Text: Isabella Hoyer
“Das Regime hat kein Interesse daran, dass diese Orte gefunden werden”
Das heutige Russland will die Erinnerung an die sowjetische Gewaltherrschaft auslöschen. Denkmäler, die an die Opfer politischer Repressionen erinnern, verfallen oder werden abgerissen. Währenddessen werden neue Monumente für die Verbrecher dieser Zeit feierlich eingeweiht. Wer an die Verbrechen in der Sowjetunion und den Stalinterror erinnert, ist im heutigen Russland unerwünscht und erfährt selbst Repressionen, die immer mehr an jene aus der vergangenen Zeit erinnern.
In Karelien, im Nordwesten Russlands, kämpft Yuri Dmitriev schon seit mehr als drei Jahrzehnten für die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen und gegen das Vergessen. Die niederländische Regisseurin Jessica Gorter hat ihn im Dokumentarfilm “The Dmitriev Affair” porträtiert.
Yuri Dmitriev schloss sich Ende der 1980er Jahre der Memorial-Bewegung an. Jahrzehntelang wurden die Verbrechen der Stalinzeit in der Sowjetunion verschwiegen und die Unterlagen über Todesurteile und Massenerschießungen geheim gehalten. Als Gorbachev die Archive des Geheimdienstes KGB öffnete, begannen Dissident*innen und Menschenrechtler*innen, darunter auch Dmitriev, mithilfe dieser Geheimdienstunterlagen die Orte zu suchen, an denen unter Stalin in den 1930er Jahren Massenhinrichtungen stattfanden. Es dauerte aber noch ein weiteres Jahrzehnt, bis Dmitriev und seine Kolleg*innen 1997 die ersten Massengräber fanden; verborgen in den Wäldern von Karelien mit Überresten von hunderten menschlichen Leichen.
Gorters Film zeigt Archivaufnahmen, in denen Dmitriev und seine Kolleg*innen eines dieser Massengräber untersuchen: Dmitriev hält einen Schädel in die Kamera, zeigt auf ein Einschussloch im Nacken. Über 7000 Menschen wurden in dem Waldstück, das im Zuge der Untersuchungen den Namen “Sandarmoch” erhielt, hingerichtet. Der Historiker und zugleich langjährige Vorsitzende der karelischen Abteilung der in Russland inzwischen zwangsaufgelösten Menschenrechtsorganisation “Memorial” kämpft dafür, dass dieses dunkle Kapitel der sowjetischen Geschichte aufgearbeitet wird. Doch im heutigen Russland wird diese Aufgabe immer schwieriger. Die Geheimdienstarchive sind längst nicht mehr für die Menschenrechtler*innen zugänglich. Doch das hält Dmitriev nicht davon ab, weiter zu forschen. Unermüdlich wertet er Satellitenbilder aus, sucht nach Hinweisen, wo sich weitere, bisher noch unbekannte, Orte von Massenerschießungen befinden könnten. Stundenlang durchkämmt er die karelischen Wälder; anhand des Waldbodenreliefs versucht er nachzuvollziehen, wo sich Gräber befinden könnten. Dmitriev hat Geheimdienstunterlagen jahrzehntelang studiert. Er kennt alle Vorgaben, die die Lager und Orte, an denen die politischen Häftlinge erschossen wurden, erfüllen mussten. So führt er aus: Die Hinrichtungsorte sollten sich nicht mehr als 10 Kilometer von den Lagern entfernt befinden, sie sollten von der Straße aus nicht sichtbar sein. Auch das Licht der Gefangenentransporter durfte nicht zu sehen und die Schüsse nicht zu hören sein. Der Boden sollte sandig sein, sodass die Massengräber schnell zugeschüttet werden konnten.
Dem russischen Regime ist die unnachgiebige Recherche des Menschenrechtlers schon lange ein Dorn im Auge und es versucht ihn deshalb mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Auch weil Dmitriev die russische Regierung längst durchschaut hat und deutliche Worte dafür findet, was im heutigen Russland passiert. Das heutige russische Regime sehe sich als Nachfolger des sowjetischen Regimes und bewege sich Schritt für Schritt in die 1930er Jahre unter Stalin zurück. Deshalb hätte es auch kein Interesse daran, dass diese Orte der Repressionen und Hinrichtungen gefunden werden, denn es baue seine Macht auf Angst und Lügen auf, betont Dmitriev.
Gorters Film zeigt auch Ausschnitte aus dem russischen Staatsfernsehen. Dmitriev wird darin von den Propagandisten als Lügner dargestellt. Seine Arbeit sei vom Westen beauftragt und bezahlt worden, wirft man ihm dort vor. Die Forschungsarbeit sei inszeniert worden, um die Errungenschaften der Sowjetunion zu diskreditieren. Auch die Behörden legen ihm Steine in den Weg. Eine vom Staat beauftragte Kommission will Beweise dafür gefunden haben, dass es sich bei den gefundenen Leichen in Sandarmoch um finnische Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg handele. Auch die Listen der Opfer, die er aus den Geheimdienst-Archiven sichern konnte, bevor diese ihm weitere Auskünfte verweigerten, dürften nicht mehr ohne das Einverständnis der Angehörigen veröffentlicht werden. „Von tausenden Menschen, wie soll ich da die Angehörigen denn finden?”, fragt Dmitriev aufgebracht und zeigt seine Bücher über die Opfer von Repressionen der Stalinzeit, die er im Laufe der Jahre gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Memorial veröffentlicht hat.
Weil sich Dmitriev trotz allem nicht einschüchtern ließ, wurden seit 2016 mehrere Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet. In einem Schauprozess mit fingierten Anklagepunkten, die selbst die vom Gericht bestellten Gutachter für nicht haltbar und absurd befanden, wurde Dmitriev 2021 zu 15 Jahren Straflager verurteilt.
„Das Regime wird sich bis zum letzten Moment an der Macht festhalten. Und ich habe große Angst, dass es vor seinem Ende noch einen hässlichen Karneval in der Welt veranstalten wird.“
Es sind die Eingangsworte des Films, die sich für Russland bewahrheiten sollten. Während Dmitriev seine Haftstrafe antritt, in einem Straflager, das bereits unter Stalin errichtet wurde, beginnt Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine und verübt grausame Kriegsverbrechen. Die russische Regierung hatte sich in das blutige Regime verwandelt, das immer mehr dem Regime Stalins nahekommt; genau so wie es Dmitriev immer und immer wieder betont.
Mehr über Yuri Dmitriev und den Film: hier.
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Titelfoto: Das offizielle Cover des Films.
