Genormte Wohnräume, hohe Hausfassaden, grauer oder auch mal grau-brauner Beton: für die Stadtplanung der Nachkriegszeit war der Plattenbau die ultimative Antwort auf den Wohnungsmangel und die fortschreitende Urbanisierung. Für die Populärkultur war er lange Zeit das visuelle Symbol für Tristesse, soziale Kälte und den sympathiefreien Charme des Sozialismus. Der Sozialismus ist nun aber seit Jahrzehnten weg und wer heute durch die Hochhaussiedlungen von Berlin, Warschau, Bratislava oder Kyjiw läuft, merkt schnell: Die betonierten Giganten sind immer noch da und ihr Gesicht ist oftmals verändert. Auch Menschen nehmen sie zunehmend anders wahr und zeigen dies unter anderem in der Kunst.
Während die Gentrifizierung die Innenstädte Mittel- und Osteuropas in Trend-Viertel verwandelt hat, blieben die Plattenbauten unter sich. Genau hier entlädt sich eine neue kreative Energie. Wo andere nur trostlose Tristesse sehen, die eigentlich lange nicht mehr da ist, schöpft eine junge Generation von Künstler*innen aus dem Vollen: Sie übersetzen die strenge Geometrie, die Narben der Geschichte und das Lebensgefühl zwischen Betonblöcken in eine völlig neue Bildsprache.
In diesem Feature verlässt das osTraum Journal das Zentrum und taucht ab in die ästhetische Peripherie. Wir sprechen mit Gestalter*innen aus vier Ländern und unterschiedlichsten Kunstdisziplinen. Wir haben ihnen die Fragen gestellt, die man sich auf der Straße oft nicht zu fragen traut: Ist die Romantisierung des Betons aus der Not, Faszination oder ganz anderen Beweggründen entstanden? Wie lebt es sich in den Rastern der Geschichte? Und was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Architektur die Identität mehrerer Generationen dominiert? Willkommen im Wohnblock-Labor mit unseren fünf Künstler*innen:
Dávid Demjanovič (Slowakei): Zementierte Dystopien & Retro-Futurismus
Wenn man auf die Werke des slowakischen Künstlers blickt, fühlt man sich augenblicklich in ein psychedelisches Sci-Fi-Paralleluniversum katapultiert. Da errichten riesige Dinosaurier Wohnblöcke wie gigantische Lego-Steine, sozialistische Pioniere werden zu Superhelden der Straße stilisiert, und mitten im trist-grauen Raster aus Betonelementen parken futuristische Sportwagen. Umrahmt wird dieser schräge Remix aus Utopie und Popkultur von mystisch-dichten Nadelwäldern und schroffen Bergmassiven der Hoheitslandschaften Mitteleuropas. Zwischen 2009 und 2023 waren unter anderem das die Motive des Duos um Jarmila Mitríková und Dávid Demjanovič. Ihre Handwerkskunst gelernt haben die beiden an der Traditions-Kunstgewerbeschule in Košice in Fachbereichen, die es heute im Lehrplan gar nicht mehr gibt: Keramik bei Jarmila, Steinmetzkunst bei Dávid. Es folgte das Feinschliff-Studium an der renommierten Akademie der Bildenden Künste und des Designs in Bratislava, wo sie ihre handwerkliche Erdung in Keramik, Malerei, Bildhauerei und Intermedia zu einer unverwechselbaren Ästhetik verschmolzen. Ihr Remix aus Plattenbau-Romantik und surrealem Chaos traf den Nerv der Zeit: Nach internationalen Residenzen in den Niederlanden, der Schweiz und Tschechien landeten ihre Arbeiten nicht nur in der Slowakischen Nationalgalerie, sondern schafften es sogar in die Hochadel-Sammlung des Herzogs von Bayern auf Schloss Nymphenburg. Heute gehen Jarmila und Dávid von ihren Ateliers in Košice und Bratislava aus getrennte Wege. Doch ihr gemeinsames Œuvre bleibt der ultimative Beweis dafür, wie viel Pop, Wahnsinn und Magie im scheinbar tristen Beton stecken. osTraum hat einige Werke von Dávid ausgewählt und kann sich von ihnen gar nicht wegreissen lassen:






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Wenke Seemann (Deutschland): Dekonstruktion der Utopie & Archiv-Rebellion
Wenn man über ostdeutsche Architektur, Beton und die Brüche der Nachkriegsmoderne spricht, kommt man an Wenke Seemann nicht vorbei. Sie ist in Rostock geboren: einer Stadt, die wie kaum eine andere von den monumentalen Plattenbausiedlungen der DDR geprägt wurde und in den ersten Jahren des wiedervereinten Deutschland traurige Schlagzeilen um rechte Gewalt machte. Seemann nähert sich dem Beton mit dem Werkzeugkasten der Sozialwissenschaftlerin und dem Archiv ihres Vaters, der die Entstehung des Rostocker Nordwestens, unter anderem die von Lichtenhagen, fotografisch dokumentierte.
Seemann ist Künstlerin, Autorin, Performerin und Sozialwissenschaftlerin. Ihre Arbeiten sind keine ehrfürchtigen Architekturporträts, sondern radikale Sezierungen. Wer in ihren Werken nach reiner Ost-Nostalgie sucht, wird scheitern: Seit Jahren arbeitet sie sich an den visuellen und narrativen Schichten der DDR-Geschichte ab, zusammen mit Annett Gröschner und Peggy Mädler („Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ Hanser Verlag) oder in Kooperation mit dem Performance-Kollektiv She She Pop. Mit ihrem vielbeachteten Projekt und der gleichnamigen Publikation „Utopie auf Platte“ sowie der Arbeit Archivdialoge #1 – Bauplan Zukunft (von der Berlinischen Galerie angekauft) treibt sie die Ästhetik des Plattenbaus auf die Spitze. Seemann nimmt historisches Archivmaterial, Baupläne und eigene Kindheitserinnerungen auseinander, zerschneidet sie, überlagert Fotos mit Collagen und Zeichnungen und setzt das kollektive Gedächtnis neu zusammen. osTraum hat bei ihr über ihre Beziehung zur Platte nachgefragt:
osTraum: Bei deiner Entdeckung der Materialien zum Bau der Rostocker Plattenbauten waren deine Funde zunächst vor allem dokumentarischer Natur. Im weiteren Verlauf entstanden daraus Kollagen und andere künstlerische Arbeiten, die einen neuen Blick auf die Architektur eröffnen. Wie hat sich dein eigener Blick auf die Plattenbauten während der Arbeit an Utopie auf Platte verändert?
Wenke Seemann:
Mein Blick hat sich im Laufe der Arbeit, der Auseinandersetzung mit der Architektur, aber auch mit den Plattenbauvierteln als kollektivem Erfahrungsraum erheblich geweitet. Es war ein Heraustreten, mit Abstand betrachten (zeitlich und perspektivisch) und ein Heranzoomen (auf Details und Alltäglichkeit) gleichermaßen. Mir ist die Verbindung von Moderne, Fortschritt und Utopie, die in den Plattenbauten steckt, viel bewusster geworden. Aber auch die Vielzahl an Widersprüchen und Ambivanlenzen, die sich über die Jahrzehnte ihres Bestehens verändert, neue Facetten entwickelt, sich aber nie aufgelöst haben. Die Verheißung und Monstrosität von Gleichheit, die Ausprägungen von Menschenfreundlichkeit (CIAM, Charta von Athen) und von Gestaltungswillen in der baulichen Konformität, der soziale Auf- und Abstieg, die gesellschaftspolitische und ökologische Dimension der Wohnungsfrage.
osTraum: Haben Plattenbauten dich auch schon vor diesem Projekt als Künstlerin, Autorin und Kulturschaffende geprägt?
Wenke Seemann:
Ich bin in Plattenbauten aufgewachsen und lebe seit mehr als zehn Jahren wieder in einem 11-Geschosser in Berlin Mitte. Die Architektur ist mir von den Grundrissen der Wohnungen bis in die Anlage der Viertel vertraut. Ob in Rostock, Riga, Minsk oder Belgrad. Klar und gradlinig, ohne Verdacht auf Gefälligkeit, ist sie die in die Jahre gekommene, beharrliche Zeugin eines Zukunftversprechens, dessen Kern, vom gewaltigen Ideal gelöst, wie ein utopischer Splitter in mir steckt.




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Marcin Ryczek (Polen): Minimalismus, Gott & der graue Riese
Wenn man die Bildsprache von Marcin Ryczek auf den Punkt bringen müsste, wäre es sein eigenes Credo: Minimum Form, Maximum Content. Der polnische Fotograf nutzt Geometrie und Symbole für eine minimalistische Formensprache, die ihm internationale Anerkennung eingebracht hat. Seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt: von den USA und Frankreich über Taiwan und Südkorea bis hin zu Residenzen in Italien oder Spanien. Spätestens seit sein weltbekanntes Motiv „A man feeding swans in the snow“ 2013 von der Huffington Post zu einem der fünf besten Fotos der Welt gekürt und in die Sammlungen der Bibliothèque Nationale de France sowie des Schlesischen Museums aufgenommen wurde, gehört er zu den prägendsten Stimmen der symbolischen Fotografie der Gegenwart.
Ryczek inszeniert nichts digital und baut keine Kulissen. Seine Kunst basiert darauf, akribisch nach Verbindungen zwischen Orten, Objekten, Situationen, Menschen und, ja, auch Tieren zu suchen. Geduldig auf den einen Moment zu warten, der eine gedanklich bereits entworfene Komposition vervollständigt. Wie stark diese Methode im Kontext der Plattenbau-Ästhetik funktioniert, zeigt sein Werk „Pain of Loneliness“, entstanden in Krakau während der Pandemie kurz vor Weihnachten.
Der Schmerzensmann im Schatten des Betonblocks

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Im Zentrum des Bildes steht ein starker zeitlicher und emotionaler Kontrast. Ryczek kombinierte ein kleines, historisches Wegdenkmal mit der Figur des Schmerzensmannes (Jesus in der Rast) mit dem erdrückenden Raster eines riesigen, grauen Wohnblocks aus den 1960er-Jahren. Während das Fundament des Heiligenhäuschens aus dem Jahr 1699 stammt und die Figur wohl aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert, verkörpert der dahinter aufragende Plattenbau die massive Schwere der Moderne. Der Titel des Werks „Pain of Loneliness“ bringt das Paradoxe auf den Punkt. Trotz einer Vielzahl an Menschen, die in dem Haus leben, ergreift die Betrachter bei dem Anblick sofort das Gefühl der Einsamkeit, verstärkt durch die soziale Isolation während der COVID-19-Pandemie.
Vor dem Bau der Großwohnsiedlung war das Areal von Gärten und Häusern geprägt; 2003 entging die Kapelle nur knapp dem Abriss. In der Isolation der Pandemie wuchs für Ryczek die Symbolik dieses Ortes: Hinter den geschlossenen Fensterreihen des Blocks saßen die Menschen fest, während davor die einsame Christusfigur verweilte. Die Anordnung verdichtete für ihn Gefühle von Einsamkeit, Trauer, Angst sowie physischem und psychischem Leid, wie der Fotograf im osTraum-Gespräch erklärt.
Die technische Umsetzung erforderte extreme Geduld und vollen Körpereinsatz. Um störende Elemente aus dem Bild zu halten und eine minimalistische Komposition aus dem Heiligenhäuschen, Betonmasse und grauem Winterhimmel zu erzielen, wählte Ryczek eine extrem niedrige Perspektive. Weil ihm für die statische Anordnung noch ein dynamisches, symbolisches Element fehlte, wartete er auf vorbeifliegende Krähen – im Kontext von Pandemie, Krankheit und der Dornenkrone das für ihn perfekte Motiv.
Über eine Stunde lang ging Ryczek auf dem Boden vor dem Denkmal immer wieder auf die Knie, sobald sich eine Krähe näherte. Die Anwohner beobachteten das Geschehen von ihren Balkonen aus mit verständnislosem Staunen. Durch das Zusammenspiel aus Standortgeschichte, Durchhaltevermögen und dem exakten Auslösemoment gelang Ryczek schließlich ein ungestelltes Dokument: Eine Komposition, in der Jahrhunderte der Geschichte, die Enge der Platte und die Isolation der Gegenwart in einem einzigen, ungezähmten Augenblick zusammenkommen.
Nie wieder: Wenn der Stein eine Seele hat

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In den Werken Ryczeks tritt Leid mit dem gleich starken Symbolismus in den Vordergrund, wenngleich der thematische Schwerpunkt ganz fassbar ist und den Verbrechen der rechtsradikalen deutschen Besatzungsmacht im 2. Weltkrieg unmittelbar ein fotografisches Mahnmal setzt: „Life Taken“, aufgenommen auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers KL Plaszow. Das Bild stellt keinen Plattenbau dar, bildet aber im Gesamtwerk Ryczeks eine beachtenswerte Ambivalenz des menschlichen Leids: Das Lager wurde im Herbst 1942 als Zwangsarbeitslager vor allem für jüdische Gefangene errichtet und Anfang 1944 in ein Konzentrationslager umgewandelt. Neben der jüdischen Bevölkerung wurden dort auch Polen und Menschen anderer Nationalitäten inhaftiert. Nach aktuellen Erkenntnissen des KL Plaszow Museums durchliefen rund 35.000 Gefangene das Lager, etwa 5.000 bis 6.000 Menschen wurden an diesem Ort ermordet.
Das im Foto festgehaltene „Denkmal für die Opfer des Faschismus“ entstand 1964. Es wurde von dem Architekten Witold Cęckiewicz entworfen und in Zusammenarbeit mit Ryszard Szczypczyński an einer der historischen Erschießungsstätten realisiert. Die Skulptur zeigt Gestalten mit geneigten Köpfen, deren Körper von einer gewaltigen Öffnung durchtrennt sind. Für Ryczek ist es ein Bild für herausgerissene Herzen und vor allem für gewaltsam ausgelöschtes menschliches Leben.
Die Silhouette der Seele
Auch hier arbeitete Ryczek mit extrem präziser Komposition und Perspektive: Trotz der dreidimensionalen Monumentalität des Bauwerks wirkt die Plastik im Foto fast flach. Das Bild teilt sich strikt in zwei Hälften: auf der einen Seite die schwere, reglose Masse des Steins, auf der anderen der leere Himmel mit einer vorbeifliegenden Krähe.
Im Kontext des Ortes wird der Vogel zum Symbol des Todes, doch im Moment des Auslösens offenbart sich eine weitere visuelle Parallele: Die Silhouette der fliegenden Krähe im unteren Teil des Bildes und ein nebelartiger Wolkenschleier in der Mitte ähneln der Form der Öffnung, die durch die Körper der Skulptur schneidet. Der Vogel verkörpert hier sowohl den Tod als auch eine entweichende Seele, die materiell als Vogel und immateriell als ein Wolkenhauch weiter existiert. Die lebendig bewegten Elemente treten der starren Steinmasse gegenüber. Die Opfer leben weiter, wenn wir ihnen gedenken.
Ryczek hebt dabei im osTraum-Gespräch hervor, dass trotz einer gängigen Annahme des Publikums, es sei eine Fotomontage oder seit Neuestem auch eine KI-generierte Grafik, handelt es sich bei dem Werk um eine einzige und unmanipulierte Aufnahme. Die Wirkung entstand ausschließlich durch den gewählten Blickwinkel, die Komposition und das geduldige Warten auf den exakten Augenblick des Krähenflugs. Unter allen Aufnahmen, die Ryczek an diesem Ort machte, bringt „Life Taken“ für ihn die Atmosphäre des Lagers am stärksten auf den Punkt und bewahrt das Gedenken an die Menschen, die dort ihr Leben verloren, damit ein solches Verbrechen in Polen und in Europa nie wieder passiert. Die beiden Bilder, die osTraum für den Artikel ausgewählt hat, bilden dabei zwei Hälften eines Ganzen: „Pain of Loneliness“ als Leiden während des Lebens und „Life Taken“ als Leiden, das über den Tod hinaus geht.
s.wert (Deutschland): Grafikdesign aus Berlin rettet mit Farben die Ehre des Betons (und nicht nur des Betons)
Einen erfrischend konträren und farbenfrohen Blick auf die betonierte Architekturlandschaft wirft das Berliner Studio s.wert Design. Während andere Kunstschaffende die Melancholie, Isolation oder historische Schwere von Großwohn- oder Büroprojekten ergründen, begegnet s.wert den Bauten mit kompromissloser Poesie und visueller Leichtigkeit. Ihre Arbeiten verzichten nicht auf die geometrische Schärfe der Architektur, übersetzen sie jedoch in prägnante grafische Kunstwerke, die auf Plakaten, Postkarten und Kalendern, aber auch ganz hemmungslos (und das im positiven Sinne) auf Alltagsgegenständen wie Tassen, Halstüchern oder Badetüchern zu finden sind. Bei s.wert geht es um eine bewusste Aufwertung und Ehrenrettung: Das Design-Studio arbeitet gezielt die positiven und ästhetischen Qualitäten unterschiedlichster Bauarten heraus. Denn der Blick auf den Beton ist hier keineswegs auf das gängige Klischee des ostdeutschen Plattenbaus beschränkt.





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Schönheit in jedem Bauraster
Im Zentrum der Philosophie von s.wert steht die Erkenntnis, dass Architekturstil keineswegs starr vorgegeben ist, sondern durch die Art unserer Wahrnehmung und Darbietung geprägt wird. Ob prachtvolle Architekturdenkmäler aus der Monarchie, westdeutsche Architekturexperimente der Nachkriegszeit oder eben der klassische ostdeutsche Wohnungsbau: Jede Epoche und jede Bauform besitzt eine eigene visuelle Qualität, die positive Emotionen hervorrufen kann, wenn man sie richtig liest und zeigt.


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Mit einem klaren Fokus auf die faszinierende Berliner Architekturvielfalt hat s.wert ein visuelles Archiv geschaffen, das die oft geschmähte Moderne feiert. Längst beschränkt sich dieses Prinzip nicht mehr nur auf die deutsche Hauptstadt und Deutschalnd. Das Repertoire des Grafikdesign-Labels expandierte über die Grenzen hinaus und widmet sich mittlerweile unter anderem auch den architektonischen Besonderheiten der Schweiz, wo der graue Baustoff in seiner reinen Form für zahlreiche Bauprojekte benutzt wurde und wird – von Kirchen und Kindergärten, bis hin zu Wohnhäusern und Universitäten -, und all das von standardisierten Bauplänen weit entfernt. s.wert beweist damit eindrucksvoll, dass Grafikdesign die Kraft hat, den Blick auf unsere tägliche gebaute Umwelt nachhaltig zu verändern: weg von der grauen Tristesse, hin zur geometrischen und gleichzeitig farbenfrohen Eleganz. Auf Nachfrage des osTraum Journals über den Plattenbau als Motiv antwortete die Eigentümerin des Studios und Shops Sandra Siewert:
Die serielle Ästhetik, die schiere Masse und das Grau haben mich schon immer fasziniert. Rückblickend war meine Arbeit als Studentin in den 90er Jahren, bei der ich den Auftrag hatte, Plattenbauten zu vermessen, ein prägender Moment für mich. Wir waren damals von Halle bis Weißwasser unterwegs, und im Nachhinein bedauere ich sehr, dass ich diese Eindrücke damals nicht fotografisch oder zeichnerisch dokumentiert habe. Dabei hat sich mein Blick auf diese Architektur über die Jahre geschärft: Entgegen der allgemeinen Meinung können Plattenbauten und ihre rhythmischen Fassaden sehr wohl identitätsstiftend sein.
panelka.mini – Мініатюри панельної епохи (Miniatjury panel’noj epochi) (Ukraine): Miniaturen der Erinnerung in Zwischenräumen
Wer an Plattenbauten denkt, hat meist die gewaltigen Betonfassaden vor Augen. Der ukrainische Künstler Maksym Vintoniv richtet seinen Blick jedoch nach drinnen. Genauer gesagt auf die kollektiven Durchgangsräume, die Millionen Menschen zwischen Kyjiw, Bratislava und Berlin täglich durchqueren. Vintoniv fertigt in aufwendiger Handarbeit extrem detaillierte Miniaturen von Treppenhäusern, Eingängen und Fluren an. Die meisten sind ähnlich: Tür, Fahrstuhl, Boden, und doch sind sie bei weitem nicht gleich.
Seine Plastiken sind eine Hommage an das Leben im Bauraster: Mal wirken sie dreckig und wie aus einem düsteren sozialen Drama der 1990er- oder 2000er-Jahre herausgerissen, mal aufgeräumt, wohlhabend und modern, mal ganz alltäglich und eben „normal“. Jede Plastik besitzt eine beinahe übernatürliche Detailverliebtheit. Wände voller Gebrauchsspuren, winzige Zettel mit Kleinanzeigen, akribisch gefüllte Mülleimer, alte Briefkästen oder Einmachgläser voller Zigarettenkippen entstehen in Handarbeit. Vintoniv verwandelt damit die serielle Architektur des Plattenbaus in einzigartige, unverwechselbare Kunstobjekte.



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Im Gespräch mit osTraum gab Maksym Vintoniv Einblicke in seine Arbeit, seine Motivation und die emotionale Bedeutung dieser Räume.
osTraum: Sind deine Miniaturen Anfertigungen für Kundschaft in der Ukraine oder können Menschen in der EU deine Arbeiten ebenfalls bestellen?
Die meisten unserer Miniaturen entstehen für Kundinnen und Kunden in der Ukraine. Oft sind es Menschen, die den Eingang des Hauses nachbauen lassen möchten, in dem sie aufgewachsen sind: Einen Ort, der fest mit ihrer Kindheit, Jugend oder wichtigen Erinnerungen verbunden ist. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch mit Kundschaft aus dem Ausland und bieten internationalen Versand an. Wir können praktisch jedes Treppenhaus anhand von Fotos nachbilden, egal wo die Person heute lebt. Die meisten internationalen Bestellungen kommen von Ukrainerinnen und Ukrainern, die heute in Europa oder den USA leben. Für viele von ihnen wird die Miniatur zu einem kleinen Stück Heimat und zu einer Erinnerung an den Ort, aus dem sie stammen.



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osTraum: Maksym, du zeigst in deinen Arbeiten oft Plattenbauten von innen – allerdings keine einzelnen Wohnungen, sondern kollektive Räume wie Eingänge, Treppenhäuser und Flure. Was motiviert diese künstlerische Entscheidung?
Mich haben schon immer die gemeinschaftlich genutzten Räume mehr interessiert als private Wohnungen. Treppenhäuser, Eingänge und Korridore sind Orte, die allen und gleichzeitig niemandem gehören und genau deshalb bewahren sie so viele Spuren menschlichen Lebens. Abgenutzte Wände, handgeschriebene Notizen, alte Türen und Briefkästen: Diese Details verleihen jedem Raum seinen eigenen Charakter. Wir rekonstruieren meist die tatsächlichen Eingänge aus dem Leben unserer Auftraggeber, basierend auf Fotos oder deren Erinnerungen. Sie erzählen uns, welche Details ihnen besonders wichtig sind, ob es die Aufzugstür ist, ein alter Heizkörper, der Briefkasten oder ein Glas voller Zigarettenkippen. Für mich ist jedes Werk daher nicht nur die Nachbildung von Architektur, sondern der Versuch, einen ganz bestimmten Ort und die damit verbundenen persönlichen Erinnerungen zu bewahren.
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