Die Kraft des Untergrunds: Sowjetunion, Tschechoslowakei & die DDR

Die berühmt berüchtigten Küchengespräche, aus dem Westen geschmuggelte Beatles-Tonträger und Leningrader Rock von Viktor Tsoi & Co sind Merkmale, die heute vordergründig mit sowjetischer Dissidenz verbunden werden. Dass aber schon seit den späten 1950er Jahren ausgeklügelte Produktions- und Vertreibungsketten selbstveröffentlichter Essays, Artikel, Gedichte und Romane entwickelt wurden, findet bis heute kaum Beachtung – obwohl das daraus entstandene Mediensystem über Jahrzehnte von der Zivilgesellschaft getragen und im Untergrund am Leben erhalten wurden.

Peremen (deutsch: Veränderung) von Kino, der Band von Viktor Tsoi

Das Phänomen der Untergrundmedien in der ehemaligen Sowjetunion hat einen Namen: Samizdat – ein russischer Neologismus, der all das umfasst, was selbst veröffentlicht wurde und damit die seitens der Regierung auferlegte Zensur umging. Samizdat schaffte, was in den binären Jahren des Kalten Krieges kaum möglich schien: Eine Pluralität an Meinungen und politischen Standpunkten – denn Veröffentlichungen wurden nicht nur in ganz verschiedenen Genres und Textgattungen verfasst, sondern kamen eben auch aus einer Vielzahl an politischen Lagern. Üblicherweise wurden die Texte individuell auf Schreibmaschinen getippt und/oder ausgedruckt, dann im nächsten sozialen Umfeld verteilt, um daraufhin von interessierten Leser*innen kopiert und weiter verbreitet. Das, was all diese Veröffentlichungen gemein hatten, war die ausgesprochen intelligente Nutzung inoffizieller Kommunikationskanäle.

Moskauer*innen lesen im Jahr 1990 Samizdat-Veröffentlichungen auf
einer Stadtmauer (© RIA Novosti / Vladimir Akimov)

Ende der 1950er Jahre trat das Phänomen zum ersten Mal auf. Kleine Gruppen Moskauer Intellektueller trafen sich, tauschten Texte aus und diskutierten. Die Bewegung gewann an Aufwind in der darauffolgenden Dekade und schon in den 1970ern weckten Samizdat-Veröffentlichungen zum erstmalig westliche Aufmerksamkeit. Das Radio Liberty wurde zum hauptsächlichen Vertriebspunkt der Schriften, verfolgt von sowohl sowjetischer als auch westlicher Audienz.

So erlangten einige Jahre später einige der Samizdat-Veröffentlichungen internationale Bekanntheit: Beispielsweise die „Chronik der laufenden Ereignisse“ (ru.: Хроника текущих событий), ein Rundschreiben, das seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1968 Verhaftungen, Gerichtsprozesse und Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und außerdem Informationen über politische Gefangene preisgab – z. B. die Adressen der jeweiligen Haftanstalten. Nachdem die Schriften von Diplomat*innen, Auslandskorrespondent*innen und Tourist*innen in den Westen geschmuggelt wurden, machte es sich Amnesty International zur Aufgabe, die Chronik zu übersetzen. Schnell wurde sie so zu einer essenziellen Quelle, die einen Einblick in die zeitgenössische sowjetische Menschenrechtsbewegung bot. Dies lag unter anderem an ausgesprochen hohen journalistischen Standards: Berichte kamen direkt aus Arbeitslagern und die Namen derer, die ihre Position als Gefängniswärter*innen missbrauchten und gegen die Rechte der Inhaftierten handelten, wurden veröffentlicht. All dies fand Beachtung von international anerkannten Zeitungen, beispielsweise der New York Times. Schon bald wuchs der Druck auf die sowjetische politische Führung. Die Solidarität mit den Autor*innen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nahm zu. Als Natalya Gorbanewskaja, Mitbegründerin der Chronik, in eine Psychiatrie zwangseingewiesen wurde, mehrten sich Petitionen und Anklagen des westlichen Publikums.

Natalja Gorbanewskaja im Jahr 2012 (© Ondřej Lipár)

eine freie, informelle und offene Gemeinschaft, bestehend aus verschiedenen Überzeugungen, Glaubensrichtungen und Berufen, vereinigt in dem individuellen und kollektiven Kampf für die Beachtung von Bürgerrechten und Menschenrechten

Ein ähnliches Beispiel liefert die Charter 77, eine Petition, die im Jahr 1977 heimlich vorbereitet und dann von 240 Aktivist*innen signiert wurde, um die tschechoslowakische Regierung zur Einhaltung von Menschenrechten zu bewegen. Das Kollektiv definierte sich als „eine freie, informelle und offene Gemeinschaft, bestehend aus verschiedenen Überzeugungen, Glaubensrichtungen und Berufen, vereinigt in dem individuellen und kollektiven Kampf für die Beachtung von Bürgerrechten und Menschenrechten“.

Genauso wie die Chronik der laufenden Ereignisse veröffentlichte die Charter 77 regelmäßig Berichterstattungen bezüglich Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land und kritisierte zudem die schwache Regierungsleistung im Bildungs- und Gesundheitssektor. Die stetig wachsende Bewegung, die immer mehr Zulauf erfuhr und
die amtierende Regierung hinsichtlich ihrer Schwachstellen entblößte, stellte sich als entscheidender Akteur in der kurz darauf beginnenden Samtenen Revolution heraus. Im November 1989 kleisterten Student*innen die ursprüngliche Stellungnahme der Charter 77 auf die Hauswände der Prager Innenstadt, Sprechchöre skandierten „Charter, Charter!“ und Václav Havel, Mitinitiator der Bewegung, wurde im selben Jahr zum ersten postkommunistischen Präsidenten des Landes gewählt.

Solidaritätskundgebung in Dresden 1989 (© Imago/Bernd Friedel)

Es ist das radikale Brechen eines von der Regierung organisierten Informationsmonopols, das sich in beiden Fällen als entscheidend herausstellt. Entgegen der bis dahin prävalenten Logik der Stalin-Pyramide mit ihrer strikt hierarchischen Gesellschaftsstruktur, schafften Samizdat-Veröffentlichungen Solidaritätsnetzwerke innerhalb der Sowjetunion und ihrer Satteliten-Staaten. Durch die schnelle Verbreitung der Texte fanden die Veröffentlichungen außerdem schnell auch eine westliche Leser*innenschaft.

Die Solidarität erstreckte sich über beide Seiten des Eisernen Vorhangs. Die Medienlandschaft des Untergrunds zeigt eindrucksvoll die Macht des geschriebenen Wortes sowie die Stärke zivilgesellschaftlicher Basisinitiativen in einem politischen Klima, das diese kaum zuließ. Václav Havel definierte diese Macht als besondere Kunst: „Politik ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen“. Samizdat bzw. Selbstverlag wurde so zu einem Ausdruck und Mittel des Intellekts im Kampf gegen Repressionen in autokraten Systemen – von der Sowjetunion über die Tschechoslowakei bis in die DDR.

Die Gründer der „Charta 77“: Oben v.l.: Václav Havel, Otta Bednářová, Petr Uhl, Jarmila Bělíková, Jiří Němec. Unten v.l.: Ladislas Lis, Jiří Dienstbier, Dana Němcová, Václav Benda, Václav Maly


Titelbild: Václav Havel © Oldřich Škácha (Quelle: DW)


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