Aserbaidschan – Deutschland – Israel – Palästina.
Vier Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In Maria Kugan, genannt Mascha, der Protagonistin des Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ laufen die Fäden zusammen.
Mascha wurde in den späten 1980er Jahren in Baku, der Hauptstadt der damaligen Aserbaidschanischen Sowjetrepublik geboren und ist im Zuge des ersten Krieges um Bergkarabach (1991-1994) zwischen Aserbaidschan und Armenien, als jüdischer Kontingentsflüchtling – mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert.
Sie hat ambitionierte Zukunftspläne. Mit Blick auf eine Karriere bei den Vereinten Nationen studiert sie in Frankfurt am Main mit großem Erfolg Dolmetschen und Übersetzung in den Sprachen Russisch und Französisch und befindet sich in den letzten Zügen ihrer Ausbildung, als der Unfall ihres Partners Elias ihrem Leben eine tragische Wendung gibt.
Trauer und Schmerz hinterlassen frische Wunden in Mascha. Sie gesellen sich zu den zahlreichen alten Wunden ihrer Vergangenheit, die tiefe Narben in ihr hinterlassen haben und immer wieder drohen, erneut aufzureißen.
Da sind zum einen die Erinnerungen an die Ereignisse in Aserbaidschan in den frühen 1990er Jahren, die sie zwar sorgfältig im Unterbewusstsein vergraben hat, die jedoch immer wieder bruchstückhaft an die Oberfläche treten.
Da sind Erinnerungen an das Aufwachsen im Deutschland der 90er Jahre, die Schikanen und Vorurteile, mit denen sie und ihre Freunde mit migrantischen Hintergründen zu kämpfen hatten, auch wenn sie bereits in Deutschland geboren wurden.
Da sind die Herausforderungen des Alltags, wenn sie als Heranwachsende ihre Eltern zu den Ämtern begleiten musste, um beim Ausfüllen von Formularen und beim Übersetzen zu unterstützen.
Da ist aber auch ihr jüdisches Erbe und die Frage, was dieses Erbe für sie bedeutet und welche bzw. ob es überhaupt eine Rolle bei ihrer Suche nach Identität und Zugehörigkeit spielen kann.
Das 2012 erschienene Romandebüt der Autorin Olga Grjasnowa wurde – zu Recht – mit dem Anna Seghers- sowie dem Klaus-Michael Kühne-Preis ausgezeichnet. Auf nur 260 Seiten gelingt es der Autorin um ihre Protagonistin herum deren Erfahrungen entlang der Geschichte und Gegenwart der vier Schauplätze geschickt miteinander zu verweben. Dabei wird deutlich, wie sehr das vermeintlich Vergangene bis in unsere heutige Gegenwart hineinreicht und weiterwirkt.
So fand im Zusammenhang des Konfliktes um Bergkarabach, der 1991 begann, erst im Juli 2020 eine erneute militärische Auseinandersetzung statt. Auch der Umgang mit der Migration nach Deutschland ist nach wie vor problembehaftet und in manchen Kreisen werden gar Zwangsausweisungen von bereits eingebürgerten Menschen mit nicht-deutschen Wurzeln diskutiert. Nicht zu sprechen vom Nahost-Konflikt, der seit dem 7. Oktober 2023 in eine neue Phase der Eskalation eingetreten ist.
Die Erzählweise der Autorin Olga Grjasnowa, die selbst aus Aserbaidschan stammt und, wie auch ihre Protagonistin, 1995 als jüdischer Kontingentsflüchtling nach Friedberg in Hessen auswanderte, besticht durch eine Nüchtern- und Klarheit, in der kein Wort zu viel erscheint. Und doch ruft sie gerade dadurch starke Emotionen hervor und lässt ihre Figuren Wahrheiten aussprechen, die in ihrer Prägnanz und Deutlichkeit manchmal fast stutzig machen und in hohem Maße universell sind.
„ Der Hass war nichts Persönliches, er war strukturell. Die Menschen hatten keine Gesichter, keine Augen, keine Namen und keine Berufe mehr, sie wurden zu Aserbaidschanern, Armeniern, Georgiern und Russen. Menschen, die sich ein Leben lang gekannt hatten, vergaßen alles über den anderen. Nur die vermeintliche Nationalität blieb.“ [S. 46/47]

Bei allem Ernst zeichnet sich der Roman jedoch auch durch einen gelegentlichen hintergründigen Witz aus, der beispielsweise die Widersprüchlichkeiten des Nahost-Konflikts oder die Absurditäten des Alltags im Deutschland der 1990er Jahre offen legt.
Was den Roman ganz besonders auszeichnet, ist das Eröffnen von so viel Raum für die eigenen Gedanken und Interpretationen. Einen solchen Roman kann man nicht einfach weglegen und vergessen, er lädt ein zum Diskutieren und Nachdenken, hallt lange nach und ist daher eine unbedingte Leseempfehlung.
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Olga Grjasnowa
dtv 2012
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Buchcover © dtv

Ich liebe dieses Buch, und es steht bei mir im Regal in London. Ich habe es auch schon vielen Freunden und Kollegen empfohlen. Auf Englisch heißt es All Russians Love Birch Trees.
Ich selbst gehöre zur deutschen Minderheit aus Kasachstan, und gerade diese Stelle über Nachbarn und Nationalität beschäftigt mich schon lange. In meiner Kindheit waren unsere Nachbarn ganz normale, hilfsbereite Menschen. Aber sobald etwas passierte, konnte man plötzlich einfach als „Faschist“ bezeichnet werden.
Ich erinnere mich zum Beispiel an die langen Schlangen vor den Geschäften in den 1980er Jahren, als es so wenig zu kaufen gab. Einmal stand ich als Kind für Milch an, und jemand zeigte auf mich und sagte: „Faschisten sollten keine Milch kriegen. Es gibt nicht mal genug für uns.“ Ein paar Frauen versuchten, mich zu verteidigen, andere drehten sich einfach weg. Ich war gerade mal zehn Jahre alt und wusste: Wenn die Milch nicht für alle reicht, werden sie mich aus der Schlange werfen.
Und dann musste ich an einen Satz denken, den eine frühere Kollegin in London einmal gesagt hat. Sie kam aus Aserbaidschan, und als wir über den Konflikt mit Armenien sprachen, sagte sie über ihre Mutter ungefähr: „Meine Mutter ist sehr großzügig. Sie hat sogar einen Armenier eingestellt.“ Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Lena Wolf
Autorin der Graphic Novel Möge die Welt dein Zuhause sein! Eine deutsche Geschichte aus Kasachstan