Illustrator Denis Silber: Belarus, Israel & die moderne US-Kunst

Geboren im sowjetischen Minsk in einer Künstler*innenfamilie, wollte Denis Künstler werden. Sein Traum wurde wahr. In Israel. Heute ist Denis ein populärer Illustrator und Storyteller. Seine Werke sind so detailreich, dass sie stundenlang betrachtet werden können. Sie sind so lebendig, als ob es pausierte Zeichentrickfilme wären. Denis kreiert Werbung, Kinderbücher und Brettspiele sowie Character Designs für Animationen und Filme. Bald erscheint sein erstes Buch und ein Online-Kurs für Illustrator*innen.

Vom sowjetischen Kind zum weltberühmten Illustrator.

Selbstportrait von Denis Silber. Illustration für ein neues Buch.

OSTRAUM: In den 1980er und den 1990er Jahren warst du ein Kind in Minsk. Mit welchen visuellen Bildern aus Kinderbüchern und Cartoons war die Zeit gefüllt?

Denis: Es gab nicht viele visuelle Informationen für die sowjetischen Kinder meiner Zeit. Kinderbücher waren schlecht illustriert, meist in Schwarz-Weiß. Die schönsten und hellsten Kinderbücher wurden von Touristen aus der DDR und der Tschechoslowakei mitgebracht. Die Texte in diesen Büchern waren für uns völlig unverständlich, aber die Farbe und Qualität waren wunderbar. Es gab keine Kinderfernsehsender. Aber uns gefiel alles, was uns im Fernsehen gezeigt wurde und was wir lesen durften. Weil wir nichts hatten, womit wir es vergleichen konnten. Aber in den späten 80ern sahen wir zum ersten Mal Disney. Es war eine andere Welt. Die sowjetische Trickfilme waren naiver und übertrieben moralisch für mich. Noch heute sind meine Lieblingscharaktere Tom und Jerry, die ich zum ersten Mal auf meiner DDR-Reise 1987 sah. Ich wusste vorher nicht, dass Trickfilme so dynamisch, plastisch und grotesk sein können.

OSTRAUM: Du bist mit 15 Jahren aus Belarus nach Israel gekommen. Wie hat sich die sowjetische Vergangenheit auf dich und deine kreative Arbeit ausgewirkt?

Denis: Eigentlich hoffe ich, dass es keinen Einfluss hatte. Ehrlich gesagt, versuche ich die letzten 20 Jahre das sowjetische Erbe in meiner Denkweise loszuwerden. Es gibt einige Dinge, die nicht sehr schädlich oder sogar nützlich sind. Die sowjetischen Schulen gehören nicht dazu. Sie waren schrecklich. Die Erziehung durch meine Eltern ist das Wichtige gewesen. Letztendlich ist aber nicht entscheidend, was für eine Erziehung genossen habe – sowjetsiche oder nicht-sowjetische, sondern das, was mir vorenthalten wurde.

Illustration von Denis Silber.

OSTRAUM: Wie war das Leben eines belorussischen Jungen in Israel?

Denis: Das Leben eines Teenagers ist immer schwierig und in der Emigration wird es viel schwieriger. Ich fühlte mich, als ob ich auf zwei Stühlen sitze. Zu jung, um ein ein Erwachsener zu sein; zu alt, um leicht Israeli zu werden und der Gesellschaft beizutreten. Was war das Erstaunlichste an dem neuen Land? Ganz einfach – öffentliche Toiletten. In der UdSSR war ein öffentliches WC mit Schmutz und Gestank verbunden. Am ersten Tag in Israel ging ich in einem Café auf die Toilette. Es gab dort Licht, einen großen Spiegel und auf dem Boden stand eine Vase mit einem großen Blumenstrauß und es roch schön! Erstaunlich war auch die einfache Kommunikation, Freundlichkeit und Entspannung der Israelis. Dabei, nachdem ich Blumen auf einer öffentlichen Toilette gesehen habe, war ich für alles bereit. Für mich war es ein riesiger zivilisatorischer Abgrund, den überquert habe.

Illustration von Denis Silber.

OSTRAUM: In Israel gibt es viele Menschen aus dem ehemaligen Ostblock. Spürst du den Einfluss dieser Kultur auf das moderne israelische Leben?

Denis: Ja, aber von der post-sowjetischen Kultur wird es jedes Jahr weniger. Einerseits, glaube ich nicht, dass wir – die „sowjetischen Juden“ – etwas Gutes mit nach Israel gebracht haben. Wir alle hatten das Gefühl, dass wir aus einem hoch kulturellen Land kamen, dem Zentrum der Weltzivilisation! Als der Eiserne Vorhang fiel, stellte sich heraus, dass fast niemand auf der Welt sowjetische Filme schaute. Außer einigen Filmliebhaber*innen, die beispielsweise Tarkovskys Filme kannten. Niemand auf der Welt bewunderte die sowjetische Theaterschule. Niemand las sowjetische Literatur. Wenn etwas Russisches gelesen wurde, dann Tolstoi und Dostojewski. Niemand bewundert das sowjetische Ballett, denn es war von dem modernen westlichen Ballett sehr weit entfernt. Die sowjetische Kunst mit ihrem sozialistischen Realismus war für niemanden interessant. Auf der anderen Seite kamen die Juden aus der UdSSR mit einem großen Wunsch nach Erfolg. Sie waren gut im Lernen und wurden mesit mit den alltäglichen Schwierigkeiten fertig. Es ist also eine sehr erfolgreiche Auswanderer*innenwelle. Ein russischsprachiger Israeli ist in der Regel ein Individualist, ein Liberaler und ein Kapitalist. Er strebt danach, alleine erfolgreich zu sein. Aber es scheint mir, dass diese Qualitäten nicht das Ergebnis sowjetischer Erziehung sind, sondern innerhalb der Familien erworben wurden, denn das sowjetische System hat jeden Individualismus an der Wurzel gepackt und wollte ihn vernichten. Es gibt in Israel immer mehr erfolgreiche Menschen mit russischen Namen, die aber oft kein Russisch mehr sprechen. Das macht mich glücklich.

Illustration von Denis Silber.

OSTRAUM: Wie haben sich Kultur und Kunst in Belarus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert?

Denis: Gar nicht. Belarus ist in diesem Sinne ein einzigartiges Phänomen. 1991 wurde es konserviert, die Luft wurde herausgepumpt und das Land wurde in ein Museum umgewandelt. Nur die Bäume wachsen weiter. Im Zentrum der Stadt entstand kein einziges Neubau. Alles blieb wie 1991. Offizielle Künstler und Bildhauer leben in der gleichen Realität wie unter der Sowjetunion, nur noch schlimmer, weil es weniger Arbeit gibt. Es scheint, als ob diese Menschen kein Internet haben und nicht wissen, was in der Welt geschieht. Natürlich gibt es einige positive Veränderungen, aber das ist das Verdienst energischer junger Menschen, die Belarus verlassen. Nach Europa oder in die USA.

OSTRAUM: Gibt es Bücher, die du illustrieren möchtest?

Denis: Ja, natürlich. Meist Klassiker wie „Alice im Wunderland“, „Der Nussknacker“ oder die Märchen „1001 Nächte“. Ich denke auch, dass es wahnsinnig interessant wäre, ein Buch von Neil Gaiman zu illustrieren, egal welches.

Über Kunst, Illustration und Storytelling.

OSTRAUM: 5 Illustrator*innen, deren Werke unsere Leser*innen kennen sollten.

Denis: Zuerst einmal, J.C.Leyendecker. Er ist zweifellos ein Genie des Goldenen Zeitalters der amerikanischen Illustration. Alles ist perfekt: Storytelling , Styling, Technik. Seine Farbe und sein Licht sind unvergleichlich. Seine Pinselstriche im Allgemeinen verdienen ein separates Gespräch, sie sind so makellos.

Illustration von J.C.Leyendecker. Quelle.

Denis: Carter Goodrich ist ein wunderbarer moderner amerikanischer Illustrator und Character Designer für Animationsfilme. Er hat eine einzigartige Technik und einen erstaunlichen Sinn für Form.

Illustration von Carter Goodrich. Das Buch „Zorro Gets an Outfit“. Quelle.

Denis: Bemerkenswert ist auch Sergio Toppi, seine Comics sind unvergleichlich.

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Denis: Bob Peak ist bekannt für seine Poster für Filme der 1960er und 1970er Jahre.

Ein Poster für den Film „My Fair Lady“ von Bob Peak. Quelle.

Denis: Es gibt auch einen jungen französischen Kinderbuchillustrator – Frederic Pillot. Er hat wahrscheinlich die hellste und lebhafteste Farbe, die ich je gesehen habe, und seine Details und die Art, wie er die Form interpretiert – sind unvergleichlich.

OSTRAUM: Was inspiriert dich?

Denis: Alles. Filme, Bücher, Arbeiten von Kolleg*innen, Neues, insbesondere visuelle Information. Vor allem aber Trickfilme. Ich schaue nicht nur den Animationsfilme, sondern auch zerlege und erforsche sie. Ich versuche immer etwas Neues und Nützliches für mich zu finden. Das Design der Charaktere, ihre Posen, Emotionen, Hintergrund- und Umgebungsdesign, Farben, Licht, Perspektive und Rahmenkonstruktion sind alles Werkzeuge, die ich in meiner Arbeit verwende. Reisen und Wandern inspiriert mich auch sehr. Historische Museen auch. Vor allem, wenn es um Westeuropa geht.

OSTRAUM: Du nennst dich selbst Storyteller. Erzähle bitte etwas mehr darüber.

Denis: Ich glaube, dass ohne einer Geschichte die Illustration nicht existieren kann. Ein Bild, auch wenn es sehr geschickt gezeichnet ist, aber keine Geschichte erzählt, ist eine dekorative Kunst oder eine Art des Selbstausdrucks, aber keine Illustration. Ich arbeite derzeit an einem Online-Kurs, der sich ausschließlich nur auf die Kunst des Storytelling konzentriert. Der Betrachter sollte immer die wichtigsten Zutaten erhalten, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt und die die drei Hauptfragen des Storytalling beantworten wird: Wer? Wie? Warum? Zum Beispiel die Illustration von Carter Goodrich. Wir sehen eine ziemlich harte Satire über die moderne amerikanische Realität, wo in den oberen Schichten der Gesellschaft sogar der banalste Kindergeburtstag zu einer Eitelkeitsmesse wird.

Illustration von Carter Goodrich. Quelle

Denis: Es gibt hier ein Detail, das nicht offensichtlich und sogar ein wenig verborgen ist, ohne das es aber extrem schwierig gewesen wäre, zu verstehen, was passiert. Ein Teil des Wortes „Birthday“ ist in dem Türspalt zu sehen. Entfernen wir dieses kleine Ding und wir werden nicht verstehen, was da passiert. Denn es wird unklar sein, warum die Kinder mit den Geschenken in Schlange stehen und der Türsteher sie am Eingang kontrolliert.
In meiner Illustration für die Werbekampagne des vegetarischen Menüs von McDonald’s ist solch ein wichtiges Detail versteckt. ein Stück des Lieferwagens mit dem McDonald’s-Logo auf der Rückseite der Toröffnung. Ohne diesen Lieferwagen wäre es für die Zuschauer*innen schwer zu erraten, dass der McDonald’s-Mitarbeiter auf den Bauernhof gekommen ist, um Fleisch abzuholen. Schließlich spielt er aber Karten mit den Tieren. Das sollte die Zielgruppe zur Idee des vegetarischen Menüs führen. Es sind natürlich nur zwei kleine Beispiele für eine der Techniken, um eine bessere Lesbarkeit der Geschichte zu erreichen. Es gibt viele solcher Techniken.

Illustration von Denis Silber.

OSTRAUM: Über die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist bereits viel geschrieben worden. Was wird in 100 Jahren über die Konzepte der bildenden Kunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschrieben?

Denis: Ich denke, niemand kann in der heutigen Situation 100 oder sogar 50 oder 20 Jahre vorausblicken. Alle Technologien entwickeln sich so schnell, dass es absolut unmöglich ist, echte Vorhersagen zu treffen. Wahrscheinlich wird der Anteil der digitalen Kunst zunehmen, obwohl nicht ganz klar ist, ob sie die traditionelle Kunst ersetzen wird. Es scheint mir, dass die digitale Kunst selbst in den kommenden Jahren eine Vielzahl von Veränderungen durchlaufen wird. Aber wie gesagt, es ist derzeit absolut unmöglich, etwas mit Sicherheit vorherzusagen.



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