goEast Symposium: drei Fragen an Barbara Wurm

Die kommende Woche ist es soweit: goEast 2017 – das Filmfestival des Mittel- und osteuropäischen Films – startet am Mittwoch in Wiesbaden. Ein wichtiger Bestandteil des Festivals ist wie immer das goEast Symposium, welches sich dieses Jahr dem Thema Feministisch wider Willen – Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa widmet. Gespannt auf das vielfältige Programm des Festivals haben wir drei Fragen an die Leiterin des Symposiums Barbara Wurm, Slawistin und Autorin, gestellt.

osTraum: Warum sind Filmemacherinnen aus dem „Osten“ interessant für die deutsche_n Zuschauer_innen heute?

Barbara Wurm: Es würde keine Filmfestivals geben und besonders keine mit regionalen und historischen Schwerpunkten, wäre mit dem Angebot, das ‚ins Kino‘ kommt, schon alles gut. Aus Osteuropa kommen immer nur ausgewählte Filme im deutschen Verleih an. Bei Festivals ist das anders. Es werden auch extra untertitelte Fassungen für Festivals gemacht, auch von ‚älteren‘ Filmen, von denen in mühsamer Arbeit Kopien gesucht werden, die spielbar sind. Außerdem kommen diesmal teilweise die Regisseurinnen zur Vorführung nach Wiesbaden, was natürlich eine enorme Bereicherung ist. Eine Lana Gogoberidze kennen zu lernen – sie war ein Star damals in der Sowjetunion und ist bis heute noch eine wichtige ‚Aktivistin‘ in Georgien. Wir zeigen die Filme im Rahmen eines Symposiums, das heißt in einem größeren Kontext, flankiert von Vorträgen und Einführungen und Podiumsdiskussionen. Was daran interessant sein könnte? Alles! Besonders die Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der die Regisseurinnen an Alltagsprobleme herangehen, die auf den ersten Blick unwichtig scheinen (und im ‚großen‘ Kino auch oft deshalb keinen Platz hatten). Die Bulgarin Binka Zhelyazkova ist auch so eine ‚Wiederentdeckung‘, eine starke expressionistische Filmsprache zu einem Problem, das auch die Kernfrage des Symposiums betrifft: zur Rolle von Frauen in den angeblich ‚revolutionären‘ Gesellschaftsordnungen im Sozialismus. Viele wollten sich nicht damit zufrieden geben, dass angeblich im Sozialismus alle gendertroubles gelöst sind. Und haben vehement darauf hingewiesen, dass es bis zuletzt grobe Ungerechtigkeiten gab. Aber sie wollten das nicht als Feminismus verstanden wissen, aus den unterschiedlichsten Gründen.

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„Flügel“ (UdSSR, 1966) von Larisa Schepitko (Bildquelle: Мосфильм / © goEast)

osTraum: Was unterscheidet aus Ihrer Sicht Filme von Regisseurinnen aus dem sozialistischen Mittel- und Osteuropa des 20. Jahrhunderts von Filmen ihrer heutigen Kolleginnen?

Barbara Wurm: Das kann man nicht allgemein beantworten. Die heutigen Frauen drehen vermutlich mit einer größeren Selbstverständlichkeit. Es gibt nicht mehr diese strukturellen Schwierigkeiten, ‚auch als Frau‘ Regisseurin zu werden, wie sie sie damals gab. Das betrifft aber nur die Schule und die ersten Filme. Sich danach zu etablieren ist bis heute für Regisseurinnen schwieriger (s. die Bewegung „pro quote“). Seien wir ehrlich. Welche osteuropäischen Regisseurinnen von heute sind denn ‚berühmt‘? Keine vermutlich. Agnieszka Holland wäre ein Name, den man kennt, auch weil sie jetzt „House of Cards“ macht und gerade bei der Berlinale auch Erfolg hatte. Mit einem Film übrigens, der vielleicht ihr erster (oder zweiter) ‚feministischer‘ Film ist. Bei den meisten anderen von ihr gibt es diesen Fokus nicht, sie ist ja eine Genrefilmerin. Der neue Film ist  eine Olga Tokarchuk Verfilmung: POKOT. Öko-feminismus, hard core, sozusagen. Wir zeigen den. Und Agnieszka kommt auch zu goEast. Von der jüngeren Generation würde ich generell sagen, dass sie entweder gar kein großes Genderbewusstsein hat, oder aber wenn, dass es ganz neue (zeitgenössischere, hippere und auch quasi internationale) Formen des Feminismus sind, die im Zusammenhang mit der queer-Bewegung zum Beispiel stehen. Oder die sich in eine größere Protestkultur einfügen. Dennoch gilt insgesamt, was auch für die aktuelle Weltpolitik gilt: Der Konservatismus inklusive Patriarchat und Restauration ist auf dem Vormarsch. Es ist da schwieriger geworden, dezidiert feministische Filme zu machen.

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„Du weisst nicht, wie sehr ich dich liebe“ (Polen, 2016) von Paweł Łoziński (Bildrechte: Cats & Dogs / © goEast)

osTraum: Was möchten Sie sich beim goEast Filmfestival dieses Jahr anschauen?

Barbara Wurm: Was ich mir anschauen möchte? Ich leite ein Symposium, das tagsüber stattfindet und ab 18.00 bis meist weit über mitternacht sind wir dann im Kino. Alles schaue ich mir da an! Es ist die einzigartige Gelegenheit, die Filme im Orginal zu sehen, auf der Leinwand. Es kommen diesmal viele Zuschauer_innen übrigens, extra zum Symposium. Auch eine Studi-Gruppe von unserem Institut (Institut für Slawistik an der Humboldt Universität zu Berlin) und eine aus Tübingen. Die Slawist_innen beginnen zu verstehen, was die Filmleute schon immer wussten: Ein Festival lohnt sich. goEast ist ein Austauschort für Mittel- und Osteuropa geworden. Kulturell, politisch, künstlerisch – absolut top. Da ich ja auch in der Auswahlkommission des Festivals bin, und die meisten Filme schon gesehen habe, kann ich zumindest schon mal verraten, was ich aus dem Wettbewerb toll finde: die Filme aus Polen „Die Sonne, die Sonne blendete mich“ und „Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe“, dann „Fixeur“ von Adrian Sitaru, auch den kirgisischen Film, der ganz nachdenklich ist, „Vaters Vermächtnis“ – sehr schön. Die Frauen sind diesmal stark vertreten und haben tolle Filme, wie Hana Jusic mit „Ne gledaj mi u pijat“. Da ich ja Russistin bin, schaue ich natürlich bei den russischen Filmen besonders gut hin. Diesmal gab es wenig sehenswertes in der Auswahl. Die Filmemacher klagen alle, dass sie für ihre Projekte kein Geld bekommen, weil der Kulturminister, Medinskij, es ernst meint mit seiner Liste der ‚bevorzugten Themen‘. Also zeigen wir Filme quasi aus dem Untergrund, independent. Eine große Reflexion über Russland ist das Kunst-Projekt „Rossija kak son“, ein trauriger Dokumentarfilm, mit Handkamera von einer jungen Frau gedreht, ist auch toll – über ihre Reise zu ihrem Vater nach Syrien. Er heißt „Vse dorogi vedut v Afrin“. Auch die HungarologInnen hätten diesmal ein Fest: Es laufen gleich acht Filme von Mészáros Márta, die selbst auch kommen wird. Die Grande Dame des ungarischen Kinos, absolut. Aus diesen acht Filmen kann man wahrscheinlich so viel über die Geschichte Ost- und Mitteleuropas lernen wie in zehn Seminaren nicht. Und übers Leben obendrein 🙂 Last but not least empfehle ich noch die Vorführung, die wir in memoriam für den verstorbenen Nekrorealisten Evgenij Jufit machen. „Papa, umer ded moroz“. Wer nicht weiß, wie sich die Perestrojka im Underground anfühlte … oder wer einfach nur Lust an der Subversion hat, ist hier genau richtig. Schräger geht es nicht. Widerständiger auch nicht. So weit von mir.


Für alle von euch, die sich in den nächsten Tagen zufällig in der Nähe von Wiesbaden aufhalten, möchten wir das abwechslungsreiche und spannende Programm des Symposiums sowie aller anderen Sektionen von goEast 2017 ans Herz legen.


Bildquelle (Titelbild): © goEast

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