Ira Peter über russlanddeutsche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Deutsch Genug?

Text: Maria Gerasimova, Aleksej Tikhonov

Russlanddeutsche, Wolgadeutsche, Spätaussiedler:innen, RD+, PostOst … Es gibt eine Vielzahl an Begriffen, die allerdings alle zu kurz kommen, um diese heterogene Gruppe zu fassen. „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ von Ira Peter ist eine kühne Unternehmung, Leser:innen einen Einblick „hinter die Kulissen“ zu bieten. Wer sind Russlanddeutsche? Was haben sie mit Russland zu tun? Haben sie überhaupt etwas mit Russland zu tun? Was machen sie in Deutschland? Sind alle Russlanddeutsche AfD-Wähler:innen? Peter begibt sich auf eine Recherche, die primär in ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte ihrer Familie den Ursprung nimmt. Durch die Gespräche mit der Verwandtschaft, Freund:innen, Bekannten, aber auch diversen Expert:innen wird so ein Porträt der (Spät)Aussiedler:innen in Deutschland gezeichnet.

Die Autorin behandelt unterschiedliche Aspekte der russlanddeutschen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei geht sie zum Einen autobiografisch vor und teilt ihre eigene Geschichte und Erfahrungen, zum Anderen versucht sie eine objektive Perspektive zu vermitteln:

„Dieses Buch ist eine Einladung, ebendiese 2,4 Millionen Menschen [die Russlanddeutsche] kennenzulernen, von denen die meisten seit über 30 Jahren in diesem Land leben“,

schreibt Peter im Vorwort zum Buch. Und genau das ermöglicht „Deutsch genug?“. Das Buch ist in erster Linie an die deutsche Leserschaft ohne einer oder mit einer anderen Migrationsgeschichte gerichtet, die bis jetzt vielleicht nur wenig mit dem Thema in Berührung kam. Nichtsdestotrotz, ist das Buch auch für Russlanddeutsche selbst vom Interesse. Die persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen der Autorin motivieren neue Fragen an sich selbst und die eigene Familie zu stellen, solange es noch möglich ist. Denn auch die Familienmitglieder, die sich aus der ersten Hand an die Erfahrungen der Russlanddeutschen in der Sowjetunion und die Rückkehr in die historische Heimat – nach Deutschland – sowie den oft beschwerlichen Weg dahin erinnern, werden immer weniger. Das Leben in deutschen Siedlungen, die Motivation zum Auswandern und die Realität in der russländischen Monarchie, die ersten Kontakte zur russischen, ukrainischen und weiteren Sprachen, aber auch Deportationen, Inhaftierungen, Diskriminierung, letztendlich auch Tod in sowjetischen Lagern und die Aufbruchsstimmung der späten 1980-er und der 1990-er Jahre, der oft schwere Weg nach Deutschland und das nicht weniger schwere Ankommen in der überraschend fremden Heimat – all das sind keine leichten Themen, über die gesprochen werden muss.

© osTraum

„Deutsch genug?“ kann sich auch als ein Selbstgespräch der Autorin lesen. Von der Abreise aus dem Geburtsland Kasachstan hin zur Neuentdeckung der eigenen Wurzeln als junge Erwachsene nimmt Peter uns auf die Reise durch ihre Erinnerungen aus einem Deutschland, in dem sich die Theorie und die Praxis doch bis heute oft scheidet. Die Anerkennung als Deutsche durch das Bundesverwaltungsamt und die daraus folgende Staatsbürgerschaft waren die bürokratischen Hürden, die sich bei vielen Familien über Jahre hingezogen haben. In Deutschland angekommen, wurde klar, dass es erst der Anfang gewesen ist. Die Menschen wurden dann vor eine gesellschaftliche Herausforderung gestellt, so deutsch zu sein, dass auch niemand von den rund 72 Millionen deutschen Staatsbürger:innen an der Zugehörigkeit zu dem Land zweifeln würde. Und wenn eine Person zusätzlich zur amtlichen Anerkennung und der Staatsbürgerschaft auch noch wirklich alle Stereotype über Deutsche in sich vereinte, war und ist es immer noch keine Garantie für die gesellschaftliche Anerkennung als Deutsche:r und den Verzicht auf eine Vielzahl von unpassenden, wenn auch oft witzig gemeinten Bezeichnungen. „Russe“ ist wohl am meisten verbreitet. So begann und beginnt eine Spaltung der Gesellschaft nicht erst in sozialen Netzwerken oder bei rechtsextremen Parteien, die gestern noch die Menschen, über die Peter schreibt, als Menschen zweiter Klasse oder „unechte“ Deutsche ansah. Sie beginnt bei uns selbst und es liegt an uns, dass wir aufhören Menschen zu vermessen und uns auf die Gemeinsamkeiten besinnen, von denen wohl die wichtigste ist: richtig zuhören und ausreden lassen. Dann werden Geschichten nicht vergessen.

„Deutsch genug?“ von Ira Peter ist der erste Versuch, all die Geschichten für ein breites Publikum persönlich und gleichzeitig faktenbasiert zu erzählen, die Jahrhunderte lang in der deutschen Geschichtsschreibung und Gesellschaft vergessen, verschwiegen oder zu sehr vereinfacht wurden.

Die Komplexität der russlanddeutschen Geschichte, die durch das Buch besonders sichtbar wird, setzt ein Zeichen, wie wichtig es ist, an diesem Thema literarisch weiter zu arbeiten. Mehrere Aspekte werden ans Licht geholt, können aber im Rahmen des Werkes nicht in der Tiefe betrachtet werden. „Deutsch genug?“ ist nur ein Anfang für die biografisch geprägte Sachliteratur über Russlanddeutsche, dem hoffentlich weitere Werke – auch von Ira Peter – in den kommenden Jahren folgen werden. 


Ira Peter ist freie Journalistin, die sich mit russlanddeutschen Themen in journalistischen Beiträgen, kulturellen Projekten, als Rednerin bei Veranstaltungen und auch im Podcast „Steppenkinder“ (zusammen mit Edwin Warkentin) auseinandersetzt. „Deutsch genug?“ ist ihr erstes Buch, das bei Goldmann Verlag (Penguin Random House) erschienen ist. Die 1. Auflage ist bereits vergriffen, die 2. Auflage aber schon im Druck. Die Autorin stellt auch persönlich ihr Buch bei diversen Veranstaltungen bundesweit vor – folgt ihr auf Instagram, damit ihr keine Termine und Neuigkeiten um das Buch und ihre Arbeit verpasst.

Deutsch genug?

Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen

Ira Peter

Goldmann 2025


*Der Begriff Russlanddeutsche bezieht sich nicht ausschließlich auf das heutige Staatsgebiet der Russischen Föderation und darf folglich nicht allein mit dieser assoziiert werden. Im Artikel wird dieser Begriff aber für die allgemeine Verständlichkeit benutzt. Vielmehr umfasst die Bezeichnung deutsche Auswanderergruppen, die zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert in verschiedene Regionen des ehemaligen Russischen Reiches übersiedelten. Vor dem Hintergrund aktueller soziohistorischer Entwicklungen erscheint der Begriff in Deutschland zunehmend unzeitgemäß, da er eine ausschließliche Bezugnahme auf Russland impliziert. Tatsächlich lebte ein erheblicher Teil dieser Migrantengruppen und ihrer Nachkommen nie in Russland selbst, sondern vielmehr in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion wie Kasachstan, der Ukraine, Usbekistan, Belarus und weiteren. Auch die russische Sprache kann in diesem Zusammenhang nicht als exklusives Identitätsmerkmal russischer Herkunft betrachtet werden, da sie über die Grenzen Russlands hinaus verbreitet und funktional geprägt ist.

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