Die 7 Werke von Andrzej Stasiuk

Andrzej Stasiuk ist kein Mensch, der die Öffentlichkeit und die Massen sucht. In einer seiner Reportagen schreibt er mit viel Verdruss über den Besuch einer Badestadt im Sommer; als gebürtiger Warschauer zieht er es vor, in den abgelegenen Beskiden, im Süden Polens, zu wohnen. Aus seiner selbstgewählten Abgeschiedenheit bricht Stasiuk glücklicherweise immer wieder aus und sammelt auf seinen Reisen und Exkursionen Stoff für neue Werke. Sein Debütroman „die Mauern von Hebron“ wurde 1992 veröffentlicht, seitdem ist sein „Oeuvre“ ständig gewachsen, seien es Romane, (Reise-)Reportagen oder Kurzgeschichten.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen nach Heimat und Ferne, die Spannungen zwischen Vergangenheit und Moderne, Stadt und Land, Kapitalismus und Kommunismus. Diesen Themen nähert er sich, indem er sich auf das Alltägliche, Gewöhnliche konzentriert und mit kritisch-ironischem Blick den Bogen zwischen kleinen menschlichen Schicksalen und dem großen Ganzen spannt.

osTraum bereitet eine kleine Übersicht über sein Werk.

DIE MAUERN VON HEBRON (1992)

Andrzej Stasiuk feierte 1992 mit „Die Mauern von Hebron“ sein Debüt in Polen. Das Werk gilt als Skandalbuch, in welchem Stasiuk seinen Aufenthalt im Gefängnis wegen seiner Desertion verarbeitet hat. Welche Wirkung der Inhalt im „konservativen“ und „katholischen“ Polen Anfang der 90er gehabt hat, kann sich die*der moderne Leser*in gut vorstellen. Die Toilette in „Trainspotting“ als erste Assoziation ist dabei ein klares Zeichen – „Die Mauern von Hebron“ ist kein schönes Buch. Es ist eine Sammlung von Gewalt und Sexwiderwärtigkeiten, die nur im Haupt-Monolog von einem wirklichen Erzählstrang und einer etwas größeren Handlung eingerahmt werden. Es ist ein hässliches Buch, aber oftmals hat das Hässliche ja seine eigene Anziehungskraft.

DIE WELT HINTER DUKLA (1997)

„Die Welt hinter Dukla“ ist angeblich das Buch, mit dem Stasiuk auch in Deutschland bekannt wurde. Es handelt von Dukla, einer kleinen Stadt in Südpolen. Eine Erzählung über die Leere, die Provinz, das Nichts. Also eine „richtige“ Handlung hat das Buch nicht wirklich. Es ist vielmehr eine umfassende Sammlung von Beschreibungen von unscheinbaren Kleinig- und Nichtigkeiten. Nicht das einfachste Werk von Andrzej Stasiuk.

DOJCZLAND (2007)

Der Osten ist Andrzej Stasiuks große Liebe. Mehrfach schreibt er, dass er nicht wüsste, was er in Paris oder London sollte. Diese Städte haben für ihn nicht denselben Reiz wie z. B. Chișinău. Entsprechend ist sein Bericht über seine Reise durch Deutschland „Dojczland“ eine Besonderheit – ein Pflichtprogramm für die deutsche Leserschaft, die sich wie Bolle freut zu lesen, was Andere über ihr Land denken.

Zwischen Stasiuks Zeilen merkt man*frau, dass er sich bei diesem Reisebericht nicht richtig wohlfühlt. Das etwas Großmäulige, das in seinen anderen Reisen hervorsticht, geht hier in einer ironischen Mischung aus Angst und Respekt unter. Denn „nach Deutschland fährt man nicht ungestraft“.

HINTER DER BLECHWAND (2009)

Mit „Hinter der Blechwand“ wechselt Stasiuk das Genre und verarbeitet seine Erlebnisse und Begegnungen mit Randgesellschaften in Osteuropa in Romanform. Wladek und Pawel verdienen ihr tägliches Brot mehr oder minder erfolgreich durch den Verkauf von Second-Hand-Kleidung auf den Märkten ausdrucksloser Städte Osteuropas. Ihr Geschäft ist jedoch bedroht, denn Globalisierung und Billigware aus Asien machen ihnen neue Konkurrenz und der gesellschaftliche Verfall in der neo-kapitalistischen Welt nimmt seinen Lauf.

Auf einem dieser Jahrmärkte verliebt sich Wladek in eine Autoscooter-Kartenverkäuferin und beschließt sie von ihrem Schicksal zu befreien. Doch erweist sich dies nicht als triviale Übung, denn er muss seine Angebetete „freikaufen“. Und so beginnt ein famoser Abenteuertrip, zwischen Parallelwelten, Provinzödnis und Schweinezucht.

TAGEBUCH, DANACH GESCHRIEBEN (2012)

„Tagebuch, danach geschrieben“ ist klassischer (und süchtigmachender) Stasiuk. Wie in anderen Werken, zum Beispiel in „Stich im Herzen“ oder „Fado“, bricht er auf, um die Welt, oder genauer gesagt Osteuropa, zu erkunden. Doch das „Tagebuch“ sticht aus seinem Werk heraus. Sind seine Bücher ohnehin nicht an zynischen und wütenden Beschreibungen arm, setzt dieses dem Ganzen die Krone auf. In dem Werk reist er auf den Balkan. Warum? „Ja. Ich weiß selbst, wozu ich hergekommen bin. Exotik gibt es hier nicht. Alle diese Dinge, Gerüche, Ereignisse und der ganze Rest, existieren auch anderswo. Hier sind sie nur potenziert, vervielfacht und aufreizend wie billige und starke Parfums in einem engen Zimmer.“ Was folgt, ist Stasiuks geniale und unerreichte Mixtur aus Reportage des Tagtäglichen und Unauffälligen, seiner sozialen Milieubetrachtung und seiner intellektuellen Referenzen auf Literatur und Kultur.

DER OSTEN (2015)

Warum „Der Osten“ als Roman klassifiziert ist, bleibt eine Frage, die nur der Autor beantworten kann. Im Buch geht Stasiuk einen Schritt weiter, als er je davor gegangen ist. Und zwar weiter nach Osten. In die Mongolei, Sibirien und bis nach China. Er ist auf der Suche nach dem, was vom großen Imperium übrig geblieben ist, und trifft überall auf die Spuren und Einflüsse der neuen chinesischen Großmacht. So bekommt das Buch eine politische Tagesaktualität und Relevanz, die vielfach spannender und einsichtsreicher als die unzähligen Sachbücher zur Superpower China ist. Doch das Bewerten ist nicht Stasiuks Kernintention, sondern das Beschreiben und Verstehen. Dazu konzentriert er sich auf die kleinen Dinge, die Orte und Städte, die keine große Aufmerksamkeit erhalten.

BESKIDEN-CHRONIK (2020)

Die „Beskiden-Chronik“ ist in gewisser Weise das Gegenbild zu „Der Osten“. Während Stasiuk in letzterem in die Ferne zieht, beschäftigt er sich in der „Chronik“ viel – wenn auch nicht ausschließlich – mit Polen und seiner Heimatregion. Das Buch ist eine Sammlung von kurzen Notizen und Anekdoten, die selten länger als vier Seiten sind. Auffällig ist in der Chronik, dass Stasiuk viel mehr auf tagesaktuelle Themen als in seinen sonstigen Werken eingeht. Er schreibt in seiner gewohnten, philosophierenden Melancholie über Charlie Hebdo, Flüchtlinge in Polen, Radio Mariya oder Shopping Malls als Aquarien für Menschen. Besonders gerne erzählt er aber von seinen Zwiegesprächen mit seinen Schafen, die sich über seine ständige Abwesenheit beklagen und mit denen er die aktuelle Lage der Welt diskutiert.


Alle Bücher von Andrzej Stasiuk sind in Deutschland bei Suhrkamp erschienen.

Buchcover: Suhrkamp

Titelbild: Ausschnitt aus dem Umschlagfoto von Wiktor Wolkow für Stasiuks „Beskiden-Chronik“.


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