7 neue Fakten über Capital Bra

Wer ist Capital Bra? Für viele Jugendliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es eine überflüssige Frage. Ihn kennt doch jede*r! So wirklich jede*r ist es noch nicht, obwohl der Künstler national nicht nur der meist gestreamte Musiker ist, sondern hat auch schneller Nummer 1 Hits produziert als jede*r Musiker*in in Deutschalnd im 20. und 21. Jahrhundert. Innerhalb von nur zwölf Monaten war er dreizehn Mal auf der Siegertreppe der deutschen Charts.

Was hat es aber mit osTraum zu tun? Vladislav Balovatsky – so der Musiker bürgerlich – wurde Mitte der 1990-er Jahre in Russland geboren, lebte einige Jahre in der Ukraine und seit dem Anfang der 2000’er Jahre in Berlin. Er brachte in die deutsche Jugendsprache unter anderem das ostslawische Wort Bratan (de.: Bruder). Trotz seines Erfolgs weiß die Öffentlichkeit entweder nur wenig über ihn oder hat sehr ungenaue Angaben. So wird sein Geburtsort als Sibirien angegeben…mal ehrlich, Sibirien ist kein Ort. Das ist eine Region. Es ist der asiatische Teil Russlands, der 36 Mal größer ist als Deutschland. osTraum hat genauer über Einzelheiten seiner Person und seiner Werke recherchiert und hier ist das Ergebnis.

7. Vorname

Den Namen Vladislav gibt es in verschiedenen Formen in allen slawischen Sprachen und einigen weiteren, wie dem Ungarischen oder dem Litauischen. Er besteht aus zwei Wörtern, so z.B. im Russischen vladet‘ (de.: besitzen) und slava (de.: Ruhm). So heißt er ins Deutsche übersetzt Der, der den Ruhm besitzt bzw. der Berühmte. Das passt also ziemlich gut:) Nur ein Spaß. Natürlich wird nicht jeder Vladislav berühmt. Vladislav Balovatsky ist es aber gelungen. Die zwei verbreitetsten Kurzformen des Namens sind Vlad und Slava.

6. Nachname

Balovatsky ist als russischer Name nicht belegt. osTraum hat in mehreren akademischen Namenswörterbüchern nachgeschlagen und nirgendswo gab es ihn. Möglich ist aber, dass der Name auf das polnische Białowąs zurückgeht, wörtlich: Weißhaar. Das Prinzip der Zusammensetzung von zwei Wörtern, um einen Namen zu bilden, ist eins der ältesten in den slawischen Sprachen. Die Kombination mit der Endung –ski , also Białowąski (lies: Biaowuoski) kann heißen Der, der aus Białowąs kommt. Suchen wir in historischen Quellen weiter, so finden wir, dass der Name Balovatsky entweder in der Ukraine oder in Sibirien vorkommt, nirgendswo sonst und selbst da sehr selten. Diese geografische Verteilung ist kein Zufall, denn viele Menschen, die gegen die Kommunisten waren oder aus der Sicht der Revolutionäre zu viel Besitz hatten, wurden enteignet, dann umgebracht oder nach Sibirien verbannt. Daher ist es möglich, dass Capitals Vorfahren etwa im 18.-19- Jahrhundert polnische Großgrundbesitzer oder Großbauern waren, die dann auf das Gebiet der heutigen Ukraine zogen. Später, während der Oktoberrevolution, wurden sie nach Sibirien verbannt, wo der Name russifiziert wurde. Białowąski wurde zu Balovatsky. Für eine genaue Analyse wären familienhistorische Daten von dem Bra notwendig.

5. Kuku, Bra, Blyat

Diese drei Wörter vereint, (1) dass sie alle im Duden nicht vorhanden sind, (2) zum ersten Mal im Deutschen in den Texten von Capi vorkamen und (3) sind sie in diesen Formen in ihren angeblichen Ursprungssprachen nicht vorhanden. „Kuku“ soll entweder russisch oder ostslawisch oder alabnisch sein und für Pass auf! oder ähnliches stehen. Diese Bedeutung ist in keinem Wörterbuch vorhanden, auch nicht in den Lexika des Jugendslangs oder des Argots von ostslawischen Kriminellen. Nur „Ku-ku“ ist im Russischen als ein Spiel für Kleinkinder belegt – in Deutschland besser bekannt als das „Guck-guck-spiel“. „Bra“ ist eine Ableitung vom russischen Wort Brat (de.: Bruder). In der buchstäblichen Form <B-r-a> ist es im Russischen nicht vorhanden. Benutzt wird lediglich die englische Version Bro, die auch global verbreiteter ist. „Blyat“ ist eine falsche Form des russischen Blyad‘ (de.: Scheiße oder Hure (je nach Kontext)). Die Verwechslung zwischen <t> und <d> passiert aber selbst in Russland so oft, dass es mittlerweile als eine alternative Schreibweise gilt.

4. Sprachen

Wir haben uns alle Alben vom Bratan aus Berlin genau angeschaut, die vor seinem Album CB6 (2019) erschienen sind. Die Sprachanalyse mit der Software SketchEngine zeigte, dass Capi insgesamt mindestens elf Sprachen in diesen Texten verwendet: Deutsch, Russisch, Englisch, Türkisch, Arabisch, BKMS (Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch), Französisch, Zazaisch, Albanisch, Polnisch und Spanisch. Mindestens elf, weil bei solchen Wörtern wie brate (de.: Bruder) oder majka (de.: Mutter) nicht genau gesagt werden kann, ob es Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch oder Serbisch ist.

3. Allein (2018)

Es ist bemerkenswert, dass von den 105 untersuchten Texten nur zwei monolingual deutsch sind und die beiden Lieder vom Album Allein (2018) kommen. Sein Sprachverhalten ist typischerweise anders – mehr als 83 % seiner Lieder beinhalten mindestens drei Sprachen – Deutsch, Russisch, Englisch. Auf den Plätzen 4 und 5 sind Türkisch und Arabisch. Es handelt sich dabei oft nicht um ganze Phrasen oder Sätze, sondern um einzelne (Lehn-)Wörter, z.B. Habibi (de.: Geliebter, Freund), Para (de.: Geld), Darby (de.: Tildin), Kafa (de.: Kopf).

2. Der kommerzielle Durchbruch

Es war eine Sensation der deutschen Musikwelt als Capi im Sommer 2018 bei EGJ – dem Label des Rappers Bushido – einen Vertrag unterschrieb. Eine noch größere Sensation war die Trennung von dem Label nicht ein mal ein Jahr nach der Unterzeichnung des Vertrags. Sofort wurde der Bra direkt von Universal Music gesigned. Offiziell kann es als der Zeitpunkt gelten, in dem es der Musiker geschafft hat – Popularität, Major Label & Unabhängigkeit. In Wirklichkeit haben die Major Labels von Beginn an ein Auge auf den Berliner geworfen. Bereits sein erstes Album Kuku Bra (2016) erschien bei Baba City, Chapter One und Universal Music. Dabei sind Baba City und Chapter One Sub-Labels von Universal bzw. stehen mit dem Giganten in einem direkten geschäftlichen Verhältnis. So erschienen letztendlich zwei Alben indirekt bzw. über Sub-Labels bei Sony Music und fünf Alben bei Universal. Nicht so real Underground also, wie man denken könnte.

1. Politik

2017 gab Bratan im rbb-Interview an, mit Politik nichts am Hut zu haben. Dass er in einem Lied über 50 Mal den Namen Putin nennt habe dabei nur damit zu tun, dass Capital sich genau so wenig kontrollieren lässt, wie der Präsident Russlands. osTraum hat sich Bras Texte angeschaut und es stellte sich heraus, so ganz apolitisch sind die Songs doch nicht. Was soll schon politisch an Tracks über One Night Stands und Rolex-Uhren sein? Nichts. Wenn aber Politiker*innen oder Länder erwähnt werden, dann geht es polarisierend zu. Nur eine paar Zitate, welche die Eindeutigkeit zeigen: „Putin ist King, fick mal die Amis“ /// „Hol mal Merkel her, ich geb’ ihr noch ein paar” /// “Fick die AfD, fick die USA und fick die bayerische USK” /// „Capital aus Ukraine und nicht Drake aus Kanada“ /// „Ich wohn’ in Berlin und nicht in Deutschland“ u.s.w.
Als apolitisch können seine Lieder also nicht gelten. Die Meinung, die der Hörerschaft nahe gebracht wird, ist POSITIV gegenüber Putin, Russland, Ukraine und Berlin. NEGATIV gegenüber USA, AfD, Neo-Nazis, Deutschland und der Bundesregierung. Einige dieser Tendenzen entsprechen den liberalen Werten, z.B. die Contra-Einstellung zu der AfD und den Neo-Nazis. Gleichzeitig scheint der Bratan Putins Politik zu mögen und die wird oft als autokratisch verstanden. Dabei ist es auch für den Rapper kein Widerspruch, dass er gleichzeitig die Ukraine und Putin mag und sich aber eigentlich gegen den Krieg im Osten des Landes ausgesprochen hat.


Die volle Version der linguistischen Untersuchung erscheint 2020 in der Fachzeitschrift der Universität Uppsala Multiethnica:
Tikhonov, A.: „Multilingualism and multicultural identity:
Polish and Russian in German Rap lyrics“


Bildquelle : Screenshot mit freundlicher Genehmigung von FUNK bei ARD & ZDF, YouTube-Channel Germania


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