Der Warschauer Kulturpalast – das kontroverse Bauwerk der polnischen Hauptstadt

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt Warschaus annähernd komplett zerstört. Ihr Wiederaufbau war auf der einen Seite geprägt durch die umfangreiche Rekonstruktion historischer Ensembles und auf der anderen Seite durch die Errichtung neuer Bauten wie den Kultur- und Wissenschaftspalast (Pałac Kultury i Nauki, abgekürzt: PKiN). 

Der Kulturpalast ist zum Symbol der sowjetischen Dominanz geworden, zur kommunistischen Ikone der polnischen Hauptstadt, zum Machtsymbol, das als ein „Geschenk“ der Sowjetunion an das polnische Volk die Omnipräsenz der Sowjetunion in der polnischen Hauptstadt zum Ausdruck brachte. Seinerzeit, nach seiner Errichtung 1952-1955 durch den russisch-sowjetischen Architekten Lew Wladimirowič Rudnew (1885-1956) das höchste Gebäude Warschaus, ist der Kulturpalast auch heute in der Stadt kaum zu übersehen. Fast siebzig Jahre nach seinem Bau prägt er – Heimstätte von vier Theatern, zwei Universitäten, eines Multiplex-Kinos, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, einer Kongresshalle, zahlreicher Büros und vieler weiterer Einrichtungen – weiterhin das Stadtbild und sorgt für kontroverse Diskussionen in Gesellschaft, Politik und Kulturbranche. Nach 1989 wurden zahlreiche Vorschläge für den weiteren Umgang mit dem Kulturpalast und seiner Umgebung diskutiert – vom Abriss bis hin zum kompletten Umbau des Plac Defilad und dem Bau eines futuristisch anmutenden Museums für moderne Kunst. Doch entgegen all diesen Plänen blieb der Kulturpalast in seiner Form bis heute erhalten und steht seit 2007 unter Denkmalschutz.

Der Kulturpalast und seine Umgebung sorgen für kontroverse Diskussionen. Nichtsdestotrotz, bleibt das Gebäude in seiner Form bis heute erhalten und steht seit 2007 unter Denkmalschutz. Die Skulpturen und einzelne Elemente des Komplexes bleiben jedoch nicht von Vandalismus verschont.

Das sozialistische Hochhaus als „Geschenk“ für das polnische Volk

Wie wurde aber die Errichtung des Kulturpalasts überhaupt möglich? Mit der Anerkennung der Regierung der Nationalen Einheit (Tymczasowy Rząd Jedności Narodowej) durch die Westalliierten im Juli 1945 befand Polen sich offiziell im sowjetischen Einflussbereich. Als der damalige sowjetische Außenminister Wjačeslaw Molotow (1890-1986) die polnische Hauptstadt besuchte, schlug er vor, in Warschau ein Hochhaus nach Moskauer Vorbild zu bauen. Der Vorschlag kam für die Polen unerwartet. Das Gebäude sollte die Freundschaft zwischen dem sowjetischen und dem polnischen Volk symbolisieren – doch angeblich wünschten sich die Warschauer:innen damals lieber eine U-Bahn. Die Entscheidung für den Bau des Kulturpalasts stand jedoch schon mit seiner Verkündung fest, und so entstand das monumentale Hochhaus nach dem Vorbild der berühmten „Sieben Schwestern“ in Moskau – typische Beispiele für den Sozialistischen Klassizismus (auch: Zuckerbäckerstil).

Warschaus Kulturpalast sollte allerdings nicht nur sozialistisch sein, sondern auch polnisch. Für diesen Zweck wurde das sowjetische Architektenteam unter der Leitung von Lew Rudnew, das für den Bau der Lomonossow-Universität verantwortlich war, auf eine Reise durch mehrere polnische Städte eingeladen, um sich Beispiele polnischer Architektur anzuschauen. Für die Errichtung des Kulturpalasts standen fünf Standorte zur Auswahl; die Entscheidung fiel am Ende jedoch auf die Marszałkowska, die direkt am Bahnhof liegt. Der Kulturpalast sollte nicht zu nah an der historischen Innenstadt gelegen sein, um ein eigenständiges, neues soziales Zentrum der Stadt bilden zu können. Für die Errichtung des Gebäudes mussten in der ohnehin stark zerstärten Stadt viele Häuser abgerissen und ihre Bewohner umgesiedelt werden. Polen hatte die Unterbringung der eingeladenen sowjetischen Bauarbeiter:innen aus eigenem Budget zu bezahlen und musste sich auch anderweitig finanziell an dem Bau beteiligen.

Die Höhe des Kulturpalasts beträgt beachtliche 237 Meter inklusive der Nadel an der Spitze. Das Gebäude hat 44 Etagen, und seine Tragstruktur besteht aus einem Stahlskelett, das mit Backsteinen ausgefacht und mit Naturstein verkleidet wurde. In Bezug auf die Architektur ließ Rudnew sich nicht nur vom Empire State Building in New York, sondern auch von polnischer Architektur inspirieren und versuchte eine Synthese aus Sozialistischem Klassizismus und traditioneller polnischer Architektur.

Den sowjetischen Architekten war es außerdem sehr wichtig, den Platz rund um den Kulturpalast möglichst großzügig anzulegen. Der Plac Defilad, 400 Meter lang und 80 Meter breit, zählt heute zu den größten Stadtplätzen der Welt. Ursprünglich trug er den Namen „Stalinplatz“. Vor einem Stalin-Denkmal, das allerdings nie errichtet wurde, sollten Manifestationen und Paraden stattfinden. Nach der sowjetischen Propaganda diente der riesige Platz vor dem Hochhaus nicht zuletzt dazu, die Überlegenheit über die westliche (amerikanische) Gesellschaft zu demonstrieren. Małgorzata Omilanowska, polnische Historikerin, schreibt dazu: „they [empty spaces] were to demonstrate the superiority of the planned Socialist economy and the advantages of eliminating private land ownership.“ Heutzutage wird der Plac Defilad unter anderem als Parkplatz und – seltener – als Platz für öffentliche Versammlungen und Veranstaltungen genutzt.

Der Warschauer Kulturpalast nach dem Zerfall des Ostblocks

Nach 1989 wird der Kulturpalast zum Gegenstand heißer Debatten in der polnischen Gesellschaft. Durch seine Geschichte ist er ein Symbol der sowjetischen Dominanz, und der Kollaps des Ostblocks stellt die Frage nach seinem weiteren Schicksal in den Raum. So neu ist diese Situation für Warschau allerdings nicht: Omilanowska erinnert an die Zeit, da Polen seine Unabhängigkeit gegenüber dem zaristischen Russland erlangte und die orthodoxen Kirchen in der Stadt als Symbole der russischen Dominanz abgerissen wurden. Am Ende bleibt der Kulturpalast trotz kontroverser Debatten von einer solchen Entscheidung verschont: Spätestens mit seiner Aufnahme in das Denkmalschutzkataster ist sein Abriss unmöglich geworden. Anders sieht es mit dem Plac Defilad und sonstigen Gebieten in seiner unmittelbaren Umgebung aus, die bislang noch nicht in das Denkmalschutzkataster aufgenommen werden konnten.

Nach 1989 wird der Kulturpalast zum Gegenstand heißer Debatten in der polnischen Gesellschaft.

Seit den 1990er Jahren ist Warschau auf der Suche nach Ideen, wie die Dominanz des Kulturpalasts in der Stadtlandschaft reduziert oder zumindest relativiert werden kann. 1990/91 begann ein erster internationaler Wettbewerb zur Umgestaltung des Kulturpalast-Geländes. Das ausgewählte Konzept schlug vor: „a circular boulevard around which a ring skyscrapers of various shapes and sizes would be raised, forming a frayed skyline surrounding the Palace from all sides“ (vgl. Omilanowska) – also eine Art „Krone“ aus neuen hohen Gebäuden rund um den Kulturpalast. Die Idee stieß am Ende auf Ablehnung. 2003 beauftragte der neue Stadtarchitekt Michał Borowski die Entwicklung eines alternativen Entwurfs. Das dabei entwickelte Konzept sah eine Reihe niedriger Gebäuden rund um den Kulturpalast vor, unter anderem ein Einkaufszentrum und das Museum für moderne Kunst nach dem Projekt des schweizerischen Architekten Christian Kerez. Das von Borowski entwickelte Konzept konnte jedoch ebenfalls nicht realisiert werden. Nach seiner Entlassung 2006/2007 wurde das „Krone“-Konzept re-evaluiert und eine Reihe neuer Vorschläge entwickelt. Immer wieder findet aber keine der Ideen allgemeine Anerkennung. Die komplizierten Entscheidungsfindungsprozesse demonstrieren in erster Linie, wie uneinig die Stadtregierung und die Warschauer:innen über die Umgestaltung der Umgebung des Kulturpalastes sind, die so etwas wie ein verzauberter Ort zu sein scheint – eine leere Fläche mitten in der Stadt, die keiner beanspruchen kann oder will.

„An unsolved problem for the city“ – mit diesen Worten umschreibt Omilanowska die städtebauliche Situation mit dem Kulturpalast heute. Das monumentale Gebäude steht nach wie vor im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen und Debatten über die architektonische Stadtlandschaft Warschaus und hat somit, könnte man ironisch folgern, sein ursprüngliches Ziel erreicht – es ist das neue Zentrum der polnischen Hauptstadt. Im Laufe der Zeit ist der Kulturpalast darüber hinaus zu einer „gigantischen Ikone der sowjetischen Architektur“ geworden (vgl. Dominik Bartmanski 2014). Längst ist er ein ikonisches Bauwerk, ein „symbolisches Zentrum“, ein „modernes Totem“, das vielschichtige Bedeutungen beinhaltet und „zur materiellen und ästhetischen Verankerung kollektiver Gefühle“ dient. 

Literatur

Bartmanski, Dominik: „Ein p/ostmodernes Totem: Wie man als kommunistische Ikone den Kommunismus überdauert“. In: Spielplätze der Verweigerung. Hrsg. von Christine Gölz und Alfrun Kliems. Köln: Böhlau Verlag 2014.

Bartmanski, Dominik: Matters of Revolution: Urban Spaces and Symbolic Politics in Berlin and Warsaw After 1989. London: Routledge 2022

Hoffmann, Hans Wolfgang u. Huber, Werner: Architekturführer Warschau. DOM Publishers 2015.

Murawski, Michał: The Palace Complex. A Stalinist Skyscraper, Capitalist Warsaw, and a City Transfixed. Bloomington: Indiana University Press 2019.

Omilanowska, Małgorzata: “Post-Totalitarian and Post-Colonial Experiences. The Palace of Culture and Science and Defilad Square in Warsaw.” In: The Post-Socialist City. Continuity and Change in Urban Space and Imagery. Hrsg. von Alfrun Kliems und Marina Dmitrieva. Berlin: Jovis 2010.

Bilder: © Maria Gerasimova für osTraum

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