Die 7 „Osteuropa“-Magazine ausserhalb Deutschlands

Bei der Namensfindung unseres Journals im Mai 2016 war es für uns wichtig, nicht nur einen einprägsamen Namen zu finden, sondern auch den Begriff „Osteuropa“ zu überdenken (oder ihn zumindest kritischer zu betrachten) und andere dazu zu bewegen. Mit unserem Namen und mit seiner Schreibweise wollten wir zeigen, dass Mittel-, Ost-, Südosteuropa, Baltikum, Kaukasus und Zentralasien sehr diverse Kulturwelten sind – im Vergleich zueinander und auch innerhalb der jeweiligen Regionen. Dazu kommen auch die Grenzen auf Karten, die das eine Land bzw. den einen Raum zum sogenannten Osten und das andere zum sogenannten Westen, zu Europa (wo fängt es an, wo endet es?) oder zu Asien (hier die gleichen Fragen) zählen. Es geht für uns daher um fluide Grenzen zwischen Räumen und ihre kritische Wahrnehmung. Immer wieder haben wir in unseren Artikeln gezeigt, dass sich osTräume auch sehr gut in Deutschland finden lassen und dass es kein Osteuropa gibt, das hinter dem Oder-Fluss, in Slowenien oder am Bahnhof Berlin-Ostbahnhof anfängt. Es gibt aber die osTräume, die Kulturerscheinungen darstellen, die uns die Geschichten von Träumen und Alpträumen zeigen, die aus kreativen Überlegungen von Menschen resultieren, oder auch Träume als Visionen erscheinen lassen, die verwirklicht wurden oder für immer im Embryostadium geblieben sind.

Die Idee zum schriftlichen und bildlichen Festhalten dieser osTräume ist selbstverständlich nicht nur uns in den Sinn gekommen. Die Idee schwebte und schwebt in der Luft und so kam es, dass wir in den sechs Jahren unserer Existenz immer wieder auf Seiten gestoßen sind, die dem osTraum Journal im Grundgedanken sehr ähnlich, aber in einer anderen Sprache geschrieben sind, z. B. Englisch, Italienisch, oder Dänisch. Auf Deutsch haben wir immer noch keine zweite Seite gefunden 😀

Wir haben die 7 osTraum-Geschwister aus anderen Ländern für euch zusammengefasst.

7. Calvert Journal (Englisch)

2009 wurde in London die Calvert 22 Foundation gegründet und legte sofort so richtig los – Ausstellungen, ein eigenes Online Journal mit richtig langen und interessanten Artikeln, Fotowettbewerbe und vieles mehr. Etwas später eröffnete die Stiftung ihre eigene Galerie mit einem Kunstladen. Auf Ihrer Webseite positioniert sich die Stiftung als:

Calvert 22 ist Großbritanniens führende kulturelle Institution, die sich der Förderung und Unterstützung der neuen Kultur des Neuen Ostens verschrieben hat. An der Schnittstelle von Kultur, Wirtschaft und Kunst gelegen, arbeitet Calvert 22 als Think Tank, baut Partnerschaften auf und arbeitet mit internationalen Unternehmen und Spitzenuniversitäten zusammen, um Forschung zu betreiben und eingehende Analysen über die Kreativwirtschaft der Region zu liefern.

An sich alles super. Unter einigen Artikeln war dann auch zu sehen, welche Unternehmen Calvert unterstützen, z.B. Coca Cola. Der globale Getränkehersteller war jedoch nicht der Hauptsponsor der Stiftung und des Journals. Einer der Initiatoren der Gründung ist bzw. war Aleksej Kudrin. Nach seiner Dissertation in Wirtschaftswissenschaften, arbeitete er in der Verwaltung des Bürgermeisters von St. Petersburg Anatolij Sobchak – dem Ziehvater von Vladimir Putin. Zu Kudrins bekannteren Ämtern zählen aber seine Tätigkeit als stellvertretender Premierminister (2000-2004, 2007-2011) und Finanzminister der Russischen Föderation (2000-2011) unter Vladimir Putin und Dmitrij Medwedew. Von Juni 2011 bis Mai 2022 war er Dekan der Fakultät für Freie Künste und Wissenschaften an der Staatlichen Universität St. Petersburg. Kurz vor seinem Amtsantritt hat auch die Redakteurin des Calvert Journals Anastasia Fedorova ihren Journalismus-Bachelor an der Universität abgeschlossen. Seit 2018 und bis heute ist Kudrin Vorsitzender der Rechnungskammer der Russischen Föderation und soll unter anderem staatliche Korruption aufdecken. Kudrin ist heute einer der 35 einflussreichsten Politiker*innen Russlands.

Die aktuellen Postings auf Social Media und Beiträge des Calvert Journals sind vom 21.-23. Februar 2022. Das kriegskritische Posting auf Instagram, in dem das Journal mitteilte, dass weitere Arbeit unter den Bedingungen des Krieges unmöglich ist, wurde nach einigen Monaten gelöscht. Kommentare von Leser*innen des Journals, die vorgeschlagen haben, über ukrainische Themen zu schreiben, blieben unbeantwortet. Bereits 2009 ist der gewisse Russland-Zentrismus des Journals aufgefallen, doch mit der Einstellung der Arbeit am 24.2.2022 wurde eins bestätigt – das Medium wurde nicht nur von der Regierung Russlands initiiert, sondern war eins ihrer vielen Soft Power-Projekte.

Um das Journal ist es nun nach dem 24.2.22 still geworden. Die Redakteurin Anastasia Fedorova hat sich von ihren Verbindungen in Russland anscheinend distanziert und sammelt auf ihrem privaten Instagram-Kanal Spenden für queere Ukrainer*innen.

Webseite von Calvert Journal

6. Post Pravda (Englisch)

Der erste Beitrag erschien am 3. Mai 2015 und hatte Fußball in Spanien zum Thema, der zweite Artikel behandelte den territorialen Konflikt zwischen den Regierungen Israels und Palästinas aus einer persönlichen Sicht, der dritte Text war ein umfangreiches Dossier über russische Pop Musik der 1990-er Jahre und die absolute künstlerische Freiheit, die nach dem Zerfall der UdSSR alle vorstellbaren Rahmen und Grenzen des kulturellen Diktats sozialistischer Gesellschaft gesprengt hat. Die Hochphase des Magazins lag in den Jahren 2015 – 2018. 2019-2020 wurden dann nur noch wenige Artikel veröffentlicht.

Der Name des Magazins ist ein gelungenes Wortspiel. Post Pravda markiert einerseits die Zeit nach einer der auflagestärksten Zeitungen der UdSSR PRAVDA, anderseits markiert sie den Übergang in eine Zeit nach der absoluten Wahrheit, denn Pravda heißt in vielen slawischen Sprachen – Wahrheit und eben in den gleichen Sprachen gab es sozialistische Medien, die zumindest offiziell den Anspruch auf die absolute Wahrheit hatten. Mit dem Zerfall des sozialistischen Blocks kam auch die Diversität an Meinungen. Es gab und gibt nicht mehr die eine Realität, die eine Wahrheit, die eine Einstellung zur Kultur. So zeigte sich auch Post Pravda. Sie haben die Grenzen des ehemaligen Ost-Blocks aufgebrochen und berichteten auch über den sogenannten Westen, Latein Amerika oder Nord-Afrika.

Der Redakteur des Magazins Patrick Dooley beschreibt Post Pravda und seine Gründung im Interview mit dem belarusischen Portal 34mag mit folgenden Worten:

Post Pravda hat zwei weitere Mitbegründer. Michael Fahey arbeitet in Dublin im IT-Bereich und Iris Molenaar ist Verlegerin in Berlin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur ein Magazin machen möchte. Aber ich denke, dass ein solches kreatives Ventil unserem gesamten Team eine gewisse Zufriedenheit gibt. Post Pravda strebt danach, ein progressives Medium zu sein und Künstler und Denker zu fördern, die im Abseits existieren.

Auch über das Calvert Journal äußert Patrick seine Meinung gegenüber dem 34mag:

Ich kann es nicht leugnen, dass es dem Calvert Journal gelingt, die Aufmerksamkeit auf Künstler und Denker in der postsozialistischen Welt zu lenken. Ich finde auch, dass Anastasia Fedorov [die offizielle Leitung des Journals (Anm. d. Redaktion)] immer interessant Beiträge schreibt. Jedoch die Verbindung ihrer Veröffentlichungen zu der VTB Bank [das zweitgrößte russische Kreditinstitut und befindet sich zu 60,9 % in Staatsbesitz der Russischen Föderation (Anm. d. Redaktion)] machen vieles aus ihrer progressiven Rhetorik heuchlerisch. Das Calvert Journal existiert als nominelle Opposition gegen die Gewalt des russischen Staates, obwohl es vom selben System profitiert. Wie kann man über LGBTQ+-Rechte schreiben, wenn man vom Regime lebt? Man könnte sagen, dass sich das Calvert Journal damit kompromittiert. Ich würde es Komplizenschaft nennen. Das Calvert Journal verwendet auch den Begriff „New East“, der ziemlich veraltet ist. Ich empfehle die Lektüre kritischer Essays von Inga Lindorenko und Olga Sosnovskaya, um zu verstehen, wie leer dieses Konzept ist.

Webseite von Post Pravda Magazine

5. østvendt (Dänisch)

Mit über 50 Artikeln, einem Podcast und einem Instagram-Account lässt das 2020 gegründete Medium østvendt (de.: ostwärts) seine Leser*innen in die Geschichte, Kultur, Politik und Religionen der postsozialistischen Länder, inkl. Deutschland, eintauchen. Es ist ein Projekt von Nanna Nøhr, Amanda Bang Andersen und Helene Grøn Vestergaard, die, wie auch osTraum, neben ihrem Studium und eigentlicher Arbeit die Informationslücke in den dänischen Medien versuchen zu schließen und zu zeigen, dass die Regionen süd-östlich von Dänemark spannende Kulturlandschaften sind, über die mehr gesprochen und geschrieben werden muss. Die Gründerinnen werden mittlerweile von rund 14 Autor*innen, Fotograf*innen und Podcaster*innen unterstützt. Die Themenauswahl der Artikel ist vielfältig: armenische Diaspora in Dänemark oder die gefährdete Pressefreiheit in Polen und Ungarn, die Klassiker der russisch-sowjetischer Küche oder auch Monster osteuropäischer Legenden – von Baba Yaga bis zu den Vampiren. Wer Dänisch (und zum Teil auch Englisch) kann – ein Blick in das Online Magazin lohnt sich auf jeden Fall:

Webseite von østvendt

4. EaST Journal (Italienisch)

EaST Journal wurde offiziell 2011 gegründet und ist ein gemeinnütziges Medium, das Forschende und Journalist*innen zusammenbringen möchte, um mit der Klarheit des Journalismus die Tiefe und Kompetenz der akademischen Welt nach außen zu kommunizieren. Der Macher der Seite heißt Matteo Zola und ist vom Beruf Journalist und Gymnasiallehrer für Literatur. Unter anderem war er der Herausgeber von Narcomafie, einem monatlichen Magazin über Mafia und internationale organisierte Kriminalität, hat für zahlreiche Medien (EastWest, Nigrizia, Il Tascabile, Il Giornale, Il Reportage) geschrieben und ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem „Revolyutsiya – La crisi ucraina da Maidan alla guerra civile“ (de.: Revolyutsiya – Die Ukrainekrise vom Maidan bis zum Bürgerkrieg) (2015).

Das Team des Journals schafft es, fast täglich oder manchmal mehrmals am Tag, Nachrichten zu veröffentlichen, die vor allem aus den Bereichen Kultur, Sport, Geschichte und Gesellschaft stammen. Die Fokusregionen sind sehr breit aufgestellt – Mitteleuropa (inkl. der Karpaten-Region), Osteuropa (inkl. dem Baltikum), Kaukasus, Mittelmeer (Griechenland, Türkei & Zypern) sowie Zentralasien (inkl. Iran). Die kulturellen Themen haben auch meistens eine politische und/oder historische Dimension.

Webseite von EaST Journal

3. Prospekt_Mag (Englisch)

Das Magazin positioniert sich selbst als „eine Plattform für urbane Diskurse mit Fokus auf urbane Entwicklungen im Osten – insbesondere Sowjetunion und Post-Sowjetunion. Wir zeigen verschiedene Formate und Länder. Wir interessieren uns für Räume und Emotionen, für die Sozialität, die den Alltag ausmacht, für Architektur und Urbanismus. Wir denken im Text und versuchen, den Osten zu erschließen, indem wir seine Gebäude, seine Städte, seine Menschen und verschiedene kulturelle Phänomene betrachten.“

Betrieben wird das Medium vom deutschen Architekten Tom Brennecke und kann nicht nur digital gelesen werden, sondern erscheint vor allem als ein gedrucktes Magazin. Die erste Ausgabe erschien 2021. Prospekt_Mag verfügt zudem über eine (vorerst kleine) handverlesene Datenbank mit Literaturempfehlungen zum Thema Architektur und Urbanismus. Unterstützt Prospekt_Mag auf Instagram!

Webseite von Prospekt Mag

2. Novastan (Französisch, Deutsch (& Englisch))

Novastan wurde 2011 als ein Online Magazin gegründet und berichtet vor allem über Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und die Uigurische Region Xinjiang. In Bischkek – dem Geburtsort von Novastan – entstand das Format erst auf Französisch als Nachfolge der Zeitschrift „Alliance Française“. Seit 2013 erscheinen die Artikel auch auf Deutsch. 2015 wurde in Berlin der Verein Novastan e.V. gegründet. In Paris sitzt zudem der Partnerverein Novastan France. Somit besteht Novastan aus drei unabhängigen juristischen Strukturen in Bischkek, Berlin und Paris. Das Alleinstellungsmerkmal des Online Magazins ist, dass es das einzige bilinguale deutsch-französische Medium über Zentralasien ist. Viele Artikel befassen sich mit Kultur und Gesellschaft, bilden jedoch „nur“ einen Teil der thematischen Ausrichtung von Novastan. Zu den Fokusbereichen gehören ebenso Technologie, Umwelt, Wirtschaft und Politik. Der Chefredakteur des Magazins ist Florian Coppenrath, der am Leibniz-Zentrum Moderner Orient und der Humboldt-Universität zu Berlin an seiner Doktorarbeit über Rap in Kirgistan arbeitet. Novastan unterstützt durch seine Arbeit junge Autor*innen und Journalist*innen in Zentralasien und Europa, die mit Hilfe der Redaktionsmitglieder Artikel auf Französisch und Deutsch veröffentlichen.

Mit rund 80 Beiträgen und 40 ehrenamtlichen Redaktionsmitgliedern bietet das Magazin eine einmalige Gelegenheit in die Kulturen Zentralasiens einzutauchen – von TikToker*innen in Usbekistan bis zur Popularisierung des lateinischen Alphabets in Kasachstan, von kirgisischen Teppichen in Europa bis zum verschwundenen Aralsee in Kasachstan und Usbekistan.

Webseite von Novastan

1. Est.Ranei (Italienisch)

Von den sieben vorgestellten Magazinen ist das italienische Est.Ranei wohl das osTraum-Geschwisterkind, das uns am nächsten ist – thematisch, ästhetisch und menschlich. Allein der Name des Magazins, wie auch bei osTraum, ist ein multidimensionales Wortspiel. Es ist die Himmelsrichtung Ost (Est oder East), die auch als fremd oder seltsam übersetzt werden kann – die fremde oder seltsame Himmelsrichtung also. Gehen wir vom rumänischen strană aus, so steckt auch ein Chorgestühl in dem Namen – eine fast nicht mehr erhaltene mitteleuropäische Art von Bänken in Kirchen und Klöstern, wodurch symbolisiert werden kann, dass die Regionen zwischen Berlin, Kyjiw und Rom zwar irgendwie in einer kulturellen Reihe sitzen, doch sich in Wirklichkeit „nur“ in einigen Charakterzügen überschneiden und deshalb ihre Individualität behalten. Im Tschechischen ist es die strana, die ebenfalls im Magazinnamen steckt – eine Seite, eine Partei oder ein Stadtviertel. Est.Ranei glaubt auch an diese Diversität der Regionen und ihrer Kulturen, die in ihrem Namen zum Vorschein kommt und horizontal kommuniziert werden muss – vom Munde zum Munde, vom Herzen zum Herzen. Die zeitgenössische osTraum/Est.Ranei-Kultur bleibt immer noch in breiten Teilen der italienischen Gesellschaft unbemerkt und das ändert das Team von Est.Ranei seit 2020.

Mit rund 150 Artikeln erzählen die Autor*innen über Filme, Literatur, Musik und Kultur vor und nach dem Fall der Berliner Mauer, welchen sie als das Schlüsselereignis in der Geschichte und Kultur Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen. So gehört auch Deutschland oder eher Berlin zu ihren Fokusregionen. Manchmal bietet das Est.Ranei-Team auch Einblicke in die „klassische“ Kultur ihrer Schwerpunktländer, jedoch nicht aus der gewöhnlichen Wikipedia-Sicht, sondern mit einem frischen Blick an die „Klassiker“ herangehend. Bei Est.Ranei geht es aber auch um Portest-Kultur – die belarusischen Proteste nach der gefälschten Wahl 2020, nach der der Diktator Lukaschenka an der Macht blieb und bis heute die belarusische Bevölkerung in fast allen Sphären des Lebens unterdrückt, oder auch Strajk Kobiet in Polen, wo die patriarchal-katholische Regierung invasiv über die Rechte von Frauen* zu bestimmen und LGBTIQ* systematisch zu diskriminieren versucht.

Webseite von Est.Ranei


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Titelgrafik © Webseiten der jeweiligen Medien in einer Kollage von osTraum

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