Ein Wochenende in Lwiw, Pt. 2

Am Wochenende wacht Lwiw früh auf. Samstag scheint nun der Tag zu sein, an dem die Einheimischen ihre Fenster putzen: als ich die drei Kilometer bis zum Stadtzentrum spaziere, sehe ich fast in jedem Haus Leute, die mit Reinigungslappen und Eimer mit schaumigem Wasser bewaffnet sind und tüchtig ihre Fensterscheiben glänzen lassen. Es riecht überall nach Frische, Hoffnung und Reinigungsmitteln. 

Erinnerungskultur am Lytschakiw-Friedhof

Mein erster Zielpunkt ist der Lytschakiw-Friedhof. Hier bekommt man einen guten Einblick in die Geschichte Lwiws und auch in die Erinnerungskultur der Region: gegründet im Jahre 1786, umfasst der Friedhof mittlerweile über 300.000 Gräber. Auf dem Lytschakiw-Friedhof sind viele berühmte Polen und Ukrainer begraben: zum Beispiel die Schriftstellerin und Aktivistin für Frauenrechte und polnische Unabhängigkeit Maria Konopnicka oder der in Ostgalizien geborene Dichter Iwan Franko, der für die Entwicklung der ukrainischen Literatursprache und des nationalen Gedankens ausschlaggebend war. 

Auch Soldaten von unterschiedlichsten Armeen wurden auf dem Lytschakiw begraben. Die vielen Denkmäler und Gräber dokumentieren die Ereignisse des 1. und 2. Weltkrieges sowie die Kämpfe der Ukrainer und Polen für eigene Souveränität. Ein wesentlicher Teil der Gesamtfläche gehört beispielsweise dem Friedhof der Verteidiger von Lemberg. Begraben hier sind die sogenannten Lemberger Adler – die polnischen Kindersoldaten und Jugendlichen, die während des Polnisch-Ukrainischen Kriegs 1918-1919 gegen die Armee der Westukrainischen Volksrepublik kämpften. Auf der nördlichen Seite des Friedhofs liegt das Marsfeld – ein Kriegerdenkmal mit Gräbern von sowjetischen Soldaten, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die nationalsozialistischen Besatzer gefallen sind. 

Architektur-Potpourri

Nach gut zwei Stunden auf dem Lytschakiw entscheide ich mich, einfach durch die Stadt zu bummeln – in gewisser Weise sind Lwiws Straßen das beste Stadtmuseum überhaupt. In seiner Architektur spiegeln sich Elemente vieler Epochen und Baustilen wieder – so sieht man öfters Häuser des Barocks, der Renaissance, des Klassizismus, des Historizismus, des Jugendstils und des Art décos nebeneinander stehen. Tatsächlich ist Lemberg über Jahrhunderte hinweg fast völlig unzerstört geblieben, trotz vieler Kriege und Machtwechsel, die die Stadt miterlebt hat. Viele seiner Gebäude stammen aus den 15.-19. Jahrhunderten. Kein Wunder, dass UNESCO 1998 Lembergs historische Altstadt zum Weltkulturerbe ernannt hat – damit ist Lemberg ein vollwertiger Konkurrent für Städte wie Prag oder Dresden. 

Mitten am Marktplatz, im Herzen der Altstadt, steht das Rathaus – ein Gebäude im Klassizismus-Stil, errichtet im 19. Jahrhundert. Dessen Turm kann jeder Besucher für eine kleine Gebühr besteigen, um 409 Stufen später nun mal auf der 65 Meter Höhe über die Stadt deren Schönheit zu bewundern. Die Aussicht ist wirklich atemberaubend – und das liegt wohl nicht nur an den 409 Stufen. 

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Eine pulsierende Stadt

Der Ort, wo ich jedoch Lemberg von heute, seinen gegenwärtigen Atem und Rhythmus am besten spüren konnte, ist der Platz rund um das Lemberger Opernhaus, mitten im Hauptprospekt der Stadt mit dem symbolischen Namen “Svobody” (Freiheit). Hier durchquert der unterirdische Fluss Poltwa die Stadt. Man sagt, im Orchestergraben des Opernhauses höre man seine Wellen gegen Beton schlagen. Draußen lebt und pulsiert aber Lemberg. Ältere Herren treffen sich, um Schach zu spielen. Auf den Bänken sitzen Babuschkas in ihren prächtigen Kopftüchern und beobachten die Welt. Teenagers bummeln in Gruppen, stets von Rap und Hip-Hop Beats aus den Lautsprechern begleitet. Studenten verteilen irgendwelche Broschüren, junge Eltern hetzen mit ihren Kinderwägen, gelegentliche Touristengruppen machen Fotos, bevor sie sich wieder in den historischen Gassen der Stadt verlieren. 

Lwiw, Lemberg, Lwow – wie auch immer man diese Stadt nennt, eins bleibt: in allen seinen Facetten, hat sie ganz viel Charakter und Charme. Und allein deswegen ist sie einen Besuch wert. 


Alle Fotos © Darya Kulinka


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