Duma Mag: Das queere Magazin Polens im Interview

Text: Julian Wörfel

Polen befindet sich im Umbruch. Das Land prescht ökonomisch nach vorne und wird voraussichtlich bis 2030 Großbritannien in der Wirtschaftsleistung überholen. Noch 2024 war Polen zum fünften Jahr in Folge das LGBTIQ+feindlichste Land der EU, doch 2025 schmücken bereits Regenbogenfahnen viele Cafés der Warschauer Innenstadt. Zwischen den schrillen Trillerpfeifen ultrakonservativer Protestierender und den wummernden Bässen queerer Clubs findet sich viel Raum für Neues. Mittendrin ist Mateusz Jaskot, Chefredakteur vom Duma Mag, einem queeren Magazin, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die spannenden Geschichten derer zu erzählen, die sonst kein Gehör finden.

osTraum: Hallo Mateusz, schön dass du heute hier bist! Magst du dich vielleicht kurz vorstellen und uns erzählen, wie du an den Punkt gekommen bist, an dem du heute stehst?

Mateusz: Hey! Ich bin Mateusz und lebe in Warschau. In der Oberstufe habe ich angefangen, mich ehrenamtlich für die Parada Równości (Parade der Gleichstellung bzw. Pride Parade) zu engagieren, habe deren Grafikdesign entworfen, das Logo neu gestaltet und so weiter. Das hat mir mega Spaß gemacht, denn es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, einen Tag im Jahr zu schaffen, an dem die Menschen auch aus den kleineren Städten Polens kommen,sich sicher fühlen und sie selbst sein können. Ich hab so viele Briefe und Mails von Leuten gelesen, die erzählt haben, wie wichtig dieser Tag für sie ist. Und das hat mich motiviert, für Menschen da sein zu können, die eben nicht jeden Tag sie selbst sein können. Ich hatte das Glück, Eltern zu haben für die es kein Problem war, als ich mich geoutet habe. Das war sozusagen der Anfang meines Engagements für die Community.

osTraum: Und wie kam es dann zu der Idee von Duma Mag?

Mateusz: Wegen der Pandemie konnten wir 2020 keinen richtigen Pride veranstalten. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir die Community zusammenbringen können und vor allem den Leuten, die in kleinen Städten leben, zu zeigen, dass wir alle Schulter an Schulter stehen. Das war der Moment, in dem die Idee für Duma Mag entstand. Also eine Publikation, in der wir die vielen Künstler:innen, Organisationen und Leute aus der Community zeigen können und was sie alles Krasses machen. Das haben wir dann gesammelt und die erste Ausgabe des Magazins 2020 herausgebracht. Am Ende ist es dann größer geworden, als ursprünglich geplant war und das Feedback war super positiv. Die Leute meinten: Endlich gibt es ein queeres Magazin das zeigt, was für coole Sachen die Leute aus der Community machen. Und deshalb habe ich beschlossen, es weiter zu machen und eine eigenständige Redaktion zu gründen, die das Duma Mag ausmacht.

osTraum: Wie würdest du das Duma Mag jemandem beschreiben, der noch nie von dem Magazin gehört hat?

Mateusz: Ganz kurz: Ein inklusives Magazin. Denn die Grundidee war ja, jedem einen Platz zu geben, der etwas Wichtiges zu erzählen hat. Uns ist egal, woher jemand kommt, welche Hautfarbe oder Sexualität Menschen haben. Wir konzentrieren uns auf die Energy, den Drive, mit dem Menschen etwas für andere Menschen auf die Beine zu stellen. Es geht also nicht um irgendwelche Trends oder Popkultur, was man sonst auch überall lesen kann, sondern um die Nischen, den Underground und die queere Welt. Alles, wovon man davor noch nie gehört hat, können wir hier zeigen.

Wir hatten in Polen lange Zeit kein Magazin, das sich auf die Stimmen derer konzentriert, die sonst weniger Gehör finden. Deshalb ist es uns wichtig, Raum zu schaffen für People Of Colour, nichtbinäre Menschen und alle, die anderweitig marginalisiert werden. Denn es gibt so viele interessante Geschichten, so viele interessante Menschen, die sonst nicht auf einem Cover landen, weil sie nicht weiß oder dünn genug sind oder was auch immer. Wir wollen aber das ganze Spektrum zeigen und wollen deshalb was Anderes machen, als die meisten anderen Magazine. Keine Clickbait-Geschichten, über die schon hundert mal geschrieben wurde, sondern etwas wirklich Neues.

osTraum: Und wie war die Resonanz bisher?

Mateusz: Im Grunde genommen ist es ja eine Community-Publikation, von der Community für die Community. Aber es sind auch schon bekanntere Leute zu uns gekommen und meinten, dass das Magazin sehr professionell aussieht, sehr sexy. Aber wir werden nie so etwas wie die Vogue sein, und das wollen wir auch überhaupt nicht, uns geht es nicht um Erfolg. Vielmehr geht es uns darum, tolle Menschen zu zeigen, damit sie sich auch wertvoll fühlen können. Und auch sexy!

osTraum: Gab es denn auch Versuche, eure Arbeit zu zensieren,irgendwelche Kontroversen oder Einschüchterungsversuche?

Mateusz: Tatsächlich gab es einige. Was wirklich schwierig werden kann, ist das Problem der Cancel-Culture. Dann geht es manchmal nicht mehr darum, Leute zu canceln, die wirklich gefährlich für die Community sind. Viel eher trifft es manchmal die Falschen , wie z. B. einmal als es darum ging, das Duma Mag zu canceln, weil wir eine Person eingeladen haben, die mit jemandem befreundet war, der gecancelt wurde. In solchen Momenten geht es auch gar nicht mehr um Argumente. Die queere Community ist natürlich sehr sensibel und das hat auch sehr gute Gründe. Aber es ist auch nicht so einfach, ein Magazin zu machen, das sich nicht nur der Mode oder rein schwulen Perspektiven widmet, sondern versucht, die Perspektiven von LGBTIQ+ Personen, People of Color und so weiter zu kombinieren, weil alle im Team ein sehr breites und aktuelles Wissen mitbringen müssen.

osTraum: Das ist interessant, dass du das sagst. Ich hatte, als ich die Frage gestellt hatte eigentlich viel mehr an Repressionen von staatlicher Seite gedacht oder von der PiS-Partei oder so. Gab es so was denn auch?

Mateusz: Nein, und das obwohl wir uns sogar echt darum bemüht haben, dass es mal dazu kommt! Wir haben z. B. Menschen aus der queeren Community in ein Madonnen-Outfit gesteckt, also eine katholische Kirchenikone und haben uns gedacht: „Das wird der Hammer, irgendein katholisches religiöses Portal wird über dieses schreckliche LGBTIQ+Magazin schreiben“, aber dazu ist es leider nicht gekommen.

osTraum: Du meintest ja, es ist euch auch ein Anliegen, nicht nur aus Warschau zu berichten, sondern auch den Stimmen aus kleineren Ortschaften einen Raum zu geben. Wie genau sieht das aus?

Mateusz: Wir machen von Zeit zu Zeit offene Aufrufe, etwa über Social Media. So hat sich z. B. jemand bei uns gemeldet, der die erste Pride Parade in einem sehr sehr kleinen Ort organisiert hat. Das war toll, weil die Person zeigen konnte, dass es eben auch in ihrem Ort queere Menschen gibt. Und diese Sichtbarkeit ist so wichtig, weil die Situation auf dem Land ja ganz anders ist als in Warschau. Während man sich in Warschau aus Ego-Gründen über die Ausführung der Pride streitet, geht es halt den Leuten in den kleineren Orten einfach darum, dass sie da sind, dass sie leben und dass sie nicht respektiert werden. Und diese Sichtbarkeit ist unserer Meinung nach viel wichtiger. [2024 kam es aufgrund persönlicher Differenzen zur Ausrichtung zwei getrennter Pride Parades in Warschau, Anm. d. Red.]

osTraum: Welche Geschichte aus dem Duma Mag ist dir so richtig in Erinnerung geblieben?

Mateusz: Ich glaube, das Wichtigste war wahrscheinlich die erste Ausgabe – das war der Beginn einer wirklich unvergesslichen Reise. Aber vor allem sind es auch einfach die Menschen, die dabei sind. Wir arbeiten ja alle ehrenamtlich, es ist nicht unser Beruf. Was auf jeden Fall immer in Erinnerung bleibt, sind die Premieren, der Moment, in dem wir den Leuten endlich zeigen können, woran wir die letzten Monate gearbeitet haben. Die erste Premiere hatten wir z. B. in einem großen Theater in Warschau – da waren ungefähr 1000 Menschen da! Und als dann das ganze Team von Duma auf die Bühne kam, war das sehr bewegend. Zu zeigen, dass hinter den Namen echte Menschen stehen, die unglaubliche Geschichten erzählen, beeindruckende Fotoshootings machen und all das mit so einer Leidenschaft tun.

Aber wenn du mich jetzt explizit nach einem Thema im Magazin fragst, dann ist das schwer zu beantworten. Denn das ist das Besondere an Duma – es fällt mir schwer, eine einzelne Story herauszugreifen, weil es so viele wichtige Menschen und Erzählungen gibt, die wir bislang veröffentlicht haben. Da kann man sich gar nicht festlegen. Wir haben ja auch pro Ausgabe fünf verschiedene Cover. Wir wollen nicht nur eine Person in den Mittelpunkt stellen, wenn es rund 30 Themen pro Ausgabe gibt.

osTraum: Und was ist ein spannendes Projekt, das grade so bei euch ansteht?

Mateusz: Wir haben zum ersten Mal einen Duma-Kalender gemacht. Die Idee war, Menschen, die bisher im Magazin waren, auf den Kalender zu bringen – also einen queeren Kalender mit Leuten aus der Community zu gestalten. Und wir stecken schon jetzt in den Vorbereitungen für die nächste Ausgabe im Juni. Und ich kann nur sagen: Es wird noch heißer, noch besser und noch queerer als je zuvor!

osTraum: Ich freue mich schon drauf! Gibt es denn sonst noch etwas, was du den osTraum-Leser:innen mitteilen möchtest?

Mateusz: In diesem Jahr wollen wir das Magazin zum ersten Mal zweisprachig herausgeben – auf Polnisch und Englisch. Es ist uns wichtig, dass es das Magazin weiterhin auf Polnisch geben wird, z. B. für unsere älteren Leser:innen, die kein Englisch in der Schule hatten. Aber es ist auch wirklich cool, dass es jetzt auch auf Englisch sein wird, für die Geschichten aus Polen, aber auch aus dem Ausland. Das macht es dann für Menschen, z. B. aus Deutschland, einfacher, es auch zu lesen.

Was ich sonst noch sagen kann: Vergesst nicht, woher ihr kommt! Wir sind alle Menschen, wir wollen alle geliebt und respektiert werden. Bildet euch weiter und versucht euch selbst zu verstehen!


Benutzung der Abbildungen im Interview mit freundlicher Genehmigung des DUMA MAG.


osTraum arbeitet zu 100 % ohne Bezahlung. Damit es uns weiterhin gibt, unterstütze uns mit nur einem Kaffee bei >>>Patreon<<<.


osTraum auf Facebook
osTraum auf Instagram
osTraum auf Telegram

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.