Brave! Factory Festival Kyiv: ein Musikfestival der besonderen Art

„You can’t shade something that’s shining so bright“ — Das an die Wand gesprayte Motto passt zu Kyiv. Die Stadt unterlief in den letzten Jahren einem extremen Wandel, nicht nur optisch und in Sachen Nachtleben, sondern auch in der Mentalität ihrer Bewohner*innen. Europa. Das Gefühl, zu etwas großem und vereintem zu gehören, schwebt in der Luft. Die Ukraine fühlt sich als ein unabhängiges Land und als eine Insel, weder „typisch EU“ noch „typisch sowjetisch“.

Brave Factory wurde von den Macher*innen des Kyiver Clubs Closer organisiert. Der Club ist vielen Liebhaber*innen elektronischer Musik längst ein Begriff, denn er holte neben den berühmten Schema-Parties Kyiv auf die europäische Clubbing-Landkarte. Das Besondere am Brave Factory Festival ist, dass es in einer aktiven Fabrik stattfindet, in der unter der Woche Waggons für die Kyiver Metro gebaut werden. Seit 2017 zeigt sich hier aber für zwei Tage im Spätsommer eine kleine eigene Welt aus Kunstwerken, Musik und industriellen Gebäuden. Auf dem weitläufigen Fabrikgelände gibt es nur wenige verschlossene Türen und viel zu entdecken: sechs Bühnen, auf denen von Samstagabend bis Montagmittag diverse Künstler*innen auftreten, aus der Ukraine und der ganzen Welt. Das Line-Up bietet 2019 mit Künstler*innen wie Alina Pash oder Nastia lokale Größen, die in ihrer Heimat längst den Status eines Stars erreicht haben, aber auch eine Auswahl internationaler Acts wie Shortparis, Marcel Dettmann oder Anthony Rother.

Samstag. Eine laue Sommernacht in Kyiv. Ein Uber-Kleinbus bringt uns gerade in ein Industriegebiet am Stadtrand. Ca. 1 km vor dem Festivaleingang beginnt der Stau. Wir bezahlen, steigen aus und gehen weiter zu Fuß. Um die Ecke gebogen, sehen wir eine lange Schlange – mehrere hundert Meter entlang der Straße. Im Vergleich zu Berliner Clubs fällt eins auf: viele Besucher*innen sind deutlich jünger, Anfang bis Mitte 20. Rundum angeregte Unterhaltungen auf Russisch und Ukrainisch, vereinzelt auf Englisch. Dieser Szene ist aber etwas, was in vielen anderen europäischen Hauptstädten längst zum Problem geworden ist, noch neu: Tourismus und Party-Jetset.

Als wir das Fabrikgelände betreten, heißen uns große Leuchtbuchstaben willkommen: „Brave!“. Der Name ist bezeichnend: Mutig standen viele Kollektive, Musiker*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Bürger*innen während der Revolution und auch danach der Korruption, den Oligarchen und der Ungerechtigkeit im Land entgegen. Mit der Nacht- und Clubbingkultur erschaffen sie eine eigene Welt voller fantasievoller Musik, Outfits und Kunstwerke. Politische Unruhen, Krieg und Sorgen liegen fern von dieser Stimmung.

Shortparis. Die russische Band hat in den letzten Jahren schnell an Bekanntheit gewonnen und spielte unterdessen auch ausverkaufte Shows in Berlin. Der Publikumsraum platzt aus allen Nähten. Auch außen herum haben sich viele versammelt. Als die Band zu spielen anfängt, breitet sich bereits nach dem ersten Song eine spezielle Atmosphäre aus, für die die Band bekannt ist. Die Stimmung kocht… im positiven Sinne.

Kurz vorher fängt auf einer anderen Bühne das Konzert von Alina Pash an. Am gleichen Tag trat sie zuvor noch in den Straßen von Kyiv auf. Es ist der Unabhängigkeitstag des Landes und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Ihre spektakuläre Show mit Tänzer*innen und Videos wird vom Publikum begeistert und von politischen Diskursen befreit gefeiert.

Auf der dritten Bühne läuft den ganzen Abend über dynamischer Techno, begleitet von beeindruckenden Lichteffekten. Am nächsten Morgen werden wir uns wundern, wie viel kleiner die Halle im Tageslicht aussieht. Generell ist die Arbeit der Licht- und Soundtechniker*innen des Festivals beeindruckend. Die Musik war auf allen Bühnen ebenfalls auf einem globalen Niveau. Berghain-Resident Oskar Offermann ist beispielsweise auf einem Function One-Soundsystem zu hören, das auch in vielen renommierten Clubs eingesetzt wird. Das Gelände ist durch kluge Beleuchtung und Kunstinstallationen eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Beim Verlassen des Festivals am frühen Morgen entdecken wir einen Synthesizer, auf dem jede*r zum Spielen eingeladen ist. Mehrere Besucher*innen haben sich versammelt und probieren abwechselnd verschiedene Sounds aus. Nach einem Frühstückskaffee begeben wir uns später in Runde zwei des Festivals. Manche sind die ganze Zeit über geblieben und trinken jetzt Kaffee oder liegen in der Sonne. Die Atmosphäre ist eine ganz andere als nachts, entspannter, sonniger, aber nicht weniger interessant. Auf einer Bühne, wo nachts experimentelle Live-Sets gespielt wurden, ertönen jetzt Disco- und Soul-Platten, und auch einige Tänzer*innen haben sich eingefunden. Rundherum liegen kleine Festival-Zeitungen aus, darin beispielsweise nützlicher ukrainischer Wortschatz fürs Ausgehen.

Außerdem gibt es auf dem Gelände zahllose Liegestühle, Sitzsäcke und Ecken zum entspannen und die werden auch ausgiebig genutzt. Später spielt auf der Depo-Stage Oskar Offermann mit Edward. Alle tanzen ausgelassen in die letzte Festivalnacht hinein. Zum Höhepunkt kommt die Stimmung schließlich bei Detroit In Effect. Die Menge jubelt, tanzt und folgt den Worten des Ghetto House-Produzenten, der mit Tracks wie „R U Married?“ oder „Shake A ‚Lil Faster“ bekannt wurde.

Nach Mitternacht ist fast alles ausverkauft, selbst Wasser. Unbeirrt davon feiern viele bis Montagmittag. Das Festival bot viele Überraschungen, Installationen, die zum Verweilen und Mitmachen einluden und vor allem eine Vielzahl von Künstler*innen, die elektronische und/oder alternative Musik machen und das Publikum bei gutem Sound und einer besonderen Atmosphäre begeistern konnten. Viele der Besucher*innen des Brave! Factory Festival kommen aus der Ukraine, aber auch Englisch ist immer wieder zu hören. Es bleibt zu hoffen, dass das Festival seinen Vibe bewahren wird, der es so einzigartig macht. Derzeit ist es sicherlich eines der interessantesten und kreativsten Festivals, die Osteuropa zu bieten hat.


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Website des Brave! Factory Festival


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