Von Schewtschenko & Lobanowskyj bis Zhadan & Andruchowytsch

Der Fußball, so schrieb der Schriftsteller Serhij Zhadan im 2012 erschienenen Totalniy Futbol, ersetzt in der Ukraine „offenbar sehr erfolgreich die nationale Idee. Ohne dass man sagen könnte, ob das nun gut oder schlecht ist.

So war die Protestbewegung auf dem Majdan in vollem Gang, als Oleh Tjahnybok, Chef der rechtsextremen Swoboda-Partei, im Januar 2014 deklamierte: „Lasst uns den heroischen Fußballfans applaudieren. Hier beginnen Solidarität und Patriotismus!“ Urplötzlich waren die kurzgeschorenen Schmuddelkinder mittendrin gewesen, im demokratischen Aufbegehren gegen das Regime von Präsident Janukowitsch. Die Mission der Ultras war es, Demonstrant*innen vor den Tituschki – regierungsnahen Schlägertrupps – zu schützen.

Dynamo war die erste Mannschaft aus der Sowjetunion, die einen europäischen Pokalbewerb gewinnen konnte.

Zhadans Kollege Juri Andruchowytsch wiederum erzählt von der Vergötterung und anschließenden Menschwerdung seines Idols Lobanowskyj, den er zärtlich nur „Loban“ nennt. Jenem großen Trainer-Zampano, der Dynamo Kyiv Mitte der 1970er Jahre mit harter Hand und mathematischer Gründlichkeit zur womöglich besten Mannschaft Europas geformt hatte. Seine Methoden sind legendär. Dynamik und radikale Verknappung des Raums waren die Markenzeichen des Lobanowskyj-Stils. Damit dominierte Kyiv 1975 im Endspiel des Pokals der Pokalsieger auch Ferencváros Budapest. Dynamo war damit die erste Mannschaft aus der Sowjetunion, die einen europäischen Pokalbewerb gewinnen konnte.

Als Loban, inzwischen zum Chef der sowjetischen Nationalmannschaft befördert, ein Team auf Kiewer Basis formte, hatten es die Ukrainer insgeheim als ihr eigenes adoptiert. Ein Bonmot aus dieser Zeit ging so: „Was ist die sowjetische Nationalmannschaft? Dynamo Kiew, geschwächt durch ein paar Spieler anderer Klubs.“

Walerij Lobanowskyj ist und bleibt Dynamos Referenzpunkt, (Foto: Twitter)

Lobanowskyj selbst hätte eine solche Interpretation vermutlich gar nicht gefallen. Als Sowjetmensch und Parteimitglied hatte er sich im Imperium verwirklicht, „danach verlor für ihn alles seine Relevanz und Attraktivität.“ So zumindest interpretiert Andruchowytsch, am Zustand des durch dunkle Geschäfte und Oligarchenunwesen gebeutelten ukrainischen Fußballs verzweifelnd, den frühen körperlichen Verfall Lobans. Dieser war 2002 im Alter von nur 63 Jahren nach einem auf der Trainerbank erlittenen Schlaganfall verstorben. Posthum wurde ihm der Titel „Held der Ukraine“ verliehen.

Andrej Schewtschenko, (Foto: Wikimedia)

Andrej Schewtschenko, zu seiner aktiven Zeit einer der besten Stürmer der Welt, war nach dem Gewinn der Champions League mit dem AC Milan nach Kyiv gereist, um seine Siegermedaille auf das Grab des ehemaligen Mentors niederzulegen. Mittlerweile ist Schewtschenko selbst Nationaltrainer und führte die Ukraine in souveräner Manier durch die Qualifikation zur Endrunde der (coronabedingt auf das kommende Jahr vertagten) Europameisterschaft 2020.

Annäherung an Das Dynamo-Stadion

Das alte Stadion Dynamos leuchtete, in den Klubfarben gehalten, blau aus dem herbstlich gefärbten Blattwerk der alten Bäume im schönen Chreschtschatyj-Park hervor. Auf der Suche nach dem Denkmal für Lobanowskyj galt es zunächst, das 18.000 Plätze bietende Oval zu umrunden, in dem heute nur noch die Nachwuchsmannschaften des Vereins antreten. Zögerlichkeit und unsere suchenden Blicke riefen einen Mann auf den Plan, dessen Anorak das Dynamo-Wappen zierte.

Sein Anerbieten, den Zutritt zum Stadion zu ermöglichen, klang zu attraktiv, als dass wir uns von den alkoholgeschwängerten Ausdünstungen des Eilfertigen hätten abhalten lassen. 50 Hrywnja wechselten den Besitzer. Rasch stellte sich zwar heraus, dass der Eingang ohnehin für jedermann offenstand. Doch es blieb bloß ein Lächeln zurück, ob einer gut gesetzten Finte und unserer Naivität, die sie gelingen ließ.

Eine klassische Schönheit: das alte Dynamo-Stadion, (Fotos © Michael Robausch für osTraum)

Nur wenige Meter weiter, in der Nähe einer zweireihigen Kolonnade im Vorfeld des Eingangsbereichs kündeten Plakate mit dem Konterfei des alten, grimmig blickenden Lobanowskyj, in dem man jenes des jungen kaum wiedererkennen konnte, dass die Richtung stimmte. Wir gingen hindurch und da war er: auf dem Fundament einer Halbkugel, die einen Ball darstellen soll, steht ein bronzener Lobanowskyj im Begriff, sich von einer Bank zu erheben.

Foto: Masterskazzok [CC BY-SA 4.0]

Die Abenddämmerung war bereits fortgeschritten, als ein kleiner Junge auf das Denkmal hinaufturnte, um sich neben Loban hinzusetzen. Man möchte glauben, dass die kindliche Unbefangenheit das angeblich weiche Herz des gestrengen Mannes gerührt hätte.


Titelfoto: Wikimedia


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