Von der Siedlung des Jahrtausends – oder das heimliche Herz Polens

Geht es um die Frage nach den kulturellen Zentren Polens, so steht völlig außer Frage, dass diese Warschau und Krakau sind. Die berühmt berüchtigte Rivalität zwischen der pittoresken alten Hauptstadt Krakau und dem ehemaligen Fischerkaff Warschau, das zur Metropole und nach dem Zweiten Weltkrieg wie „Phönix aus der Asche“ aufstieg, spaltet bis heute. Dazwischen etabliert sich noch marginal das hanseatische Gdańsk (dt. Danzig).

Die bedeutendste Region ist jedoch Oberschlesien (Górny Śląsk), ihre Hauptstadt – Katowice (dt. Kattowitz). Mit 4,3 Mio. Einwohner*innen übertrumpft diese Agglomeration Warschau bei Weitem. Warschaus Umgebung grenzt ohnehin verdächtig nah an der Urwald-Wisent-Region Podlachien, die Polen nicht ohne Unbehagen als „our little Siberia“ bezeichnen. Kulturell bietet Oberschlesien bemerkenswerte Ensembles urbaner Industrielandschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die aufgrund des preußischen Erbes nirgendwo sonst im osTraum zu finden sind. Dazu gesellen sich hervorstechende Bau- und Kunstwerke der sozialistischen Moderne. An der Schnittstelle zwischen Deutschland, Polen und Tschechien, prägte sich eine bis heute lebendige regionale Identität mit dem charakteristischen schlesischen Dialekt aus – eine charmante und zugleich ruppig-proletarische Mundart des Polnischen mit zahlreichen Germanismen.

Ein besonderer Ort zwischen den Städten Kattowitz und Chorzów (Königshütte) ist das „Viertel des Jahrtausends“ (Osiedle Tysiąclecia) mit dem angrenzenden Schlesischen Park.

Das „Viertel des Jahrtausends“ entstand im Zuge der nationalkommunistischen Feierlichkeiten der Jahre 1960-1966 zum 1.000-jährigen Jubiläum des polnischen Staates, der auf die Herrscherdynastie der Piasten zurückgeführt wird. Das herausragendste Ensemble entstand jedoch weit später.

Die Kukurydzy (dt. Maiskolben) waren nach ihrer langwierigen Errichtung zum Ende der 80er die höchsten Wohnbauten Polens und sind dementsprechend die höchsten polnischen Wohngebäude der sozialistischen Periode. In den 70ern waren dies übrigens die Gwiazdy (dt. Sterne) Hochhäuser – ebenfalls in Kattowitz.

Das „Viertel des Jahrtausends“ stellt ein stilistisch besonders harmonisches, modernistisches Ensemble dar, das die Ästhetik der polnischen 80er widerspiegelt. Schwarz und Weiß dominieren die Farbgebung. Versetzte, robuste Doppeltypbauten und große Freiflächen prägen das Gesamtbild.

Doch das „Viertel des Jahrtausends“ wäre keines, wenn es nicht in irgendeiner Form an die Geschichte des polnischen Staates anknüpfen würde. In dieser Hinsicht sind die Hausschilder mit eigenwilligen Kinderbuch-Illustrationen derselben kommunistischen Schwarz-Weiß-Ästhetik bemerkenswert, die jeweils auf die Persönlichkeiten der Straßennamen verweisen. So etwa auf Zawisza Czarny…

…der in der legendären Schlacht bei Tannenberg 1410 mitmischte und den tugendhaften polnischen Ritter verkörpert. Doch um ehrlich zu sein ist Zawisza eine gänzlich unbekannte nationale Figur. Jeder weiß, dass ein solcher existierte, aber was er letztendlich machte und wie er auftauchte weiß niemand. Bereits sein einzigartiger, ungarisch anmutender Name lässt Fragen offen, ebenso, warum er in den Chroniken als Deutscher beschrieben wird. Aufgrund seiner dunklen Komplexion bekam er den Beinamen Czarny (dt. „der Schwarze“). Die linke Aufschrift „SM-Piast“ sagt übrigens weder etwas über Zawiszas sexuelle Vorlieben aus, noch, dass er zu der Dynastie der Piasten gehörte. Sie steht hier schlicht und ergreifend für die Wohnbaugenossenschaft. Kommen wir nun zu…

Bolesław Chrobry (z. dt. der Mutige), einem echten Piasten, Bolesław steht definitiv im Schatten seines Vaters Mieszko I, der immer als Begründer des polnischen Staates aufgeführt wird. Der erste König war aber tatsächlich Bolesław. Unter seiner Herrschaftszeit etablierte sich die polnische Autonomie, die mit der magischen Jahreszahl 1000 in Verbindung steht. Leider muss diese Darstellung Bolesławs nun dem konservativen Porträt des Nationalmalers Jan Matejko weichen.

Die Ułańska Straße huldigt den Ulanen, den polnischen Lanzenreitern, die den Traditionen der Tataren und Mongolen entstammen (türk. oğlan-Junge). Ihr Symbol lehnt sich an den viereckigen Hut der Krakauer Nationaltracht an.

Verlässt man das „Viertel des Jahrtausends“ und überquert die Hauptstraße Richtung Kattowitz, so landet man in einem der größten Stadtparks Osteuropas. Der Schlesische Park wurde zu Beginn der 1950er von einer Mondlandschaft aus industriellen Abfällen des Bergbaus zum grünen Naherholungsgebiet. Ich begebe mich auf den Weg zur „Galerie der schlesischen Skulpturen“. Diese entstand zu Beginn der 60er aus einer Initiative des örtlichen Kunstverbandes. Bis ins Jahr 1983 schufen Skulpteure ihre Werke im Park unter freiem Himmel. Die „Galerie“ ist ein besonderer Ort, wo die Dichte an Skulpturen der sozialistischen Moderne hoch ist. Abgesehen davon verstecken sich auch noch weitere Werke im Gefilde des Parks.

Zur Galerie geht es Richtung Planetarium, über den nördlichen stalinistischen Eingang.

Habt ihr diesen hinter euch gelassen, begrüßen euch versetzte Steinmosaikplatten in Giraffen-Optik. Bereits hier kann die erste Skulptur leicht übersehen werden. „Dziewczyna z kwiatem“ (Das Mädchen mit der Blume) von Tadeusz Sadowski (1965) befindet sich etwas abseits am Eingang.

Versteckt im Dickicht der Bäume vermittelt Jan Ślusarczyks „Rytm“ (Rhytmus) einen Ruhepol.

Dann kommt der „stalinistische Abschnitt“ des Parks, unter anderem vegetiert hier ein Hüttenarbeiter im Abseits vor sich hin (ebenfalls von Jan Ślusarczyk, 1953).

Das „Totem“ (1966) von Józef Trenarowski eröffnet uns das Terrain der Galerie. Die Komposition erinnert in erster Linie an Kultsymbole der indigenen nordamerikanischen Kultur, zugleich knüpft sie auch an die mehrgesichtige slawische Gottheit Świętowit an. Leider fehlt ein wichtiger Bestandteil, der sich seit längerer Zeit in Restauration befindet. Die Stehle umgeben 3 Platten, auf denen ursprünglich 3 spitznäsige heulende Wölfe vorzufinden waren. Mögen sie bald zurückkehren, um die mystische Szenerie zu vervollkommnen.

Das absolute Highlight dieses Ortes stellt Augustyn Dyrdas Skulpturenpaar „Zakochani I“ (1963) und „Zakochani II“ (1965) (dt. die Verliebten) dar. In Anbetracht der Prüderie, die den sozialistischen Regimen, insbesondere der Sowjetunion, vorgehalten wird, ist es nicht verkehrt die Hypothese aufzustellen, dass sich an diesem Fleckchen im Schlesischen Park die sinnlichsten öffentlichen Skulpturen der sozialistischen Welt befinden.

Die „Zakochani II“ stechen als erstes ins Auge. Die Verliebten, ein Mann und eine Frau, sind in einer Umarmung miteinander verwoben. Eigentlich Rücken an Rücken sitzend, stützt der Mann seinen Oberkörper ab und lehnt sich hinüber zur Liebsten, umarmt ihre Taille und zieht sie zu sich. Beider Köpfe verschmelzen zu einem. Die Frau lehnt sich an seinen Oberkörper, ihre Brüste und leicht gespreizten Beine sind deutlich ausgearbeitet.

Was sehen wir dort hinterm Geäst? Eine neue Szene! Das laute Gelächter des Mannes lockt zur genaueren Erkundung an.

Ein Pärchen sitzt einander gegenüber, die Frau kniet vor ihrem Freund im kurzen Kleid und streckt sich genüsslich die Arme hinterm Kopf verschränkt, die ihre Brüste entblößen. Ein interessantes Detail sind ihre feinen Gesichtszüge, der geschwungene Mund, die mit der robusten Betonsilhouette kontrastieren.

Ihr Freund krümmt sich vor Lachen, das froschartige Maul weit aufgerissen. Sein Brustkorb ist stark nach vorne gedrückt und sein Kopf orgasmisch in den Nacken zurückgeworfen.

Neben den Verliebten blüht die Knospe, „Pąk“, von Krystyna Pławska-Jackiewicz (1984).

Zur Annäherung kommt es auch zwischen zwei Schnecken in Joachim Krakowczyks „Zbliżenie“.

Den Sommer, „Lato“, von Zygmunt Brachmański, symbolisiert eine Frau. Ihre wallende Mähne und ihre Zierlichkeit spiegeln den Stil der 70er wieder.

„Rozdarcie“ (der Riss) von Joachim Krakowczyk

„Jelonki“ (Hirschkälber) von Stanisław Hochuł

Muzykanci“ (Musikanten) von Stanisław Pietrusa

„Kwiaciarka“ (Floristin) von Czesław Dukat

Neben den hier gezeigten Skulpturen sind noch weitere sehenswerte in der Galerie aufzufinden. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zum größten Planetarium Polens von 1955.

Ein Abstecher kann auch zum Schlesischen Stadion gemacht werden. Bis zur EM 2012 war es das größte Stadion Polens. Ein großes Fußballmosaik von 1970 ziert es.

Zum Abschluss sei noch die ikonische Giraffenskulptur (Żyrafa) am Haupteingang zum Zoo kurz erwähnt.

Die abstrakte dreibeinige Skelettkomposition wurde von Leopold Pędziałek, Leszek Dutka und Jerzy Tombiński konzipiert und 1959 errichtet. Die Żyrafa entstand zu einer Zeit, als der stalinistische Sozrealismus noch dominierte und erst im Begriff war abgelöst zu werden. Dies macht sie zu einem herausragenden Werk der frühen sozialistischen Moderne. Tatsächlich steht sie mittlerweile unter Denkmalschutz.

Das „Viertel des Jahrtausends“ zwischen Kattowitz und Chorzów ist das heimliche Herz Polens, abseits von touristischen Zentren wie Krakau, Warschau oder Danzig. Die in den 60er Jahren gebaute Hochhaus-Siedlung und der Schlesische Park überraschen mit einem harmonischen, modernistischen Ensemble, sinnlichen Skulpturen, sozialistischen Mosaiken und, vor allem, mit ihrer Geschichte.

Alle Fotos © Cora Litwinski für osTraum


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