Migration Als Normalzustand. ein Interview mit dem rumänischen Fotografen Petruț Călinescu

Über die letzten 10 Jahre ist die Zahl der rumänischen Bürger*innen in Deutschland stark angestiegen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden sie jedoch häufig mit billigen Arbeitskräften in Verbindung gebracht. Doch was ist die Kehrseite der Medaille? Die Motivation, sich in Deutschland zu schinden? Petruț Călinescu hat sich in seinen Reportagen dieser und anderen Fragen gewidmet und gibt einen aktuellen Einblick in die Spannungsfelder, die Rumänien und die gesamte Schwarzmeerregion bewegen. In seinem Interview für osTraum beantwortet er einige Fragen zu seinem Werk und dem von ihm mitgegründeten Zentrum für Dokumentarfotografie.

osTraum: Angesichts der aktuellen Situation: Wie hat sich die Covid19-Krise auf dich ausgewirkt?

Petruț: Die Auswirkungen waren brutal und unerwartet – ich hoffte, dass dies eine vorübergehende Situation war, aber seit März bleibt die Situation die gleiche. Zwei Ausstellungen wurden abgesagt (eine davon in der Lombardei), viele Jobs sind auf Eis gelegt. Seitdem habe ich nur noch einen Auftrag erhalten. Mehr noch, die Krise schränkt meine Reisen für persönliche Projekte ein.

Ein Bild aus der „Garage Days“ Reportage

osTraum: Ich habe das Gefühl, dass einer der Fäden, der durch einen Großteil deiner Arbeit geht, die Darstellung von Menschen ist, die mit ihren Häusern oder mit der Architektur im Allgemeinen kontrastiert sind (zum Beispiel „Garage Days“ oder „Pride and Concrete“). Ist das ein Zufall oder ist das beabsichtigt?

Petruț: Nun, sowohl Zufall als auch Absicht. Für „Pride and Concrete“ war die ursprüngliche Absicht nicht, diesen architektonischen Winkel zu haben, aber die Geschichte führte mich auf diese Weise. Wegen der Abwesenheit der Menschen, die ins Ausland ausgewandert sind, musste ich mich auf ihre Häuser konzentrieren, auf den materiellen Besitz, den sie an ihren Orten zurückließen. Bei anderen Projekten, wie „Garage Days“, ist der architektonische Fokus Teil der Geschichte: wie sich die Garagen der kommunistischen Ära heute in „Fluchträume“ von den täglichen Realitäten verwandelt haben.

Bleiben oder Gehen?

osTraum: Ein weiteres gemeinsames Thema, das ich zu erkennen meine, ist die Migration, vom Land in die Stadt aber auch ins Ausland. Was fasziniert dich so sehr an diesem Thema?

Petruț: Ein Viertel der rumänischen Bevölkerung verließ das Land. Das ist ein riesiger Prozentsatz und man kann kaum eine Familie finden, in der nicht ein oder mehrere Mitglieder ausgewandert sind. Das ist ein Problem mit so unendlichen Auswirkungen auf unterschiedlichsten Ebenen. Es ist schwer, diese Folgen zu vermeiden, wenn man über das zeitgenössische Rumänien spricht.

osTraum: Gerade in deiner „Pride and Concrete“-Reportage spüre ich eine gewisse Melancholie, dass du Menschen porträtierst, die hart arbeiten und alles geben, was sie können, aber irgendwo in diesem Prozess ihr Zugehörigkeitsgefühl verlieren. Wie ist dein Eindruck von diesem Lebensstil? Wie kommen die Menschen zurecht, wenn sie tatsächlich in die Häuser ziehen, die sie über eine so lange Zeit gebaut haben?

Menschen, die auf die Abreise des Busses nach Spanien warten. People embarking a bus leaving to Spain. Năsăud, Rumänien

Petruț: Ich wurde in einer Stadt geboren und lebte bis jetzt in einem Block; Natur fasziniert mich. Rumänien war früher ein ländliches Land und ist es teilweise immer noch: Heute lebt die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land; viele von ihnen betreiben noch immer Subsistenz-Landwirtschaft. Es gibt da eine Verbindung mit der Erde und den Tieren, die wir irgendwo auf unserem Weg verloren haben, um voranzukommen. Die Zeit fließt auf dem Land anders, eigentlich kümmert sich niemand um sie. Es kommt nur darauf an, ob die Ernten gut genug sind oder nicht.

Doch die Dinge änderten sich über Nacht – die Menschen hatten plötzlich die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten, wo sie mehr Geld bekommen, und ihre Lebensweise ändert sich mit einem Wimpernschlag. Viele von ihnen leben in gewisser Weise aber noch immer im Rhythmus der Bauern. Sie kehren aus Paris, London oder was auch immer nach Hause zurück, um zum Beispiel die Pflaumen oder das Heu zu ernten. Offensichtlich sind die Reisekosten aus dem Ausland in die Heimatdörfer teurer als der Ertrag der Ernte, aber sie können einfach den Gedanken nicht ertragen, dass die Ernte verrottet, wenn sie sie nicht einbringen. Was ihnen die Zukunft vorbehält, ist schwer zu sagen – bis jetzt bleiben die meisten der riesigen Häuser, die sie mit dem gesparten Geld aus dem Ausland gebaut haben, leer.

osTraum: In Deutschland ist die fleischverarbeitende Industrie eine der Industrien, in denen „Gastarbeiter“ Arbeit finden. Nun haben mehrere Covid-Ausbrüche wieder Licht auf die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen geworfen. Der naive Deutsche mag sich fragen, warum so viele dennoch bereit sind, ihre Heimat zu verlassen, um in solchen Berufen zu arbeiten. Wie ist es aus der Sicht eines Herkunftslandes wie Rumänien?

Petruț: Wahrscheinlich denken die Leute im Westen nicht, dass sie jemals als Schlachter arbeiten könnten, und verstehen daher nicht, warum jemand es tun würde. Aber in Osteuropa ist die Realität eine andere. Korruption, der Mangel an Sozial- und Gesundheitsleistungen und niedrige Löhne bringen Menschen dazu, ins Ausland zu gehen und die schwierigsten Jobs anzunehmen. Sie denken nicht: „Schau, ich liebe es, irgendwo hin zu gehen und für 16 Stunden pro Tag Schweine zu schlachten und später relaxe ich dann in meinem Mini-Zimmer, das ich mir mit meinen 20 Kollegen teile.“ Sie gehen einfach aus Verzweiflung und deshalb werden sie am Ende ausgebeutet. Die naiven Rumänen fragen sich andererseits, warum es in einem hochzivilisierten Land wie Deutschland möglich ist, Auswanderer so zu behandeln.

Insgesamt ist die Diaspora der Motor unserer lokalen Wirtschaft und der Lebensretter jeder Familie. Kürzlich hat die Diaspora bei den Präsidentschaftswahlen in vorbildlicher Weise mobilisiert und das Land mindestens zwei Mal vor einer Katastrophe gerettet. Vielleicht wurden die Auswanderer anfangs als minderwertig angesehen, da sie das Land für Jobs mit sehr niedrigen Standards verlassen haben. Aber heute sind die, die nach Hause zurückkehren, sehr geschickt und weniger nachsichtig gegenüber Missbräuchen und Korruption der lokalen Behörden. Sie haben sich geschunden, um ein neues Leben zu beginnen, sie haben gesehen, wie eine funktionierende Gesellschaft funktioniert und können das Wissen zu Hause nutzen.

Ein kleines, eingeschossiges Haus, das der Gherman Familie gehört, klammert sich an das neugebaute dreistöckige Gebäude, das zwei Brüder, die Enkeln des ursprünglichen Hausbesitzers, bauen. Sie arbeiten in Paris und bauen ihr Familienhaus in Rumänien bereit seit einigen Jahren.

Die Chancen des neuen Beginns

osTraum: Das drastischste Ereignis in Osteuropa in den letzten 50 Jahren war der Zusammenbruch der Sowjetunion. Wie hast du persönlich die Übergangszeit vom Kommunismus zu einem stärker marktorientierten System erlebt?

Petruț: Ich war 13, als das kommunistische Regime zusammenbrach, also habe ich gute Erinnerungen an diese Zeit. Es gab eine große Begeisterung und eine allgemeine Zustimmung, dass wir in ein paar Jahren das gleiche Entwicklungsniveau wie Westeuropa erreichen würden. Als ein berühmter Analytiker sagte, dass wir 25 Jahre dafür brauchen, waren alle empört. Jetzt, 30 Jahre später, wünschen wir uns, dass seine Worte wahr wären. Aber Chaos kann auch mit positiven Dingen einhergehen und man hat die Möglichkeit, Dinge von Grund auf neu zu bauen. Es ist für mich schwer, objektiv über die frühen Jahre des Übergangs nachzudenken, da damit auch meine Jugenderinnerungen vermischt sind.

Obwohl ich schon in jungen Jahren begonnen habe, als Fotograf zu arbeiten, wünschte ich mir heute, dass ich damals geschickter gewesen wäre. Es gab einen fantastischen Mangel an Informationen und Ressourcen für Dokumentar-/Fotojournalismus. Wir sahen wie zu einem Gott auf, wenn wir die Möglichkeit hatten, mit einem ausländischen Korrespondenten ein Bier zu trinken, und versuchten, alle Information aufzusaugen und nach geheimen Formeln zu suchen, wie wir unsere Arbeit machen können. Heute, mit allen Ressourcen, die nur einen Klick entfernt sind, ist es schwer, den Kontext zu verstehen.

Ein Bild aus der Serie „Facebook Hill“

osTraum: Du hast auch das CdFD (Centrul de fotografie documentara oder Romanian Center for Documentary Photography) mit ins Leben gerufen, das „visuelle Untersuchungen lokaler Themen in Rumänien produziert“. Was war deine Motivation hinter der Gründung und wie finanziert ihr die Aktivitäten?

Petruț: Nachdem ich für Zeitungen als Fotojournalist gearbeitet hatte, träumte ich davon, mich auf meine eigenen Projekte konzentrieren zu können. Bei der Arbeit für die Zeitung fühlte ich mich wie ein Taxifahrer: Ich wartete auf Bestellungen und Richtungsanweisungen. Ich hatte das Glück, in den 2000er Jahren einen guten Moment bei den lokalen Medien erwischt zu haben. Der Bereich wuchs und wir waren in der Lage, unsere Themen vorzuschlagen. Das gab mir Raum zum Atmen, während ich sonst nur mit Sport und Promifotos beauftragt war. Langsam konnte ich mich befreien und ein Kontaktnetzwerk aufbauen, das es mir ermöglicht, beruflich zu überleben. Ich war nicht der Einzige mit dem gleichen Traum, eigene Projekte ohne Eile und Druck zu erstellen, also habe ich mich mit einem Haufen von Freunden zusammengetan und die Ressourcen und das Wissen gebündelt. Wir haben eine kleine NGO und bewerben uns um Kulturstipendien. Wir machen Einzel- oder Gruppenprojekte, bieten Stipendien für dokumentarische Fotografie und Mentoring an und bauen ein Online-Archiv auf, während wir neue Zielgruppen zu erreichen versuchen.

Die Touristen essen zu Mittag in der Mensa in Zatoka, in einem billigen ukrainischen Erholungsort am Schwarzen Meer, der unter Moldauern beliebt ist.

Das Schwarze Meer als Sehnsuchtsort

osTraum: Das Schwarze Meer ist für viele Menschen ein unbekannter und fast mythischer Ort. Du hast ihm ein langfristiges Projekt gewidmet. Was war die Idee hinter dieser Reportage und was verbindet dich mit dem Schwarzen Meer?

Petruț: Ich bin am Schwarzen Meer geboren und viele Erinnerungen, als Kind und Jugendlicher, sind mit dem Meer verbunden. Während der kommunistischen Zeit wurden die wenigen guten Waren, die in die Länder kamen, von den Matrosen geschmuggelt. Sie waren wie Helden, die unsichtbare Pfade gingen und Wunderwerke wie Videoplayer und Jeans zurückbrachten. Die Region, aus der ich stamme, Dobruja, hat eine hohe Dichte verschiedener Gemeinden, die aus dem Umkreis des Schwarzmeerbeckens kommen: Lipowaren, Tataren, Tscherkessen. Ich war nur neugierig, alle Länder rund um das Meer zu sehen und zu erfahren, wie die Heimat dieser Minderheiten aussehen. Eigentlich könnte ich den Rest meines Lebens damit verbringen, die Ufer des ganzen Meeres und der Ozeane der Welten abzuwandern, einfach so. Vielleicht werde ich irgendwann herausfinden, warum.

osTraum: Du hast deine Schwarzmeerreportage im Jahr 2000 begonnen. Wie hat sich das Leben an seinen Ufern in den letzten 20 Jahren verändert?

Petruț: Der Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus bringt die Freude am Konsum, die überall sichtbare Spuren hinterlässt. Einst leere Strände sind heute voll mit Sonnenschirmen, Jet Skis und Müllhaufen. Auch das Wasser selbst wird zu einer Werbefläche, da man oft lächerliche aufblasbare Dinge sieht, die dich auffordern, etwas zu kaufen. Selbst der Himmel ist nicht ungestört entkommen: In der Nähe fliegen Leichtflugzeuge mit Werbebannern. Aus dem ruhigen Ort, der das Schwarze Meer mal war, wurde er ein überfüllter, bunter, lauter Ort, wie ein Basar.

Nina (vorne) und ihre Tochter angeln vom Betonpier. Sie brauchen Fisch, um ihre dürftige Ernährung zu ergänzen. Nina bekommt 50 Euro von ihrer staatlichen Rente. Früher hat sie in einer lokalen Fisch-Konservenfabrik gearbeitet, aber diese war während des separatischen Krieges zwischen 1992 und 1993 zerstört, als Abchasien sich von Georgien getrennt hat.

osTraum: Was sind neben den laufenden Arbeiten am Schwarzmeerprojekt die Pläne für die Zukunft – für dich wie für das Center?

Petruț: Ich möchte langsam unser Netzwerk erweitern und den Übergang von einer lokalen NGO zu einem regionalen Netzwerk schaffen, an dem mehr Fotografen aus dem Schwarzmeerraum und Osteuropa beteiligt sind. Aber ich werde keine Pläne mehr für 2020 machen.


Alle Bilder © Petruț Călinescu

Auf dem Titelbild: Eine Herde Schafe vor einem Neubau, aus der Serie „Pride and Concrete“


Mehr Infos zu Petruț auf www.petrut-calinescu.com und dem Center auf www.cdfd.ro


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