Ryszard Kapuściński: Polnischer New Journalism

„Mine is not a vocation, it’s a mission. I wouldn’t subject myself to these dangers if I didn’t feel that there was something overwhelmingly important about history, about ourselves that I felt compelled to get across. This is more than journalism” [1]

Journalismus mit dem Ziel, die Wahrheit zu erzählen. Diesem Auftrag hat sich Ryszard Kapuściński, einer der bekanntesten Reporter des Ostraums verschrieben. Kapuściński, der 1932 in Pinsk, im heutigen Belarus und damaligen Polen, geboren wurde, hat es geschafft, mit seinen Werken ein Genre zu schaffen, zwischen Berichterstattung, Abenteuerroman und vielstimmiger Dokumentarprosa.

Er ist 7, als der zweite Weltkrieg beginnt und der „Tod“ in sein Leben hereinbricht. Er und seine Familie, die gerade auf dem Land Familienbesuche machen, müssen fliehen, sind Entbehrung und Schrecken ausgesetzt, bis sie sich wieder nach Pinsk durchgeschlagen haben. [2] Hier trifft er zum ersten Mal auf das „Imperium“ und die roten Sterne und lernt eine neue Variante der Schrecken kennen. [3] Sie ziehen weiter nach Warschau.

Von der Jugendfahne nach Afrika

In Warschau studiert er polnische Geschichte und beginnt danach als Reporter bei der kommunistischen „Jugendfahne“, reist durch Polen, trifft „kleine“ Leute und lernt deren Klagen und Unrecht kennen. [4] Er glaubt an die bessere, kommunistische Zukunft und ist zwar von Stalin desillusioniert, aber wendet sich nicht komplett ab. [5] Er arbeitet als Inlandskorrespondent für Polytika und geht dann für die Polnische Presseagentur PAP ins Ausland. Die Leute sehnen sich nach Geschichten von fernen Kontinenten und er hat das Privileg, ihr „Mann-vor-Ort“ zu sein.

1957 kommt er zum ersten Mal nach Afrika und trifft auf einen Kontinent im Wandel. Er trifft den späteren ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah und im Kongo Patrice Lumumba. Kapuściński ist vor Ort, bei Umstürzen, Kriegen und Staatsgründungen, er kämpft wochenlang mit Malaria in Tansania, landet im Gefängnis im Kongo und fährt durch barrikadierte Straßen in Nigeria. Insgesamt wird er vier Mal zum Tode verurteilt. [6] Doch genau dort, wo der Druck ist, will er sein. Von außen betrachtet sieht es aus wie Verrücktheit, er aber sagt, dass er die Wahrheit finden und berichten will und die Gefahr der Preis dafür ist. [7]

Polnischer New Journalism

Afrika prägt ihn am meisten, doch über die Jahre reist er auch nach Asien und Südamerika und schreibt auch über seine Erfahrungen mit der Sowjetunion und Polen. Sein Stil ist dabei eine Art „New Journalism“, er schreibt über Fakten und Wahrheiten, aber im Stile eines Romans. [8] Er variiert, mal sachlicher, mal beschreibender. Gerade seine Reiseberichte lesen sich wie Abenteuergeschichten und Tagebücher von den Frontlinien. Seine Bestseller zum Fall des Shah’s im Iran und des Kaisers von Äthiopien wiederum erinnern aus heutiger Sicht eher an Swetlana Alexijewitsch und sind eine Sammlung von Gesprächen und Erinnerungen. Das intellektuell vielleicht ambitionierteste Werk ist jedoch „Meine Reisen mit Herodot“, in dem er neben eigenen Erinnerungen den Aufbau und die Geschichte von Herodots „Historien“ verarbeitet.

Gerade seine Verwendung literarischer Techniken hat ihm viel Kritik eingebracht, vor allem für „König der Könige“. Er hat ausgeschmückt und die Wahrheit wohl auch manchmal großzügig interpretiert. [9] Doch wer seinen Beruf als Mission sieht, nimmt es mit den Details nicht immer so genau. Doch wie der Historiker Neal Ascherson im Guardian zusammenfasst: „Ryszard Kapuściński was a great story-teller, not a liar“ [10]. Großartige Literatur ist es auf jeden Fall.


[1] https://kapuscinski.info/an-interview-by-bill-buford/

[2] Ein Paradies für Ethnographen

[3] Imperium

[4] Ein Paradies für Ethnographen, Vorwort von Martin Pollack

[5] The Emperor, Vorwort Neal Ascherson

[6] Ebd.

[7] https://www.youtube.com/watch?v=tvj-pV_6_10&t=4s

[8] https://quod.lib.umich.edu/j/jii/4750978.0006.107/–interview-with-ryszard-kapuscinski-writing-about-suffering?rgn=main;view=fulltext

[9] https://www.nzz.ch/feuilleton/reportagen-kapuscinski-war-ein-anderes-kaliber-als-relotius-ld.1458848

[10] https://www.theguardian.com/books/booksblog/2010/mar/03/ryszard-kapuscinski-story-liar


Titelbild: via wyborcza.pl

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