Auf den Spuren der Vergangenheit: „The Spa“ von Bojan Mrđenović

Heimisch vertraut, meditativ ruhig und einfach schön. Die Fotografien von Bojan Mrđenović aus der Reihe „The Spa“ zeigen das Spa-Center in Daruvar, Kroatien, belassen zwischen „Jetzt“ und „Damals“. Durch die visuelle Sprache macht der kroatische Fotograf das in den 1980er Jahren gebaute Komplex zum politischen Schauplatz und stellt wichtige, sogar existentielle Fragen in den Raum. In welcher Verbindung steht die öffentlich genutzte Architektur zu ihrer Umgebung? Und was ist die Rolle der Erholungsorte in einem bestimmten gesellschaftlichen Wertesystem? osTraum sprach mit Bojan über seine Foto-Reihen „The Spa“, „Adriatic Postcards“, „Welcome“ und die kommenden Projekte.

Das Spa als eine Metapher und ein Ort der Wiederkehr

„Ich begann diese Fotoreihe 2011 und in gewisser Hinsicht arbeite ich immer noch daran. Jedoch war ich in der letzten Zeit an diesem Ort nur ein paar Mal im Jahr. Die langfristigen fotografischen Beobachtungen begeistern mich, deswegen besuche ich die Gegenstände und Orte meiner Fotoreihen immer wieder im Laufe der Jahre.

Das Spa befindet sich in meiner Heimatstadt, aber dieses Projekt fing an, nachdem ich schon weg war und in die Stadt nun als Besucher zurückkam. Ein Besucher, der bekannte Dinge aus einer neuen Perspektive betrachtet. Bis dahin habe ich das Ganze für selbstverständlich gehalten, aber dann wurde mein Blick darauf analytischer. Zunächst war ich von der Idee des heißen Wassers, und wie es für soziale Zwecke verwendet wird, fasziniert. Auch wie das Wellness-Center aussah gefiel mir. Es befindet sich in einem Park, was mich zu den Gedanken über das Interagieren zwischen dem natürlichen und gebauten Raum veranlasste. Ich dachte ebenso über die Institution selbst und ihre Funktion nach. Ich hatte das Gefühl, dass diese kleine Institution auch als eine Art Metapher funktioniert. Eine Metapher für eine bestimmte Welt und ein Wertesystem, das ich erforschen wollte“.

Die funktionale Architektur in Jugoslawien – die Überbleibsel der Vergangenheit?

„Das Spa, das ihr auf den Fotos seht, wurde 1980 gebaut. Der Ort war ebenso von den Resten der Romanischen Periode sowie den Spa-Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert umgeben, aber mein Fokus lag vor allem auf den Gebäuden der 80er Jahre. Ich schätze sehr die Architektur der jugoslawischen öffentlichen Gebäude – sowohl für ihre Formen als auch für ihren Zweck. Ich denke, dass dies ein Beispiel für die bescheidene und funktionale Architektur ist, die ihre Umgebung wirklich berücksichtigt und mit ihr in ein Dialog tritt.

Zu dem Moment, als ich anfing, mich da herumzubewegen und Bilder aufzunehmen, sah ich, dass dort einige Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden. Die Zimmer wurden zum Teil renoviert, an der Fassade Einiges verändert, das Interieur teilweise restauriert oder entfernt. Das regte meinen archäologischen Impuls an und ich verstand, dass ich das Spa mithilfe der Bilder so, wie es jetzt ist, festhalten will.

Mein Interesse ziehen die Gemeinschaftsorte an – die Orte, die Leute teilen und prägen. Unsere gebaute Umgebung reflektiert immer soziale Dynamiken und beinhaltet unterschiedliche Niveaus der politischen Implikationen. Aber mir gefällt auch der Gedanke über den gegensätzlichen Einfluss, welche Wirkung die bestimmten Arten der sozialen Orte auf Menschen, die sie nutzen, haben können“.

DIE IDEE DES WOHLBEFINDENS ALS EINE POLITISCHE FRAGE

„Die Wellness-Centren dieser Art haben doppelte Funktionen: Sie dienen sowohl den medizinischen Zwecken als auch dem Tourismus und der Erholung. Die medizinischen Behandlungen für alle Patienten werden durch das staatliche Gesundheitssystem bezahlt, die Touristen müssen dagegen die Kosten selbst tragen.

Das spiegelt das Erbe des sozialistischen Managements wider, da die Behandlungen für alle Bedürftigen gratis sind. Ich finde diese Komponente sehr wichtig für die Identität dieses Ortes, frage mich aber, ob es so weiter erhalten bleibt. Es gibt immer mehr Initiativen, soziale Services auf den Markt zu bringen. Das bedeutet: Sie werden nur für diejenigen verfügbar, die sie sich ja auch leisten können.

Viele Spa-Centren in Kroatien, und zum Beispiel auch im Nachbarland Slowenien, sind privatisiert und profitorientiert. Die gleiche Sache passiert mit Krankenhäusern. Fast alle neuen Krankenhäuser, die in den letzten Jahren in Kroatien gebaut wurden, sind privat. In der aktuellen Pandemie-Krise wird es aber klar, dass die Gesundheit der Menschen durch die institutionelle Infrastruktur unterstützt werden muss. Und ähnlich wie für Individuen, auch für Institutionen muss gesorgt werden. So habe ich versucht, die Idee des Wohlbefindens mittels der visuellen Sprache als eine politische Frage zu artikulieren“.

Die Erholungsorte in Kroatien in der Zeitlupe

„Die Foto-Projekte „The Spa“ und „Adriatic Postcards“ zeigen Orte, die zum Wohlbefinden der Menschen eingerichtet wurden. Durch die Entwicklung dieser Institutionen kann man signifikante politische Veränderungen innerhalb der letzten 30 Jahre nachverfolgen. Im sozialistischen Staat wurden die Institutionen von der Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit entwickelt, während im kapitalistischen Staat – von Eliten für Eliten.

Ich habe auch an einigen anderen Projekten gearbeitet, die einen Bezug auf die Ideen des Wohlbefindens und des Tourismus beziehen. In meinem Kurzfilm „The Party“ habe ich versucht, einen Sketch der Partynacht auf einer der populären kroatischen Insel zu machen. In einem anderen Foto-Projekt „Adriatic Highway“ benutzte ich mein Fahrrad auf der Autobahn, die sich entlang der Adriatischen Küste erstreckt, um die intensive Entwicklung der touristischen Infrastruktur nachzuverfolgen“.

Der „Einheimische“ vs. „Tourist“ oder das Gefühl der Zugehörigkeit

„Ich habe in Kroatien mein ganzes Leben lang gelebt, und das ist ein Territorium, das ich ziemlich gut kenne, mit all seiner Vielfältigkeit und seinen Feinheiten. Mir gefällt es mit kleinen Themen zu arbeiten, die größere Dynamiken widerspiegeln. Ich finde, dass die Gegenstände und Themen zu mir ganz natürlich aus dem Alltagsleben und meiner vertrauten Umgebung kommen. Ich fühle mich als ein Weltbürger und habe keinen starken Bezug zur nationalen Identität. Aber es gibt trotzdem eine Art der Zugehörigkeit, welche auf die Geografie zurückzuführen ist. Es gibt eine bestimmte Gegend, wo du dich wie zu Hause fühlst, eine Gegend, zu der deine Verbindung mehr als zu allen anderen Gegenden ist.

Für mich ist es wichtig, mein Interesse auf die Gegend zu richten, zu der ich persönlich in Verbindung stehe. Ich denke nicht, dass diese Beziehungen und das Gefühl der Zugehörigkeit vorbestimmt sind. Ich denke, sie entwickeln sich durch die Zeit, und genau das macht den Unterschied, der durch die Differenz zwischen dem „Einheimischen“ und dem „Touristen“ sichtbar wird. Ich möchte auch in anderen Ländern an Fotos arbeiten, aber ich empfinde das nicht als eine Notwendigkeit. Ich denke, dass ich auch zu Hause sehr viel zu tun habe“.

Neue Projekte und die zeitgenössische kroatische Fotografie

Die Architektur im öffentlichen Raum ist für Bojan kein abgeschlossenes Thema, aktuell arbeitet der Fotograf an neuen Projekten in diesem Bereich sowie an einem weiteren Projekt über die Industrialisierung und die Umweltfrage. Ins Spiel kommen dabei die Materialien aus den unterschiedlichen Foto-Archiven, was die Arbeit umso spannender macht.

Das Kennenlernen der zeitgenössischen kroatischen Fotografie könnt ihr auf der kuratierten Website „Contemporary Croatian Photography“ fortsetzen, die uns Bojan empfohlen hat: „Hier werden die Arbeiten vieler Autoren präsentiert, die ich besonders bewundere, zum Beispiel Hrvoje Slovenc, Marko Ercegović and Boris Cvjetanović… Wenn ich eine Person nennen müsste, wäre das Ana Opalić. Aus der jungen Generation der Fotografen würde ich Glorija Lizde empfehlen.“


Alle Fotos „The Spa“ © Bojan Mrđenović


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