht es nicht, dass das Russische Verteidigungsministerium zu den wesentlichen Geldgebern des Films zählt und im Vorspann gesondert mit Dank bedacht wird. Die politische Verschlingung geht über die finanzielle Unterstützung hinaus: Der Verteidigungsminister Sergej Šojgu gilt als geistiger Vater des Projekts, da er im Jahre 2014 mit der Idee an den Regisseur Pimanov herantrat. Begleitet wurde der Filmstart von einer massiven Werbekampagne, deren großformatige Poster nicht zu übersehen waren. Angesichts des politischen Einsatzes für „Krim“ wird die umstrittene Frage, was auf der Krim im Jahr 2014 passiert ist, von einer anderen Frage überlagert: wer erzählt uns, was auf der Krim passiert? Aleksej Pimanov hat unter brisanten Umständen einen denkbar banalen Film gedreht, der seinen Teil zur Geschichtsschreibung beizutragen versucht.



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Bildquellen: © kinopoisk.ru und Jaromir Romanov.

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