BRUTALISMUS & CO: KYIV, PT. 2

In der Vernadskyi-Nationalbibliothek wurden einige Musikvideos gedreht. Zum Betreten der Bibliothek braucht man einen Mitgliedsausweis, aber auch von außen beeindruckt das imposante Gebäude der Architekt*innen V. Hopkalo, V. Grechin und V. Piskovsky mit seiner charakteristischen Struktur und einem großen, dekorativen Fensterelement an der Fassade. Die Bibliothek ist die größte in der Ukraine und wird von Glas, Beton und Stahl umarmt. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

In der Nähe liegt ein kleiner Schatz verborgen. Am Kyiver Busbahnhof aus der Feder von den Architekt*innen A. Miletsky, I. N. Melnyk und E. Bilskiy. Einige gelangweilte Gäste warten auf ihre Fahrten. Andere trinken hier einfach nur. Im oberen Stockwerk des Gebäudes finde ich aber zahllose Mosaiken zum Thema „Reisen“. Sie stammen von den Künstler*innen A. Rybachuk und V. Melnichenko. Die Mosaike sind die ersten Beispiele einer kreativen Einbindung von Künstler*innen in Architekturprojekte. Die Motive stellen eine direkte Verbindung zur Funktion des Gebäudes her. Der Busbahnhof wird heute täglich von 7000 Fahrgästen genutzt.

Der Bogen der Völkerreundschaft liegt im Chreschtschatyj-Park. Nach vier Jahren Bau wurde er 1982 eröffnet. damals symbolisierte er die Verbundenheit zwischen Russland und der Ukraine. Der Bogen ist ein Teil des Denkmals der Völkerfreundschaft, das Architekt I. Ivanov und Bildhauer A. Skobylov in Vorbereitung auf die damalige Feier von 1500 Jahren der Stadt Kyiv entwarfen. Das Denkmal besteht aus insgesamt drei Monumenten, die heute vor allem für die Aussicht auf den Dnepr und die Stadt bekannt sind. Neben dem Bogen befindet sich das Denkmal des Vertrages von Perejeslaw 1654, in dem Russland sich mit der Ukraine gegen die polnisch-litauische Adelsrepublik verbündete. 2017 gab es viel Trubel um den Bogen. Der Eurovision Song Contest wurde in Kyiv unter dem Motto „Celebrate Diversity“ ausgerichtet. Die Veranstalter*innen des Song Contest und die Stadtverwaltung beschlossen, den Bogen in Regenbogenfarben zu bemalen. Viele Nationalist*innen reagierten darauf nicht nur mit homophoben Äußerungen. Zwei Tage nach Beginn der Arbeiten brachten sie diese mit Gewalt zum Erliegen. Bürgermeister & Box-Weltmeister im Schwergewicht Klitschko reagierte am Ende mit einem „Kompromiss“. Der Bogen wurden an den Stellen, an denen noch keine Regenbogenfarben waren, mit traditionellen ukrainischen Ornamenten gefüllt.

Seit 2015 ist in der Ukraine um viele Gebäude aus der Zeit der Sowjetunion eine Diskussion gewachsen. Darunter auch einige der Bauten, die in Teil 1 & 2 des Beitrags gezeigt wurden. Mit dem Inkrafttreten der „Dekommunisierungs-Gesetze“ unterschrieb der damalige ukrainische Präsident Poroschenko ein neues Gesetzespaket. Danach wurden zahlreiche kommunistische Denkmäler entfernt und öffentliche Plätze umbenannt. In nur 6 Monaten wurden so unter anderem 22 Städte und 44 Dörfer neu benannt sowie 1320 Lenin-Statuen zerstört. Die einzigen zwei Lenin-Denkmäler, die noch stehen, befinden sich in der Schutzzone um Tschernobyl und können aus Sicherheitsgründen nicht entfernt werden. 2015 wurde auch die kommunistische Partei aus dem Parlament „verbannt“. Seit 2015 sind außerdem Symbole wie der rote Stern oder Hammer und Sichel un der Ukraine verboten. Kritiker*innen betonen, dass den Bürger*innen bei all diesen Prozessen keine Wahl gelassen wurde. Eine öffentliche und wirksame Diskussion gab es dazu nicht. Auch die EU-Kommission von Venedig erklärte die Gesetze im Dezember 2015 für rechtswidrig im Sinne des EU-Rechts. Architekturliebhaber*innen sorgen sich zunehmend um modernistische und brutalistische Bauten, da auch diese immer öfter der „Dekommunisierung“ zum Opfer fallen. Viele der Gebäude erhalten keinen Denkmalschutz, und oftmals lassen die Besitzer*innen sie einfach verfallen. Brutalismus-Fans betonen, dass die Bauten auch für den öffentlichen Raum von Wert sind. Sie wurden mit der Intention gebaut, die Eintönigkeit der Wohnblocks zu verschönern und bildende Künstler*innen auch in die Gestaltung des öffentlichen Raumes einzubinden.


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Alle Fotos © Katja Müller für osTraum


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