„Ischewsk unter Wasser“ von russiawithout.me auf Deutsch – Teil 1

Diese Publikation ist eine Übertragung des Specials von russiawithout.me „Ижевск под водой“ (de.: Ischewsk unter Wasser) aus dem Russischen ins Deutsche: http://izhevsk.russiawithout.me (Seiten 2-4). Der folgende Text auf Deutsch ist mit der freundlichen Zustimmung der Redaktion von russiawithout.me entstanden.


Ende 1980er – Anfang 1990er ist in der Industriestadt Ischewsk aus unerklärlichen Gründen eine eindrucksvolle Elektromusik-„Welle“ aufgekommen. Dank dieser „Welle“ kann man Ischewsk als eine der Elektromusik-Hauptstädte bezeichnen – genauso wie Sheffield, Bristol und Detroit.

Ischewsker haben sich der Erfahrung von europäischen und japanischen Avantgardisten bedient, die Ästhetik des Industrials mit der hiesigen Wehmut gemixt, billige Synthesizer und 8-mm-Filmkameras in ihre Hände genommen, und so Trip-Hop entdeckt, bevor er offiziell 1994 in Bristol entstanden ist.

Dies ist eine dokumentarische Geschichte, die über die Hauptprotagonisten der Ischewsker Neuen Welle berichtet, gemischt mit Fiction und Erlebnissen der Zeitzeugen des Epochenwechsels.

Vergesst nicht, Ton einzuschalten.


Das Pochen des Bambus um XI Uhr / Schneehonig / 1992


1990 SD Ischewsk

Ich dachte nicht lange nach und entschied mich, meinen Kopf selbst zu rasieren. So verletzte ich mich zufällig mit der Klinge. Damals sah ich vor meinen Augen zum ersten Mal die in der Luft schwebenden Kreischen. Ich habe die Augen zugemacht, aber die Kreise sind in verschiedene Richtungen auseinandergelaufen. Und sie haben sich gedreht, wie ein Kreisel. Im Kopf ertönte das Knistern, wie von elektrischen Entladungen. Und dieses unverständliche, immer lauter werdende Getöse. Im Fernseher sang Sofia Rotaru: „Es war einmal, es war einmal, es war einmal, aber jetzt ist es vorbei. O-o-o. O-o-o.“

Aber mir schien es, dass gleichzeitig zehn Fräswerke in Arbeit waren. Und aus dem Maul von Rotaru kam ein schrecklicher Schrei heraus.

Der Ischewsker Teich war unruhig, die Fabrikröhre dröhnten unerträglich. Ich habe meinen Kopf unter Wasser gedrückt, um den nicht aufhörenden Lärm – unklar ob er aus dem Kopf oder noch woanders kam – für eine Weile zu dämpfen.

In der schlammigen Tiefe blitzten jemands Zähne auf und ich hörte eine heisere Stimme: „Deine Rotaru ist scheiße, fang wieder an“.

Wahrscheinlich war das ein altes Krokodil, das, glaube ich, im neunzehnten Jahrhundert ein paar fahrige Fabrikarbeiter gefasst und mit sich weggeschleppt hat.

Ich habe die Ärztin gefragt, ob sie mir EEG machen könnte.

Aber sie sagte, ich denke mir das Ganze aus. „Sich einfach so untersuchen zu lassen – dafür gibt es keinen Grund. Sie haben doch keine wirklichen Beschwerden, oder?“ Und schaute mich prüfend an.

„Sie müssen den Anweisungen folgen. Machen Sie Übungen und gehen pünktlich ins Bett. Unglaublich, wie viele ihr seid – solche Träumer wie Sie.“ Sie schrieb mit einem nicht schreibenden Kugelschreiber das Rezept auf und brachte ihre schwere Brille, die von der Nasenwurzel hinuntergefahren ist, wieder in Ordnung.

Schlafen? Dann schlafen. Aber nachts habe ich mir immer die Auszüge aus dem Post-Punk und Gothic Rock Magazin „Zigzag“ angeschaut. Ich hörte irgendwelche Kakophonie aus Geräuschen, die sich mit der trüben Melodie abwechselten, als ob ich mich mit dem Flussschlamm füllen würde.

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ZIGZAG via http://izhevsk.russiawithout.me/

Mich hat das schrille Licht aus dem Fenster aufgeweckt. Der Baukran drehte sich, deswegen spiegelte sich die Sonne mir direkt in die Augen. Im Fenster tauchte Witalik in einer komischen Mütze auf und zeigte mit dem Kopf: „Komm’ raus!“.

Im Wald roch es nach Feuchtigkeit, die Sonne verschwand hinter der Regenwolke. Witalik drückte mir in Hände die Quarz-Kamera. „Ich werde einem Vogel nachahmen, und du filmst das“. Witalik legte sich auf den Boden hin und ich drückte auf das erstbeste Hebelchen. Irgendwo barsten Zweige, in der Luft laut schnatterte eine Ente. Ich hatte ein Gefühl, dass in mir auch etwas geplatzt ist. Ich tastete meinen Hals an. Witalik öffnete breit seinen Mund, sperrte seine Augen auf und fing an, mit den Händen langsam zu fuchteln.

Aus irgendwelchem Grund klangen im Kopf die Zeilen von Mamin-Sibirjak aus dem Märchen über das Graue Hälschen:

„Der Wald war dunkel und schweigsam. Die erste herbstliche Kälte, nach der der Rasen gelb wurde, verursachte die Aufregung unter allen Vögeln. Alle fingen an, sich auf den großen Weg vorzubereiten, und alle sahen so ernst, besorgt aus. Ja, es ist nicht einfach, so einen riesigen, einige tausende Kilometer umfassenden Raum zu überqueren. Wie viele Vögel werden auf diesem Weg ihre Kräfte verlieren, wie viele werden aufgrund von verschiedenen Zufällen sterben, – es gab vieles zum Nachdenken.“

Ich drückte die kalte Kamera in meinen Händen maschinell zusammen und hörte, wie sie summt.

Wir haben uns ein Monat lang nicht gesehen, und jetzt rief Witalik selbst an und lud zum Teetrinken ein. Aber aus dem Teetrinken könnte auch was Anderes werden. Allein das klang schon nach einem Abenteuer. Ich nahm den Bus und fuhr zum Kulturcamp.

Die Tür war offen. Ich trat ohne Klopfen ein. Witalik hatte rote Kunstlederhose aus dem Second Hand-Laden an. Serjoga war mit der Kamera beschäftigt und saß am Tisch.

Witalik: Wir heißen jetzt SD.

Ich: Also erst „Hurensöhne“, dann „Nervenklinik“… Warum jetzt SD?

Witalik: Das ist eine gute Frage.

Ohne mich anzuschauen, lächelte Serjoga: Hast du über das letzte Konzert gehört? Witalik hat eine Schachtel gebastelt, fügte zwei Türe ein, und setzte sie auf den Kopf. Als wir mit dem Spielen angefangen haben, flogen die Türe auseinander, und Witalik schrie.

Witalik lachte: Es war super. Dem Mädchen aus der ersten Reihe wurde übel, sie ist ohnmächtig geworden. Höchstwahrscheinlich wegen der Schwüle, aber wir schmeicheln uns – wegen der Musik.

Er schwieg.

– Ich würde gerne in die Heimat meines Urgroßvaters fahren.

Witalik spielte Töne mit dem Sampler AKAT 4000 ab, den unser Bekannte, Damespieler Tschischow, aus Holland mitgebracht hat, und murmelte etwas.

Witalik: Wie jetzt?

Ich: Er war ein Priester.

In einem besermanischen Dorf im Norden Udmurtiens. Der Opa wusste, aber hat nie was Genaues erzählt – er verließ Udmurtien und fuhr in den Fernen Osten vor dem Krieg. Hörst du überhaupt?

Witalik: Ja, ich höre zu.

Ich: Eigentlich ist das in unserer Familie kein beliebtes Thema, aber der Urgroßvater musste danach zum Strafvollzug nach Sibirien.

Serjoga versuchte, den Film in die Quarz einzulegen. Aber der Kameradeckel wollte nicht zugehen und er schimpfte leise.

Witalik: Deswegen heißt du Mamin-Sibirjak?

Ich: Wer hat dir das erzählt?

Ich streckte mich zum anderen Tischrand, um eine Papirossa zu nehmen.

Ich: Ich bin kein Mamin-Sibirjak, ich bin das Graue Hälschen.

So nannten sie mich in der Schule. Da ich vor 13 Jahren unglücklich in den Ischewsker Teich sprang, gegen eine Betonplatte stieß und mir den Hals brach. Ich musste lange ein Halskorsett tragen.

Witalik: Wirst du in den Fernen Osten fahren?

Ich: Und wie komme ich dahin?

Es schien, er wolle nicht hören, was ich sage. Im Kassettenrecorder knirschte etwas. Witalik drückte auf den Knopf «Rec» – er fing an zu heulen. Aber die Kassette hat sich eingeklemmt, und das Heulen begann sich zu wiederholen und dann brach das ab. Ich ballte meine Hand ohne Ursache zur Faust und vergaß sofort, was ich sagen wollte. Im Kopf ist es leer geworden. Witalik glotzte dumm den Kassettenrecorder an, der das Heulen wiedergab und dann stoppte. Er schaute mich fragend an.

Ich: Ich glaube, ich hätte eine Idee. Ich träume die ganze Zeit von der gleichen schwermütigen und fürchterlichen Melodie… Lass rausgehen – ich zeige dir.

Witalik zog die Polyethylentüte an, nahm das Mikro und den Recorder, Serjoga nahm die Kamera, ich hatte den Hammer mit. Wir sind in die Dunkelheit rausgegangen und gingen zum Spielplatz mit einem Spinnennetz aus Metall, einem Sonnenschirm und einem Zelt aus Rohren. Ich fing an, langsam rumzulaufen und an jedem Rohr zu klopfen. Die Rohre resonierten, ein zähes Getöse prallte gegen die in der Entfernung stehenden Häuser. In den Fenstern spiegelte sich die Dunkelheit wider. Witalik nahm den Sound auf. Wegen dem Getöse zerfloß die umgebende Landschaft in der Weite ich sah nur die Röhre in der Nähe.

Ich horchte am Rohr und hörte dem aufmerksam zu. In der Nähe lag die Schraubenmutter – ich zog sie an meinen Finger an und fing an, leise zu klopfen. Ich hörte die Stimme Witaliks irgendwo abseits: „Das ist es…“

Die vereinzelten Passanten in der Nähe knallten ein paar Böller.

Und schrien: „Frohes Neues!“

In einer Polyethylentüte springend kritzelte Witalik an der Wand: «Felitschita».

Und schrie: «Jetzt geht das Leben richtig los!» Serjoga lachte aus voller Brust.

Und im März wurde ich zur Armee eingezogen.



sd / vogel / 1987 / ischewsk


… dies ist noch kein Ende des Specials „Ижевск под водой“ von russiawithout.me. Gespannt auf unsere Übertragung des Textes ins Deutsche? Schreibt uns über Facebook oder per E-Mail, falls ihr euch für die Fortsetzung dieses Specials mit den weiteren Geschichten aus Ischewsk interessiert!


Bildquelle (Titelbild): via russiawithoutme [http://izhevsk.russiawithout.me/]

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