Abteil Nr. 6: Voyage, Voyage in Murmansk

Der offizielle Kinostart (Anfang April 2022) des Films „Abteil Nr. 6“ vom finnischen Regisseur Juho Kuosmanen könnte nicht unpassender gewählt werden. Das Roadmovie über das schwierige Verhältnis zwischen Finn:innen und Russ:innen und die zufällige Liebe einer finnischen Akademikerin zum russischen Minenarbeiter ging in die deutschen Kinos gerade einen Monat nach dem Beginn der großflächigen Invasion Russlands in die Ukraine und wurde deshalb aus einigen Programmen gestrichen, wir haben jedoch den Film in einem Freiburger Sommerkino gefunden.

Sollten wir heute weiterhin Filme anschauen, die in Russland gedreht wurden, in denen russische Schauspieler:innen mitgewirkt haben und die auch nur zu einem kleinen Teil vom Kulturministerium Russlands kofinanziert wurden? Diese Fragen sind absolut nachvollziehbar und berechtigt. Das osTraum Journal steht für kritische und bewusste Wahrnehmung von Kulturerscheinungen, weshalb eine pauschale Ablehnung von Kulturerzeugnissen nicht in unsere Redaktion gehört und wir uns dazu entschieden haben, uns diesem ungewöhnlichen Film zu nähern. Auf den ersten Blick arbeitet der Film mit vielen Stereotypen, stellt sie aber auch auf den Kopf. Nicht umsonst erhielt 2021 die Verfilmung des 2011 auf Finnisch erschienenen Romans „Abteil Nr. 6“ von Rosa Linksum den Großen Preis der Jury auf dem Cannes Filmfestival.

Laura und Ljoha im Abteil Nr. 6

Russland in den späten 1990ern. Die Sowjetunion ist noch in der Luft zu spüren, auch die Russ:innen finden sich nur langsam in ihrem Land zurecht. Während Moskauer:innen sich „Voyage, Voyage“ (1987) in Dauerschleife anhören, lebt der Rest des Landes noch mit alten Weltvorstellungen.

Laura ist eine junge Frau aus Finnland, die Archäologie studieren will und in Moskau lebt. Aus ihrer Bohéme-WG, in der die Intelligenzija der russischen Hauptstadt verkehrt, will sie aber nun weg. Laura möchte nach Murmansk fahren, um sich die Petroglyphen – die 10.000 Jahre alten Felsenmalereien – anzuschauen. Eigentlich war das die Idee ihrer geselligen Freundin Irina, sie kann aber plötzlich nicht mehr mitkommen. Die (Liebes-)Freundschaft verläuft im Sand, und verbittert, reist Laura in den Norden. Im Zug nach Murmansk muss sie ihren Abteil mit einem jungen Russen teilen, der gleich nach der Abfahrt mit dem Trinken anfängt und die finnische Nachbarin sexuell belästigt.

Wenn die Oma den Selbstgebrannten anbietet, ist es schwer Nein zu sagen, obwohl die Oma zugibt, ihn selbst nicht zu mögen.

Hier könnte auch das Ende der Geschichte sein, aber die Reise von Moskau nach Murmansk dauert ein bisschen, und eine Nacht bleibt der Zug sogar einfach mitten im Nirgendwo stehen. Laura findet keine andere Lösung und muss mit ihrem Reisegefährten zurecht kommen, und je mehr sie miteinander sprechen, desto mehr nähern sie sich an. Ljoha – so heißt der unangenehme Mitfahrer – kann nur schwierig nachvollziehen, warum jemand sich Petroglyphen anschauen will, hat aber auch eigene Träume und lebt sein Leben nach gewissen Prinzipien und Idealen.

So unterschiedlich und doch ein bisschen ähnlich – die Hauptfiguren in „Abteil Nr. 6“ sind an sich nicht neu. Wie sie aber ihre Schwächen und Stärken leben und zueinander den Weg finden, macht den Film besonders spannend. Ohne Pathos gelingt es Juho Kuosmanen die Geschichte einer Liebe zu erzählen, die auf den ersten Blick unmöglich erscheint. Das Schauspiel von Jurij Borisow (Ljoha) und Seidi Haarla (Laura) ist authentisch und auf den Punkt gebracht.

Auf der Suche nach Petroglyphen in Murmansk

Das etwas andere Roadmovie thematisiert nicht nur das Verhältnis der beiden Hauptfiguren zueinander, sondern indirekt auch die Beziehungen zwischen Finnland und Russland. Das Interesse zur Kultur des Nachbarlands bei Laura stoßt auf das totale Desinteresse zu Finnland bei Ljoha. Die Frust und Enttäuschung über den inadäquaten Mitreisenden bei Laura bietet eine direkte Parallele zur Einstellung Finnlands zu Russland. Auch wenn solche Metapher beim Anschauen des Films ganz verlockend erscheint, ist es natürlich trotzdem problematisch, in einer Person die ganze Nation zu sehen. Der Schein kann trügen. Das zeigt „Abteil Nr. 6“ ganz deutlich.


Alle Bilder © 2021 Sami Kuokkanen Aamu Film Company via eksystent Filmverleih

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