Pop-Elektro zwischen Petersburg und Paris

Lena Tschernjak hat ein verblüffendes Debüt-Album unter dem Titel „fbromance“ vorgelegt. Die aus Petersburg stammende Sängerin lebt derzeit in Paris und trat bislang als Sängerin des Kollektivs „Medlenniy djen“ (dt. „Langsamer Tag“) in Erscheinung. Für ihre erste Solo-Arbeit hat sie sich Unterstützung aus der alten Heimat gesichert: Aleksandr Zaitsev und Ilya Belorukov, seit den 90ern in zahlreiche Projekte der Petersburger Elektro-Szene involviert, haben die Klänge zu Tschernjaks weltentrückter Stimme geliefert.

Die Platte ist überraschend unaufgeregt. Simple, in der Mehrzahl langsame Rhythmen geben Lena Tschernjaks Stimme viel Raum. Die Texte drehen sich in Wendungen und Wiederholungen, rufen fortwährend verschiedene Assoziationen hervor, die weder bestätigt noch verworfen werden. Mit „Nasha pesnja“ (dt. „Unser Song“) hat Tschernjak einen eingängigen Song über Zweisamkeit im digitalen Zeitalter geschrieben. Gleichzeitiges Online-Sein ersetzt physisches Beisammensein: „Wir müssen uns überhaupt gar nicht sehen.“ Das parallele Hören des gleichen Songs schafft ein Gemeinschaftsgefühl im digitalen Raum: „Du machst da irgendwas um 2 Uhr nachts. Ich mach auch irgendwas. Und wir sind zusammen. Es spielt unser Song.“

Im Vergleich zu dem Sound des Band-Projekts „Medlenniy djen“ fällt Reduktion als bestimmendes Prinzip auf: reduzierter Sound, reduzierter Text, reduziertes Tempo. Auf dieser Skala geht der Song „Novgorod“ am weitesten. Die Beschreibung einer russischen Provinzstadt im Winterschlaf imitiert musikalisch den Prozess des Einfrierens – in die eiskalte Luft gehauchte Worte und im Schneeweiß versterbende Klänge. Nach diesem Gefrierpunkt hört man die beschwörenden Wiederholungen der Vokalaufnahme „Tebje“ mit Erleichterung: „Dich graust’s nicht mehr als alle anderen.“ Mit dieser Versicherung entlässt das Album die Zuhörer*innen aus seiner fesselnden und gleichzeitig befremdenden Klangwelt.

Das für seine Experimentierfreudigkeit auf dem weiten Feld zwischen Pop und Elektro gelobte Album gibt es zu hören auf SoundCloud und Bandcamp.


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Bildquellen: © Lena Tschernjak

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