Was haben Nazis, Trump und eine belarussische Kleinstadt gemeinsam?

Vier Brüder retteten über 1.000 Jud*innen vor den Nazis. Dafür gruben sie einen Tunnel, mehrere hundert Meter lang. Klingt nach einem Drehbuch? War es auch, geschrieben nach wahren Begebenheiten. Und was hat Donald Trump damit zu tun? Die Antwort ist Navahrudak. osTraum begibt sich auf eine Spurensuche nach Belarus.

Navahrudak, Heimatmuseum
& Traktorgaragen

Navahrudak – auf Russisch Novogrudok, auf Polnisch Nowogrodek – ist ein kleiner Ort im Westen von Belarus. Die Stadt ist unter anderem als der Geburtsort des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz bekannt, Mickiewicz wurde hier getauft und verbrachte hier seine Kindheit. Was aber kaum jemand weiß, ist, dass sich hier im Zweiten Weltkrieg ein jüdisches Ghetto befand. Jahrzehntelang vergessen geblieben, befindet sich auf diesem Gelände heute eine landwirtschaftliche Berufsschule. Die Leiterin des örtlichen Heimatmuseums konnte jedoch den Rektor der Berufsschule überzeugen, einen Teil der ehemaligen Baracken für ein Ausstellung zu pachten. Zuvor wurden die Räume als Garagen für Traktoren der Schule benutzt. Heute befindet sich hier das Museum des jüdischen Widerstandes von Navahrudak.

Bei einem Besuch im Museum, erzählt die Museumsleiterin Tamara Veršitskaja die Geschichte des Ghettos, die es bis nach Hollywood schaffte. Aron, Tjuva, Zusja und Asael Bielski waren mit ihren Eltern im Ghetto in Navahrudak eingesperrt. Nachdem ihre Eltern und mehrere Tausend anderer Jud*innen von den Nazis erschossen wurden, flüchteten die vier Brüder in die benachbarten Naliboki-Wälder, gründeten einen Partisanenverbund und retteten in den nächsten Jahren über 1.000 Jud*innen.

Familie Kushner, Familie Trump
& das Weiße Haus

Unter den Überlebenden des Ghettos befanden sich auch die Vorfahren von Jared Kushner. Wer ist aber Jared Kushner? Unternehmer, Politikberater und… und der Ehemann von Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten Donald Trump. Jareds Urgroßeltern Zaidel und Hinda Kushner lebten mit ihren Töchtern Esther, Rae und Leah sowie ihrem Sohn Honie in Navahrudak. Dann wurden sie von den Nazis in das Ghetto gepfercht. Nach der Ermordung der Mutter, begannen Rae und ihr Bruder Honie mit anderen Häftlingen zusammen einen Tunnel in den benachbarten Wald zu graben. Schließlich wurde es einer der längsten seiner Art im besetzten Osteuropa dieser Zeit. Allein durch diesen Tunnel flüchteten 350 Jud*innen aus dem Ghetto. Viele von ihnen schlossen sich den Bielski-Brüdern an. Rae, ihre Schwester Leah und ihr Vater Zaidel überlebten. Ihr Bruder Honie wurde bei der Flucht erschossen. Auch ihre Schwester Esther überlebte nicht.

In dem kleinen Museum in Navahrudak hängen Fotos von Rae, Zaidel und Honie. Hier wissen die Menschen, dass der Nachfahre dieser Familie heut im Weißen Haus lebt und wahrscheinlich einer der einflussreichsten Menschen der USA ist. Die Geschichte blieb jahrzehntelang unentdeckt bis 1991 einer der jüdischen Überlebenden – Jack Kagan – nach Navahrudak kam. Er war erstaunt und erschrocken darüber, dass nichts auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos an die Taten der Nazis und die grausame Geschichte der Stadt erinnert. Der Zeitabschnitt schien aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein.

Wie fast überall in Belarus dominierte hier die Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“. Jüdische Opfer wurden nicht erwähnt. Der Überlebende Jack Kagan nahm Kontakt zu der Leiterin des Heimatmuseums Tamara Veršitskaja auf. Nach und nach entstand dadurch das kleine Museum für den jüdischen Widerstand der Stadt. Kagan war es auch, der auf Fotos die Michle Sosonovski erkannte. Michle war eine junge Frau aus dem Ghetto, die zusammen mit einer Freundin einen Wächter bestach, um sich mit Partisan*innen zu treffen. Sie wurden jedoch im Dorf als Juden denunziert, verhaftet und erschossen. Aus dem prägnanten Foto, auf dem sie als Fee verkleidet die Arme ausbreitet, wurde die Vorlage für ein Denkmal auf dem ehemaligen Gelände des Ghettos.

Mittlerweile wurde sogar der alte Tunnel bei Ausgrabungen entdeckt. Der Eingang des Tunnels kann im Museum besichtigt werden und der Verlauf ist auf dem Grundstück der Berufsschule oberirdisch für ein paar Meter gekennzeichnet.

Hollywood-Verfilmung
& Trump Hotel in Belarus?

2008 wurde die Geschichte um die Bielski-Brüder in Hollywood verfilmt, mit Daniel Craig und Liev Schreiber in den Hauptrollen.

In der Familie Kushner, so erzählt Veršitskaja, gäbe es die Tradition, dass jedes Familienmitglied mindestens einmal im Leben nach Navahrudak kommen muss. So werden der Ursprung der Familie und das Schicksal der Vorfahren im Gedächtnis behalten. Während die Los Angeles Times schon einen Schritt weiter geht; „Could there be a Trump hotel in Novogrudok’s future?“, wartet vor allem das Museum bis heute auf den Besuch von Jared Kushner. Aron Bielski – der jüngste und der einzige noch lebende von den Bielski-Brüdern – kommt ab und an mal zurück, trotz seiner 92 Jahre.


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Bildquellen: Dennis Rabeneick für osTraum

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