Die 7 Bahnstrecken im osTraum

Der Sommer 2024 könnte als neues Rekordjahr für den europäischen Tourismus in die Geschichte eingehen – insbesondere für den Tourismus auf der Schiene. In West- und Südwesteuropa spricht man von einer Renaissance des Nachtzugs. Urlauber aus dem D-A-CH-Raum sollen in den kommenden Jahren die Möglichkeit haben, klimafreundlich mit dem Zug bis nach Barcelona und weiter an die Costa Brava zu reisen.

Während im Westen eine Renaissance gefeiert wird, hat der Nachtzugverkehr im osTraum eine lange Tradition. Die Sowjetunion besaß einst das größte Nachtzugnetz der Welt, das Moskau mit nahezu allen Teilrepubliken in direkter Verbindung verband. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie gab es sogar eine direkte Zugverbindung zwischen Berlin und Moskau. In vielen Regionen des östlichen Europas ist der Zug nach wie vor ein unverzichtbares und oft benutztes Verkehrsmittel.

Heute tauchen wir in die faszinierende Welt der Eisenbahn im osTraum ein und präsentieren sieben Bahnstrecken, die sich ideal für die Urlaubsplanung oder einen spontanen Ausflug eignen. Diese Strecken bieten nicht nur bequeme Reisemöglichkeiten, sondern auch einzigartige Erlebnisse und atemberaubende Landschaften.

Die Elbtalstrecke: (Hamburg – Berlin -) Dresden – Prag (- Bratislava – Budapest)

Die Elbtalstrecke ist ein kurzer Abschnitt, der kurz nach Dresden von der Sächsischen Schweiz bei Bad Schandau über Děčín und Ústí nad Labem bis zu den Vororten von Prag führt, wo die Strecke dann entlang der Moldau in der tschechische Hauptstadt für manche Züge endet. Es gibt aber auch Züge, die bis nach Budapest fahren. Auf dem Weg nach Prag bekommt man spektakuläre Aussichten zu sehen, von Bergen und Burge, bis hin zu der Industrielandschaften von Ústí nad Labem. 

Die Strecke wurde 1850 erbaut, vorerst nur bis Děčín, an die Grenze des damaligen Habsburger Reiches. Später folgte die Erweiterung nach Dresden, was die heutige Strecke ausmacht. Bekannt ist sie auch dafür, dass sie im Jahr 1989 für die drei Ausreisewellen von DDR-Bürgern aus Prag in die BRD genutzt worden ist, nachdem der Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der BRD-Botschaft in Prag die Genehmigung der Ausreise verkündete.

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Heutzutage ist die Elbtalstrecke teil eines der wichtigsten Korridore im osTraum. Auf der Strecke verkehren Züge von Hamburg bis nach Budapest und decken vier Länder und deren Hauptstädte ab. Einst eine Eisenbahnmagistrale der Habsburger, und später im Ausbau eine Magistrale des Warschauer Paktes, ist die gesamte Magistrale heutzutage weiterhin eine wichtige Ader in Mitteleuropa. Und die Elbtalstrecke bildet den schönsten Abschnitt auf den langen Reisen der Passagiere.

Die Landbrücke: Rzeszów – Lwiw – Kyjiw

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Seit Anfang des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine musste die Zivilluftfahrt eingestellt werden. Mit Europas zweitgrößtem Nachtzugnetz war die Ukrainische Bahn für den Anstieg der eigenen Passagierzahlen vorbereitet. Die Strecke von Rzeszów in Polen bis zur Hauptstadt in Kyjiw wird von Geflüchteten, Hilfsorganisationen, Staatschefs, und zunehmend auch Touristen genutzt. Die Bedeutung der Strecke liegt nicht in schönen Aussichten, besonderen Konstruktionen, oder interessanten Zügen, sondern in etwas viel wertvollerem – den Mitreisenden. Sie ist oftmals die einzige Verbindung für Familien, für humanitäre Hilfe, aber auch für Journalisten, um direkt aus der Ukraine heraus zu berichten.

Anmerkung: Obwohl sich die Sicherheitslage auf der Strecke zunehmend verbessert, befindet sich die Ukraine weiterhin im Kriegszustand und die Außenministerien der EU-Länder raten davon ab, die Strecke bis Kriegsende zu nutzen.

Der Eurovision Hit: Chișinău – Bukarest

Hop! Hop! Let’s go! Beim Eurovision Song Contest 2022 trat Moldawien mit dem Pop Folk Song „Trenuletul“ (der Zug) an. Der Song landete auf dem 7. Platz, bekam jedoch die zweitmeisten Publikumsstimmen (nach der Ukraine mit „Stefania“). Der Song dreht sich um den Nachtzug zwischen Chișinău und Bukarest.

Heute von Influencer*innen aus aller Welt auf Instragam und TikTok als „der letzte sowjetische Nachtzug“ beworben, war die Strecke von Chișinău nach Bukarest ein Pilotprojekt der Sowjetunion, die Teilrepublik Moldawien mit dem sozialistischen Rumänien per Schiene zu verbinden, und somit eine Verbindung für die Familien herzustellen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in zwei verschiedenen Ländern vorfanden. Das alte Rollmaterial ist tatsächlich heutzutage noch unterwegs, und die kulturelle Signifikanz des Zuges hat auch nicht abgenommen.

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Ein Highlight der Strecke ist auch der Spurwechsel. Da die Spurbreite der Gleise in Moldawien dem sowjetischen Standard (1520mm) entspricht und in Rumänien dem europäischen (1435mm), werden die Waggons an der Grenze in einer Werkstatt angehoben, damit die Räder ausgetauscht werden können. Dieser Vorgang passiert während die Passagiere im Zug sitzen, und ist eine der letzten Stellen auf der Welt, wo der Spurwechsel noch mit dieser Methode durchgeführt wird.

Die Adria-Magistrale: Belgrad – Bar

Der Balkan hat im gesamten osTraum die am wenigsten ausgebaute Schieneninfrastruktur. Unter anderem weil das ehemalige Jugoslawien, im Vergleich zum Warschauer Pakt weniger auf die Schiene und mehr auf die Straße und Individualverkehr gesetzt hat. Dennoch träumte man schon seit 1896 von der Adria-Magistrale um eine Verbindung zwischen dem serbischen und montenegrinischen Königreich herzustellen.

Erst in den 1950er Jahren wurde unter Tito der Bau angestoßen, und nach mehreren Etappen war 1976 die Strecke vollständig, als der Abschnitt von Titovo Užice (heute: Užice) und Titograd (heute: Podgorica) mit der höchsten Eisenbahnbrücke Europas, fertiggestellt wurde. Symbolisch fuhr Tito mit seinem Blauen Zug zwischen den zwei Städten, die seinen Namen trugen, und weihte die Strecke offiziel für das Volk ein.

Die Strecke ist ein Sommerhit für die Belgrader*innen, die in ihrer Stadt einschlafen und an der Adria am nächsten Morgen aufwachen konnten. Für die Arbeiter im damaligen Jugoslawien wurden sogar Sonderzüge an die Küste organisiert. Heutzutage ist der Zug eine wichtige Verbindung für Urlauber und Abenteurer. Im Sommer fährt eine Verbindung tagsüber, die nicht so glamourös ist wie der Nachtzug, dafür aber die Möglichkeit gibt die gesamte Schönheit der Atemberaubenden Strecke durch die dinarischen Alpen zu genießen. Zwischen Kolašin und Podgorica ist die Strecke am höchsten, sogar bis zu 1200m über dem Meeresspiegel. Dort findet man auch die höchste Eisenbahnbrücke Europas.

Die Kaukakusbahn: Jerewan – Tbilisi – Batumi

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Wer braucht schon Barcelona, wenn es Batumi gibt? Die georgische Hafenstadt ist eines der meistbesuchten Badeurlaubsziele im gesamten osTraum. Um dem Passagierstrom gerecht zu werden, baute die Georgische Bahn eine Schnellverbindung zwischen Tbilisi und Batumi und fährt mit modernen Doppelstockzügen durchs Land.

Die besondere Verbindung ist jedoch die Kaukasusbahn, die im Sommer von Jerewan, über Tbilisi, bis nach Batumi führt. Im Winter ist ein Umstieg in Tbilisi notwendig, weil das Fahrgastaufkommen nicht groß genug ist. Durch Berge bis hin zur Küste, auf der Strecke sieht man alle Landschaftstypen, die für den Kaukasus üblich sind. Auf dem Weg begegnet man den verschiedensten Menschen aus der Gegend, sowie den verschiedensten kleinen Orten an welchen der Zug hält.

Die Habsburgerbahn: Wien – Budapest – Bukarest

Obwohl Bukarest nie unter der Kontrolle von Österreich-Ungarn stand, ist ein spannendes Bahnnetz im Dreieck Österreich, Ungarn und Rumänien entstanden. Zu der Zeit der Habsburger hat man am Schienenausbau gearbeitet, so auch im Banat und in Transsylvanien, die (teilweise) heutzutage Rumänien gehört. Rumänien selbst hat dann die alten Habsburger Strecken in das eigene Schienennetz integriert und ebenfalls ein beachtliches Nachtzugnetz aufgebaut.

Die Strecke von Bukarest nach Budapest ist die am häufigsten verkehrende internationale Nachtzugverbindung in Europa. Es werden insgesamt drei Nachtzüge pro Richtung am Tag angeboten, vorbei eine Verbindung jeweils bis Wien fährt. Für jene die tagsüber gerne die Aussicht genießen, gibt es zwischen Bukarest und Budapest eine Verbindung die tagsüber fährt und 16 Stunden unterwegs ist.

Die Strecke führt einen durch die flachen Landschaften Ungarns und die Karpaten in Rumänien. Quer durch das Land, von Arad bis nach Braşov. Auf dem Weg gibt es wieder spannende Landschaften und viele Orte zu entdecken. Es lohnt sich auch vielleicht nicht in einer der Hauptstädte auszusteigen, sondern zu schauen, welche Orte auf dieser alten Bahnstrecke schlummern, in Träumen an die Zeiten, wo die Strecke noch die Schlagader der Region war.

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An der Grenze des osTraums: Sofia / Bukarest – Istanbul

Obgleich die Türkei nicht im osTraum liegt, ist Istanbul trotzdem ein wichtiges Zentrum an der Peripherie zum osTraum und hat Südosteuropa durch viele Jahrzehnte hindurch beeinflusst. Der einstige Orient-Express legte den Großteil seiner Strecke im osTraum zurück. Wer also über die Grenzen des osTraums reisen will oder die Türkei als Landbrücke zum Kaukasus nutzen will, kann von Sofia (oder Bukarest) aus an den Rhodopen vorbei bis zum Bosporus fahren.

Zum Ende des osmanischen Reiches unter Abdul Hamid II wurde der Schienenausbau zu einer der wichtigsten wirtschaftlichen Prioritäten. So entstanden die heutigen Verbindungen in den osTraum. Im Osten der Türkei wartet man noch auf die Freigabe der Strecke von Kars nach Tbilisi und Baku für den Personenverkehr, womit in den kommenden Jahre eine neue Landbrücke über die Türkei zwischen dem Balkan und dem Kaukasus entstehen wird.

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Natürlich kann ein Artikel nicht alle Bahnverbindungen abdecken und viele weitere sonderbare und schöne Strecken können noch entdeckt werden. Einige nennenswerte Strecken sind die etlichen Regionalverbindungen durch Slowenien, die Tatrabahn durch die Slowakei oder die endlosen Strecken durch die kasachische Steppe. Usbekistan hat mitunter einen der schnellsten Züge im osTraum und mit der RailBaltica soll es in nur wenigen Jahren möglich sein, von Berlin und Warschau aus alle baltischen Länder direkt zu erreichen. Es gibt auf jeden Fall noch viel zu sehen um das Leben in vollen Zügen zu genießen.


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